House of Cards 2x12

So wenig nachvollziehbar manche politische Manöver in House of Cards auch sind, sie könnten um ein Vielfaches spannender sein, wenn Entstehung und Durchführung kohärenter ausformuliert werden würden. Nachfolgend ein auf seine Grundbestandteile zusammengekürzter Dialog zwischen Frank Underwood (Kevin Spacey) und einem beliebigen Gegenspieler, den er auf seine Seite zu ziehen versucht:
Frank: „Ich brauche dieses und jenes von Ihnen.“
Gegenüber: „Auf gar keinen Fall. Völlig ausgeschlossen!“
Frank: „Doch!“
Gegenüber: „Okay.“
In der neuen Episode „Isoliert“ wird dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Das Drehbuch scheut vor den wirklich interessanten (und daher am schwierigsten zu schreibenden) Dialogen zurück, es offeriert vielmehr ein Vorher-Nachher-Szenario. Besonders offensichtlich wird dies bei der Unterhaltung zwischen Frank und der Außenministerin Catherine Durant (Jayne Atkinson). Sie ist zuvor von Präsident Walker (Michael Gill) explizit gewarnt worden, dass Underwood einen Coup gegen ihn plane. Mit diesem Wissen geht sie in die Konfrontation mit Frank, zu Beginn des Gesprächs offenbart sie ihren rigorosen Standpunkt. Frank lässt daraufhin durchblicken, dass er Walker tatsächlich angreifen will.
Statt einer empörten Reaktion Durants bekommen wir einen radikalen Schnitt präsentiert: Gleich in der nächsten Szene versuchen Durant und die Sonderermittlerin Heather Dunbar (Elizabeth Marvel), den chinesischen Geschäftsmann Xander Feng (Terry Chen) davon zu überzeugen, politisches Asyl in Amerika anzunehmen und dafür über die korrupten Verbindungen in Washington auszupacken. Auch diese Überzeugungsarbeit der beiden verläuft höchst unglaubwürdig - vor allem aber: viel zu schnell und einfach. Von einem Moment zum nächsten geriert sich Feng als Teamplayer, weil er fürchtet, in seiner Heimat China von nicht näher spezifizierten „Feinden“ umgebracht zu werden. Selbst in seinem momentanen Asyl in Dubai fühle er sich nicht sicher.
House of Cards verzichtet da schon zum wiederholten Male darauf, die wirklich komplizierten Fragen von politischer Mehrheitsbildung und dem Aufbau glaubwürdiger Drohkulissen zu beantworten. Charakter XY handelt allzu oft so, wie es für das Drehbuch notwendig ist - und nicht, wie von der bisherigen Figurenzeichnung dieses Charakters vorgeschrieben. Am Ende soll sich Frank Underwood zum mächtigsten Mann der Welt putschen. Alle anderen Steine müssen also genau so fallen, dass genau dieses Szenario eintritt. Die vorhersehbare Plotkonstruktion raubt der Serie die Spannung, die sie eigentlich hätte erzeugen sollen. Frank könnte viel effektiver Shakespeare zitieren („,Cry havoc' said he who fought chaos with chaos and let slip the dogs of war“), wenn es wirklich ein Krieg wäre, den er da ausficht.

Doch es ist ein Kampf mit dramatisch ungleichen Waffen, der da gekämpft wird. Auf der einen Seite stehen Frank und seine Ehefrau Claire (Robin Wright), ausgerüstet mit den modernsten Waffen, einer ausgeklügelten Taktik und vollkommener moralischer Ambivalenz. Auf der anderen Seite stehen ihre Gegenspieler, die sich allesamt wie Schachfiguren instrumentalisieren lassen. Am Ende des 25. Kapitels steht ihnen kaum noch jemand im Weg.
Komplizierte Verwicklungen
Unter der Mithilfe von Catherine Durant ist es Frank gelungen, Xander Feng zu einer Aussage gegen seine alten Geschäftspartner Raymond Tusk (Gerald McRaney) und Daniel Lanagin (Gil Birmingham) zu erpressen. Tusk beruft sich bei der Befragung auf sein Auskunftsverweigerungsrecht (das im fünften Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung festgehalten ist), die öffentlich breitgetretenen Vorwürfe gegen ihn sorgen jedoch schon am nächsten Tag dafür, dass sein Firmenkonglomerat dramatisch an Wert verliert. Gleichzeitig lässt Franks Pressechef Seth Grayson (Derek Cecil) gegenüber Tusk durchsickern, dass sein Cheflobbyist Remy Danton (Mahershala Ali) zu Underwood übergelaufen sei. Ob dies nun stimmt oder nicht - es reicht völlig, den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen.
Tusk ist nun also isoliert - genau wie Präsident Walker, wie Frank zu Beginn der Episode selbstgenügsam feststellt: „Exile. I've managed to isolate the president from everyone, including myself.“ („Exil. Es ist mir gelungen, den Präsidenten von allen seinen Freunden zu isolieren, inklusive mir selbst.“) Warum Präsident Walker so isoliert ist und vor allem von wem? Darauf liefert die Episode keine Antwort. Franks Vorhaben geht jedenfalls planmäßig in Erfüllung: Der öffentliche Druck auf Walker wird wegen der Aussage Fengs (die Korruptionsvorwürfe reichen wegen der engen Verbindungen zwischen Feng, Lanagin, Tusk und Walker bis ins Weiße Haus) so groß, dass er sich gezwungen sieht, die Schweigepflicht (genauer: das Schweigeprivileg) des Geistlichen Dr. Thomas Larkin (Tom Galantich) aufzuheben, um das Vertrauen zur Öffentlichkeit wiederzugewinnen. (Im Übrigen scheint der Präsident - vor allem in dieser zweiten Staffel - der einzige zu sein, der gegenüber dem von ihm regierten Volk Rechenschaft abzulegen hat. Alle anderen „Politiker“ der Serie operieren in einem Washingtoner Vakuum.)
Obwohl Walker von seiner Ehefrau Tricia (Joanna Going) angefleht wird, die ehelichen Probleme nicht öffentlich zu machen, sieht er keinen anderen Ausweg aus dieser Sackgasse. Abgesehen von dem höchst fragwürdigen Umstand, dass eine Eheberatung (inklusive verschriebener Psychopharmaka) zum Sturz eines Präsidenten führen könnte, haben die Underwoods hier ganze Arbeit geleistet. Ein Baustein passt auf den anderen - auch wenn es dafür nötig ist, dass sich sämtliche Bausteine willenlos bewegen lassen.

