House of Cards 3x03

Das Kreativteam von House of Cards unter Showrunner Beau Willimon „66248“ hat sich immer noch nicht entschieden, wohin es mit der Serie eigentlich will - das wird in der Episode Staatsbankett offensichtlich wie selten zuvor. Will die Serie eine möglichst farbenfrohe, boulevardeske, aber dafür umso unterhaltsamere Aufarbeitung des Washingtoner Politikalltags sein oder eine ernste Auseinandersetzung mit dem aktuellen Weltgeschehen? Anders ausgedrückt: Will die Serie wie Scandal sein oder wie The Wire?
Falsches Selbstbild
Sich selbst würde „Cards“ wohl gerne in der Kategorie des letztgenannten Formats sehen. Die beiden bisherigen Staffeln verorten es aber eindeutig in der soapigen, realitätsfernen Welt des erstgenannten. Das soll nun kein Angriff auf „Scandal“ sein - die ABC-Serie weiß, was sie ist, weiß, was sie kann und weiß, was sie will. Viel eher zeigt dieser Vergleich, dass House of Cards immer wieder am eigenen Anspruch scheitert, ein prestigeträchtiges Drama zu sein. Es reicht eben einfach nicht, sich zwei Mitglieder von „Pussy Riot“ in die Serie zu casten, wenn alle übrigen Figuren dermaßen comichaft überzeichnet sind wie der russische Präsident Petrov (Lars Mikkelsen).
Die beiden Underwoods kämpfen weiterhin an ihren Fronten um das eigene politische Vorankommen. Frank (Kevin Spacey) will Petrov beim titulären Staatsbankett eine Zusage für einen neuerlichen Friedenspakt im Nahen Osten abnehmen. Doch schon beim ersten Gespräch packt sein Gegenüber die harten Bandagen aus und erklärt unumwunden: „Russia has nothing to gain from peace in the Middle East.“ („Für Russland gibt es keinen Grund, Frieden im Nahen Osten anzustreben.“)
Das ist wahrlich keine gute Charakterzeichnung. Natürlich soll Petrov den echten russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin darstellen, aber selbst dieser größenwahnsinnige Diktator würde sich wohl in einer ersten Verhandlungsrunde nicht so plump anstellen. An seinem Verhalten ändert sich denn auch nichts wirklich, ein Affront folgt dem nächsten. Underwood schluckt und gibt klein bei, bis ihm der Kragen platzt und er die angekündigte gemeinsame Pressekonferenz absagt, um alleine vor den Medienvertretern zu verkünden, was er (beziehungsweise sein Bild, das er in der Öffentlichkeit pflegt) wirklich von seiner neuen Nemesis hält.
Dazwischen liegen eine durchzechte Nacht mit mehreren peinlich-pompösen Auftritten Petrovs und eine weitere Verhandlungsrunde, in der er für seine Kooperation den kompletten Abbau des amerikanischen Raketenabwehrsystems in Osteuropa verlangt - eine Forderung, die Frank zumindest teilweise erfüllen will, vorausgesetzt, die Öffentlichkeit erfahre davon nichts.
Wie man Außenpolitik nicht macht
Das alles ist ziemlicher Quatsch. Selbst der mächtigste Mann der Welt würde es für ein paar Truppen in Jordanien und die vage Aussicht auf Frieden in einer kaum befriedbaren Region nicht hinbekommen, seinen Kongress, geschweige denn sein Volk, davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, das Raketenabwehrsystem - ein zentrales Element der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik - abzubauen.
Aber Frank versucht es trotzdem, um - ja, warum eigentlich? Um die innenpolitischen Niederlagen abzufedern? Um sich als Friedensengel darzustellen? Wir wissen es nicht. Stattdessen bekommen wir eine weitere banale und schlecht geschriebene Parabel des russischen Präsidenten vorgesetzt, der die Parallele zwischen einem Lada und einem Lexus bemüht, um die Verhandlungen zwischen ihm und Underwood zu charakterisieren: „First time I fucked my ex-wife? In a Lexus.“ („Meine Ex-Frau habe ich zum ersten Mal in einem Lexus gefickt.“) Und Frank will dir einen Lada andrehen. Jaja, wir haben's verstanden, Du bist ein vulgärer Bösewicht.
