House of Cards 3x09

House of Cards 3x09

An der House of Cards-Episode Rache auf Russisch lässt sich exemplarisch ablesen, was mit der Serie in der dritten Staffel, aber eigentlich schon länger nicht funktioniert. Sie will unbedingt emotionale Augenblicke schaffen, ist aber nicht bereit, die dafür nötige Vorarbeit zu leisten.

Remy Danton (Mahershala Ali) soll plötzlich eine Rolle spielen - was aber nicht klappt. / (c) Netflix
Remy Danton (Mahershala Ali) soll plötzlich eine Rolle spielen - was aber nicht klappt. / (c) Netflix
© (c) Netflix

Es gibt mehrere Handlungsstränge in der House of Cards-Episode Rache auf Russisch, die nicht die erhoffte Wirkung bei uns Zuschauern erzielen. Dies hat unterschiedliche dramaturgische Gründe. Zum einen offenbart sich, dass die Autoren es in manchen Handlungsbögen verpasst haben, die nötigen Fundamente zu legen, um später den erwünschten emotionalen pay off zu bekommen. Zum anderen liegt es schlicht an ihrem Unwillen, schwierige dramaturgische Prozesse so auszuformulieren, dass sie nachvollziehbar bleiben.

Schwelende Probleme

Ein gutes Beispiel für letztgenannten Kritikpunkt ist der wiederaufgeflammte Konflikt mit Russlands Präsident Petrov (Lars Mikkelsen). Als wir ihn zum letzten Mal sahen, war er gerade von Claire Underwood (Robin Wright) öffentlich düpiert worden. Aus diesem Überraschungsmoment hätte sich nun etwas dramaturgisch Wertvolles herausholen lassen können. Stattdessen entschieden sich die Autoren, die darauffolgende Episode der Rekonvaleszenz des Ehepaars Underwood zu widmen.

Und das große Problem Russland, dem gerade noch der rote Teppich ausgerollt wurde? Wurde in einem Nebensatz beiläufig abgearbeitet. Aus irgendwelchen Gründen, die mir jetzt schon nicht mehr einfallen wollen, hatte sich Petrov auf einmal doch dazu breitschlagen lassen, an der Friedensmission im Nahen Osten teilzunehmen. Das alles geschah off-screen! Beinahe unvorstellbar, dass uns die Autoren nicht einmal wenige Szenen geben, in denen dieser unerwartete Überzeugungsprozess gezeigt wird. Es passiert einfach.

Aber wie sollen wir da noch mitfiebern, wenn wir nicht mal sehen, was passiert? In mehreren Episoden wurde Petrov nun, wenn überhaupt, nur noch beiläufig erwähnt. Jetzt katapultiert ihn das Drehbuch aber plötzlich wieder an die Spitze der Underwood'schen Gegenspieler. Off-screen hat er sich breittreten lassen, einem Vorschlag zuzustimmen, den er zuvor rigoros abgelehnt hat. On-screen ist er nun wieder der zähe Verhandlungspartner, als den wir ihn kennengelernt haben. So geht das nicht. Als Drehbuchautor kann man eine Figur nicht einfach formen, wie es einem gerade in den Kram passt. Man sollte als Fundament eine kohärente Charakterzeichnung niederlegen, damit der Zuschauer auch weiß, warum ein Charakter so handelt, wie er handelt.

Weil Petrovs Aktionen aber höchst irrational anmuten, können wir nicht nachvollziehen, was ihn antreibt. Einmal lässt er sich zur Kooperation überreden, das andere Mal sprengt er seine eigenen Soldaten in die Luft, um aus der Kooperation wieder herauszukommen. In welcher Welt ergibt so etwas Sinn? Die inkohärente Charakterzeichnung bleibt aber nicht das einzige Problem dieses Handlungsbogens, der zugegebenermaßen spannend inszeniert ist, aber weder die beiden Staatenlenker noch ihre Erfinder in einem guten Licht erscheinen lässt.

Der sture Russe

Zum einen verhalten sich Petrov und Frank Underwood (Kevin Spacey) wie zwei beleidigte Grundschulkinder, die einfach nicht vergessen können, dass der andere sie mal reingelegt hat. Ich weiß nicht, ob bei uns in der Realität Außenpolitik so funktioniert. Ich hoffe sehr, dass das nicht so ist. Aber warum die Außenpolitik in dem sehr unrealistischen House of Cards unbedingt nach diesem „Wie du mir, so ich dir“-Schema ablaufen muss, will sich mir ebenso wenig erschließen. Soll ich Petrov und Underwood als dünnhäutige Cartmans wahrnehmen? Oder doch eher als selbstbewusste Anführer?

