House of Cards 4x11

Man kann dem Politdrama House of Cards vieles vorwerfen - verkrustete, überholte gesellschaftspolitische Einstellungen gehören nicht dazu. Was mit dem angedeuteten Dreier zwischen Frank (Kevin Spacey), Claire (Robin Wright) und dem mittlerweile verstorbenen Bodyguard Meechum (Nathan Darrow) seinen Anfang genommen hatte, findet jetzt - in anderer Form - eine Fortsetzung in einer neuen Beziehungskonstellation. Hierbei wird deutlich, welch großer Meister der Anpassung Präsident Underwood ist.
Get beyond the game
Die Affäre zwischen seiner Ehefrau - mit der er schon lange nicht mehr das Bett teilt - und seinem Redenschreiber fing vor wenigen Episoden an und ging an ihm nicht unbemerkt vorbei. Die verräterische Tatsache, dass Tom Yates (Paul Sparks) die nicht gerade fröhliche Mutter der First Lady zum Lachen bringen konnte, überführt ihn des Ehebruchs. Statt daraus nun ein eifersüchtiges Theater zu machen oder es gar als Druckmittel gegen Claire einzusetzen, weiß Frank, was zu tun ist. Er erlaubt den beiden eine Fortführung der Beziehung - und das sogar innerhalb seiner eigenen Wohnung.
Tom und Claire nehmen dieses Angebot gerne an, hat sich doch früh in der Episode Mehr als ein Ehepaar angedeutet, dass ein geheimes Aufrechterhalten zu schwierig ist. Claire weigert sich, vor Tom große Ansprachen über die Liebe und ihre angeblich so besondere Verbindung zu Frank zu halten. Die von Aidan MacAllan (Damian Young) aus illegal erhobenen Daten gewonnenen Informationen sprechen jedoch eine deutliche Sprache: „You're everything everyone wants to become.“ Für Frank steht hernach eines fest - will er im Amt bleiben, muss er Claire bei Laune halten.
So reizvoll dieser Handlungsbogen auch ist, so dringlich stellt sich die Frage, wie realistisch es ist, ein solches Szenario aufrechtzuerhalten. Schon in der ersten Nacht und am darauffolgenden Morgen des neuen Abkommens bewegt sich Tom so frei in der präsidentiellen Residenz, dass mehrere Angestellte davon erfahren müssten. Wer von ihnen würde da nicht schnell in die Versuchung kommen, seine oder ihre Erkenntnisse an die Sensationspresse zu verkaufen? Eine Nacht könnte da wohl noch entschuldigt werden, jedoch ist dieses Arrangement ja ganz offensichtlich auf lange Zeit ausgelegt.

Die Intention von Drehbuchautor Tian Jun Gu ist leicht nachvollziehbar, allerdings fehlt diesem Erzählstrang die dramaturgische Substanz, damit daraus mehr als nur ein kleiner Aufreger werden kann. Will sich die Serie nicht komplett von jeglicher realistischer Herangehensweise verabschieden, muss dieses Geheimnis ein ebensolches bleiben. Andernfalls würde das den sicheren Fall der Underwoods zur Folge haben. Dies gilt leider auch für den momentan spannendsten Plot um die Recherchen von Tom Hammerschmidt (Boris McGiver).
Don't ignore where
Dank des Tipps von Heather Dunbar (Elizabeth Marvel) am Ende der letzten Episode nimmt er Kontakt mit Remy Danton (Mahershala Ali) auf, der mit Ausnahme von Doug Stamper (Michael Kelly) wohl über die beste Kenntnis Underwood'scher Missetaten verfügt. Sie treffen sich dort, wo früher das Barbecue-Restaurant von Freddie (Reg E. Cathey) stand, den wir in dieser Episode auch wieder zu Gesicht bekommen. Remy lässt sich von Hammerschmidt auf dessen aktuellen Kenntnisstand bringen, entscheidet dann, nicht allzu viel verraten zu wollen und gibt nur einen dürftigen Hinweis.
Dieser Hinweis beschert Hammerschmidt ein blaues Auge, erwischt er Freddy doch zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Zunächst hielt ich die Aufregung des ehemaligen Kochs und jetzigen Floristen für völlig konstruiert, spielte er doch schon lange keine Rolle mehr. Seine derben Ausfälle gegenüber Frank deutete ich als Vorbereitung für ein potentielles späteres Auspacken gegenüber Hammerschmidt. Ganz offensichtlich hat Freddy daran aber gar kein Interesse: „I don't snitch.“ Nun frage ich mich allerdings, wozu er dann überhaupt in die Serie zurückgebracht wurde. Dramaturgischer Logik folgend müsste er also noch einen Auftritt bekommen.
Auch ohne Freddy kommt der unnachgiebige Journalist weiter. Bei einem weiteren Treffen mit Remy kommt es zur besten Szene der Episode. Um nicht selbst sprechen zu müssen, bedient sich der Lobbyist den Regeln des Trinkspiels Never Have I Ever. So wird Hammerschmidt auf die Spur zu illegalen Machenschaften Franks aus der zweiten Staffel geführt. Mit diesen neuen Einsichten ausgestattet, arbeitet er am Aufbau eines schlagkräftigen Teams, wofür er die Unterstützung seiner ehemaligen Verlegerin Margaret Tilden (Kathleen Chalfant) einholt.