Während sich die Republikaner also auf das gefundene Fressen stürzen, arbeitet Frank unermüdlich am nächsten Schritt seiner Machtergreifung - dem Amtsenthebungsverfahren gegen Walker. Hier kommt Claire mit einer tragenden Rolle ins Spiel. Sie soll die demokratische Mehrheitsführerin Jackie Sharp (Molly Parker) ins Boot zurückholen. Zu Beginn der Episode war der Konflikt zwischen den beiden Alphatieren noch eskaliert, nachdem Jackie als Reaktion auf den harschen Angriff aus der New York Times Claire in aller Öffentlichkeit als Feigling bezeichnet hatte.
Ein unschlagbares Gespann
Claire schlägt ihr nun also ein Friedensangebot vor: Sie würde dafür sorgen, dass eine abgespeckte Version der Gesetzesreform zu sexuellen Übergriffen im Militär verabschiedet werden würde, wenn dies bedeute, mit Jackie wieder eine gemeinsame Verhandlungsbasis aufbauen zu können. Auf der Strecke bleibt dabei Megan Hennessey (Libby Woodbridge), die als öffentliche Bezugsperson für eine umfassende Gesetzesreform eingetreten und - wie sich nun wenig überraschend herausstellt - von Claire instrumentalisiert worden war. Sie macht ihrer Empörung Luft, indem sie anprangert, was so vielen amerikanischen Bürgern auf der Zunge liegen dürfte: „You know how this will go. Everyone will say: ,Great, we did something.' But it's really nothing.“ („Du weißt, wie es laufen wird. Jeder wird sagen: ,Toll, wir haben etwas bewegt.' Doch in Wahrheit ist nichts passiert.“)
Als Jackie Sharp erfolgreich auf die dunkle Seite der Macht gezogen ist, lassen Frank und Claire den Hammer fallen: Jackie soll als „Majority Whip“ dafür sorgen, dass genügend demokratische Abgeordnete im Kongress für Walkers Amtsenthebung stimmen. Dieser Überzeugungsprozess ist einer der wenigen in der Serie, den ich nachvollziehbar finde. Wenngleich Sharp berechtigte Vorbehalte gegen diesen Plan hat („Mr. Vice President, what you're asking is just shy of treason“ („Herr Vizepräsident, was sie von mir verlangen, kommt fast einem Landesverrat gleich.“)), so ist der greifbare Machtzuwachs doch zu verlockend, um sich diese einmalige Chance entgehen zu lassen.
Der Episode gelingt es außerdem hervorragend, die Dichotomie zwischen tatsächlicher Handlung und öffentlichem Bild herauszuarbeiten. Hinter den Kulissen fährt Frank sämtliche Geschütze gegen Walker auf - anschließend stärkt er ihm in einem Exklusivinterview mit Investigativreporterin Ayla Sayyad (Mozhan Marno) demonstrativ den Rücken. Den Präsidentenberater Bill Galich (Mark Zeisler) lügt er an, als ihn dieser auf die Instrumentalisierung Durants anspricht. Die Underwoods sind wahre Meister in der Erzeugung und Lenkung öffentlicher Meinung. Sie wissen genau, dass ein öffentlicher Aufschrei ihrer Gegner nur zur Aufdeckung deren eigener Schwächen führen würde.
Im Finale der zweiten Staffel gibt es demnach nur noch drei Protagonisten, die den Underwoods gefährlich werden könnten: Der Hacker Gavin Orsay (Jimmi Simpson) mit seinem Wissen um die Überführung von Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus), Rachel Posner (Rachel Brosnahan) mit ihrem Wissen um den Tod von Peter Russo und Megan Hennessey mit einer öffentlichen Anklage. Auffälligstes Merkmal dieser drei Charaktere: Sie haben mit Politik eigentlich überhaupt nichts zu tun. Und weil sie über keinerlei Verbindungen oder gar Machtfülle verfügen, dürften sie für Frank und Claire auch kein echtes Problem darstellen. Bleibt wohl nur noch eines zu sagen: „Herzlichen Glückwunsch, Präsident Underwood.“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 19. Mai 2014(House of Cards 2x12)
Schauspieler in der Episode House of Cards 2x12
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