House of Cards 4x06

Während Frank Underwood (Kevin Spacey) in der Episode Im Angesicht des Todes mit ebenjenem ringt, habe ich mich gefragt, ob es irgendjemanden gibt, der ernsthaft traurig wäre, würde er sterben. Natürlich war von Anfang dieses Handlungsbogens klar, dass das nicht passieren wird, aber die Frage erscheint mir trotzdem berechtigt. Doug Stamper (Michael Kelly) würde es wohl am härtesten treffen, Vizepräsident Blythe (Reed Birney) würde vielleicht kurz schlucken und eine berührende Rede halten. Aber sonst gibt es niemanden, der allzu viele Tränen darüber verschütten würde.
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Im Gegenteil - die meisten Figuren der Serie würden davon profitieren. Allen voran natürlich Claire (Robin Wright), die niemals zugeben würde, dass sie sich den Tod ihres Ehemanns wünscht, darauf aber sicherlich hofft. Für uns Zuschauer, die wir uns aus seinem Todeskampf Unterhaltung versprechen, ist das nachteilig. Selbst wenn wir es schaffen sollten, irgendeine Art von Spannung darüber zu empfinden, erscheint es doch erschreckend, dass es mit Ausnahme Stampers niemanden an Franks Krankenbett gibt, der ihm ehrlicherweise eine rasche Genesung wünscht.
Auch in anderen Serien gab es schon einmal solche Konstellationen. Zu Beginn der sechsten Staffel von The Sopranos liegt die Hauptfigur zum Beispiel für mehrere Episoden im Sterben, wobei von Beginn an offensichtlich ist, dass sie nicht sterben wird. Weil es aber so viele Figuren um ihn herum gibt, die sich nichts mehr wünschen, als dass er überlebt, können wir trotzdem etwas fühlen. Sie sind unsere emotionalen Kanäle, in ihren komplizierten Beziehungen zum Protagonisten können wir unsere eigenen wiedererkennen. Bei House of Cards passiert das nicht.
Vielleicht haben Beau Willimon und Konsorten das vorhergesehen und deshalb versucht, diese Leerstelle mit Traumsequenzen beziehungsweise Halluzinationen zu füllen. Frank erscheinen also seine beiden Mordopfer Zoe Barnes (Kate Mara) und Peter Russo (Corey Stoll), wobei nie ganz klar wird, ob dies nun freudige oder angsteinflößende Begegnungen sind. Einerseits ergeht sich die Dreiergruppe in sexuell aufgeladenen Verschwurbelungen, andererseits sind die Gesten der beiden Geisterbesucher durchaus als aggressiv zu bewerten. Vielleicht soll das ja einfach nur bedeuten, dass Sex und Gewalt für Frank nie besonders weit voneinander entfernt waren.
Echte emotionale Wirkung entfalten diese Szenen aber nicht. Es hätte ja sein können, dass Frank als geläuterter Mensch aufwacht, aber dann würde sich House of Cards den dramaturgischen Teppich unter den eigenen Füßen wegziehen. Angesichts der übrigen Entwicklungen in dieser Episode wäre das wohl nicht die allerschlechteste Idee. Dort passieren nämlich Dinge strikt nach dem Prinzip „Das ist jetzt gut für den Plotfortschritt“ und nicht „Das ergibt Sinn“. Unsere Protagonisten bekommen einmal mehr all das, was sie sich wünschen.
The way things look and the way things actually are
Beginnen wir mit der First Lady, die ihrer Marionette Blythe diktiert, dass sie Außenministerin Durant (Jayne Atkinson) zum G7-Gipfel nach Brandenburg begleiten muss. Dort trifft es sich für sie vorzüglich, dass sich der russische Präsident Petrov (Lars Mikkelsen) weigert, mit Durant zu sprechen, einem Treffen mit Claire aber aus unerfindlichen Gründen zustimmt. Das verläuft so schlecht, dass es zunächst danach aussieht, als müsste Claire eine Niederlage einstecken. Dann jedoch plustert sie sich noch einmal auf, spricht eine eindeutige Drohung aus - und bekommt genau den Deal, den sie verlangt.
Der hat irgendetwas mit Bodenschätzen und Bohrrechten und dem Internationalen Währungsfonds und China und Russland und Raymond Tusk (Gerald McRaney) und Remy Danton (Mahershala Ali) und Jackie Sharp (Molly Parker) zu tun, ist aber so weit hergeholt, dass sich die Mühe nicht lohnt, ihn hier auseinanderzufriemeln. Überhaupt ist diese Hürde ja jetzt genommen, deshalb braucht es uns nicht mehr zu interessieren. Gleichzeitig ereignet sich für die Underwoods eine weitere glückliche Fügung: Ohne Fremdeinwirkung demontiert sich Franks ärgste politische Gegenspielerin Heather Dunbar (Elizabeth Marvel) vor laufenden Kameras selbst. Welch holder Zufall!
Als wäre das alles nicht genug an bedenklichen Plotentwicklungen, begräbt die Serie am Ende noch den vielversprechendsten Handlungsbogen von allen. Die Erkenntnis, die Frank nämlich aus dem Ringen ums eigene Leben gezogen hat, ist, dass er ohne seine Partnerin Claire nichts ist: „It's us against them, always.“ Sie macht daraufhin sofort klar, dass eine erneuerte Zusammenarbeit anders aussehen müsste, ist der Wiederbelebung aber durchaus zugeneigt. Vorher erzählt sie noch, wie schwierig es gewesen sei, mit Petrov zu verhandeln: „It was hard. Harder than I thought it would be.“ Nein, liebe Claire, war es nicht. Und deshalb auch sehr langweilig.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 8. April 2016(House of Cards 4x06)
Schauspieler in der Episode House of Cards 4x06
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