Dieser Handlungsbogen bleibt äußerst interessant, wenn auch zu befürchten steht, dass die Hammerschmidt'sche Bedrohung keine ernsthaften Konsequenzen für die Regentschaft Underwood zeitigen wird. Es bleibt zu hoffen, dass uns die Details der damaligen Verwicklungen zwischen chinesischen Investoren, einem Infrastrukturprojekt, einem Casino und Industriemagnat Raymond Tusk (Gerald McRaney) nicht noch einmal vorgekaut werden. Schließlich gibt es reichlich neue, wie die Behandlung des ICO-Problems in Syrien zeigt.
Do we have a problem?
Frank liefert sich dahingehend einen direkten - wenn auch nur telefonischen - Schlagabtausch mit seinem republikanischen Rivalen Conway (Joel Kinnaman), der gegenüber seinem Vizekandidaten Brockhart (Colm Feore), einem General, ganz offen zugibt, dass er keinerlei Interesse an einem erfolgreichen Einsatz unter Underwoods Ägide gegen das ISIS-Pendant ICO in Syrien hat. Er handelt somit in direkter Opposition zu seinen eigenen Forderungen. Die Motivation dahinter ist eindeutig: Um jeden Preis muss verhindert werden, dass Frank wie ein handlungsfähiger Präsident aussieht.
Die Verwicklungen, die nötig sind, um diesen Plot am Leben zu halten, sind einmal mehr äußerst abenteuerlich. Conway blockiert den Kongress, einem Deal mit Russland zuzustimmen, das im Tausch mit Abbaurechten die militärische Drecksarbeit für die USA erledigen soll. Weil die Lobbybemühungen seines Chief of Staff auf unfruchtbaren Boden fallen - vielleicht, weil der zu sehr mit den eigenen Schuldgefühlen hadert -, bleibt Frank nichts anderes übrig, als den Einsatz von Bodentruppen in Syrien anzuordnen. Die Lage hat sich nun komplett gewandelt - Underwood und Conway besetzen die Positionen des jeweils anderen.
Das könnte faszinierend sein, würde es nicht so schnell abgearbeitet werden. In Sekundenschnelle entscheidet Frank über das Schicksal einer ganzen Nation. Diese Umschwünge würden in anderen Serien ganze Staffeln einnehmen, hier sind es nur wenige Szenen. Ein solches Vorgehen verstärkt den Eindruck, dass sich die Politserie House of Cards kaum weniger um die Darstellung von Politik scheren könnte. Man muss das wohl als Tatsache akzeptieren, um sich nicht allzu oft darüber zu echauffieren.
Lobend hervorzuheben ist indes das Porträt von Frank und Claire als Nutznießer von white privilege, die es gar nicht verstehen können, wieso ihre schwarzen Mitmenschen so empört sind, wenn sie von ihnen ausgenutzt werden. Freddy soll zum Abschied Rippchen räuchern und Doris Jones (Cicely Tyson) ihren Wahlkreis kampflos an Claire übergeben. Als die sich dagegen wehren, scheinen die Underwoods völlig überrumpelt von ihrer heftigen Reaktion. Sie verstehen nicht, was sie falsch gemacht haben, was der Definition ebenjenes Privilegs sehr nahe kommt.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 13. Mai 2016(House of Cards 4x11)
Schauspieler in der Episode House of Cards 4x11
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