Falls Letzteres zutrifft, macht Rache auf Russisch seine Sache nicht gut. Mein Respekt vor Frank Underwood und seinen pseudoausgeklügelten Intrigen gegen hauchdünne Widersacherchen war noch nie besonders groß, seine Reaktionen auf Niederlagen schaffen es aber, das kleine bisschen noch zu schmälern. Dabei hat die Episode eigentlich gar nicht so schlecht angefangen. Die Neu-Liebhaber Tom Yates (Paul Sparks) und Kate Baldwin (Kim Dickens) machen sich da über Franks Wahlkampfslogan lustig, mit dem er gerade in Iowa auf Stimmenfang geht.

Wenngleich sein Ruf nach weniger Staat und mehr Eigenverantwortung so gar nicht zu seiner eigenen Partei - den Demokraten - passen will, sondern besser beim konservativsten Teil der Republikaner, der Tea Party, aufgehoben wäre, schafft es Spacey, nicht nur das fiktive, sondern auch das echte Publikum zu elektrisieren. Dann bekommt er leider von Claire die Nachricht vom Anschlag der Russen auf ihren eigenen Konvoi - was sich natürlich erst später als Wahrheit herausstellt. Die Hoffnung auf eine Wahlkampfepisode verfliegt dadurch schnell. Das ist vor allem deshalb schade, weil wir dann mehr von Heather Dunbar (Elizabeth Marvel) gesehen hätten, einem der stärksten, wenngleich nahezu ungenutzten Teil dieser dritten Staffel.

Statt mit Dunbar einer echten, von nachvollziehbarer Motivation angetriebenen Gegenspielerin für Frank Underwood den Vortritt zu lassen, dürfen wir aber zusehen, wie sich Remy Danton (Mahershala Ali) und Doug Stamper (Michael Kelly) im Selbstmitleid suhlen. Bei Stamper ist das dramaturgisch noch nachvollziehbarer als bei Remy, wurde ihm doch in der letzten Staffel die nötige Spielzeit zugestanden, um ein emotionales, wenn auch gruseliges Verhältnis zu Rachel Posner aufzubauen.

Ich bin nicht Peter Russo

Remys Gefühle von Einsamkeit kommen jedoch völlig aus dem Nichts. Er kommt offensichtlich nicht über die Trennung von Jackie Sharp (Molly Parker) hinweg, obwohl die längst zu neuen Ufern aufgebrochen ist. Hier besteht das gleiche Problem wie beim Handlungsstrang um den russischen Präsidenten. Die Serie hat es sich bisher einfach nicht verdient, einem marginalen Nebencharakter wie Remy solch einen emotionalen Moment zu verpassen. Sie hat dafür nichts getan. Der Moment ist einfach da - und soll trotzdem funktionieren. Tut er aber nicht, weil Remy und alle anderen bisher meist als emotionslose Politmaschinen porträtiert wurden - eiskalt, ohne Gefühle, ohne Gewissen.

Nur, weil den Autoren jetzt einfällt, dass eine solche Charakterzeichnung schnell in eine dramaturgische Sackgasse führt, können sie das nicht einfach mit wenigen Szenen wettmachen. Sorry, Remy, aber ich nehme dir deine Trauer einfach nicht ab! Bei Doug Stamper fällt das nicht so eklatant auf, jedoch wird hier der Kitschfaktor auf ein Höchstmaß geschraubt. Wir bekommen nicht nur eine Szene vom zusammenbrechenden Doug, nein, er muss auch noch sein Kopf auf das Knie von Frank Underwood legen. Und ehrlich gesagt blieb auch hier mein Herz kalt. Wieso soll ich mit einem furchteinflößenden Stalker, der sich zu kaum jemandem - nicht mal seinem eigenen Bruder - wie ein normaler Mensch verhält, mitfühlen?

Vielleicht könnte ich es ja, wenn die Szenen sich nicht mehrmals wiederholen würden oder der Score etwas weniger penetrant darauf hinweisen würde, dass es jetzt angebracht ist, Mitleid mit dieser Figur zu haben. House of Cards hat in seiner dritten Staffel entdeckt, dass sich die Faszination am Charakter Frank Underwood nicht auf ewig aufrechterhalten lässt. Nun ist man händeringend auf der Suche nach einem Ersatz und stellt fest, dass man versäumt hat, die dafür nötige Vorarbeit zu leisten. Jetzt ist es zu spät. Vielleicht lernt man ja daraus und macht es in der vierten Staffel besser.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 8. Mai 2015
Episode
Staffel 3, Episode 9
(House of Cards 3x09)
Deutscher Titel der Episode
Rache auf Russisch
Titel der Episode im Original
Chapter 35
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 27. Februar 2015 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 8. Mai 2015
Autor
John Mankiewicz
Regisseur
Robin Wright

Schauspieler in der Episode House of Cards 3x09

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