Die Charakter- und Dialogarbeit bewegt sich größtenteils auf diesem Niveau. Petrov ist das Abziehbildchen des trinkwütigen Russen, der keine Pardons kennt und das Fingerspitzengefühl eines Braunbären hat. Er will nicht „mit Frieden“ beleidigt werden und hat stets eine schlagfertige Replik auf der Zunge, wie in folgendem Dialog:
Frank Underwood: „We're not men of excess, though, are we?“ („Wir sind keine Männer des Überflüsses, oder?“)
Petrov: „Aren't we?“ („Sind wir das nicht?“)
Wow, welch tiefschürfendes Gespräch!
Also, liebes House of Cards: Wenn Du schon darauf bestehst, solche Charaktere wie Petrov in Deiner Serie weilen zu lassen, dann verzichte wenigstens darauf, dir unbedingt die Aura des ernstzunehmenden Politdramas verleihen zu wollen, indem Du Dir zwei Mitglieder des Protestkollektivs „Pussy Riot“ einlädst.
Jetzt mal ernsthaft: Dieser Gastauftritt war einer der deplatziertesten, die ich je gesehen habe - was im Übrigen auch für das Musikvideo im Abspann gilt. Es dient keinerlei dramaturgischem Zweck, fühlt sich von Beginn an falsch und unpassend an. Wollen die Autoren nun zeigen, dass sie die Anliegen von „Pussy Riot“ unterstützen? Oder wollen sie sie diskreditieren? Es erschließt sich mir einfach nicht.
Bizarrer Gastauftritt
Viel einfacher und wahrscheinlich auch richtiger ist indes folgende Interpretation: Irgendjemand im Autorenteam hatte die Idee, dass es doch bestimmt ein PR-Coup werden würde, wenn es gelänge, sich diese Band in die Serie zu holen. Ein solches Bild passt zu dieser perfekt geölten Netflix-Maschine, die sich am Computer zusammenrechnet, was die Leute gerne sehen wollen - statt sich Autoren zu suchen, die eine eigene Stimme, eine eigene Meinung, eine eigene Vision haben. Kurz: Die eine eigene Geschichte zu erzählen haben. Verfolgt man aber diesen generischen Ansatz, so kommen am Ende eben Episoden wie diese heraus.*
*In meinen Notizen zur Episode steht beim Gastauftritt von 'Pussy Riot' nur: „Häää?“
Die übrigen Handlungsstränge der Episode funktionieren besser, weil sie echte Menschen mit echten Gefühlen in ihr Zentrum stellen, statt zwei Figurenroboter ohne Herz. Claire (Robin Wright) setzt alles daran, Außenministerin Catherine Durant (Jayne Atkinson) auf ihre Seite zu ziehen, um sich ihrer Unterstützung für den erneuten Anlauf zur Nominierung als UN-Botschafterin zu sichern. Die beiden spielen nachts eine Partie Bierpong, während sich Frank und Petrov im Keller des Weißen Hauses beharken.
Doug Stamper (Michael Kelly) bekommt indes ein großzügiges Angebot eines aufstrebenden Kongressabgeordneten, lehnt es aber ab, weil er lieber für Frank Underwood arbeiten will - obwohl er weiß, dass dieser ihn gerne abschieben würde. Gleichzeitig beauftragt er den unfreiwilligen FBI-Hacker Orsay (Jimmi Simpson) mit der Suche nach Rachel Posner (Rachel Brosnahan), der er seine körperliche Versehrtheit zu verdanken hat.
Die ersten beiden Episoden der neuen Staffel weckten die Hoffnung, House of Cards könnte seine Geschichten in der dritten Staffel eventuell etwas nuancierter erzählen. Nach Staatsbankett bin ich da schon wieder skeptischer.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 27. März 2015(House of Cards 3x03)
Schauspieler in der Episode House of Cards 3x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?