House of Cards 2x02

Da ich die Hoffnung fast aufgegeben habe, dass aus House of Cards eine komplexe Charakter- und Politikstudie wird, will ich mich anderen Aspekten der Serie zuwenden, die mir positiv erscheinen. So schafft es das 14. Kapitel der Serie, ein beinahe undurchsichtiges Netz aus politischen Winkelzügen und Intrigen aufzuspannen, das wieder einmal zeigt, dass Frank Underwood (Kevin Spacey) seinen Kollegen und - vor allem - seinem größten Widersacher, dem Präsidenten Garrett Walker (Michael Gill), einige Schritte voraus ist.
Auf dem Weg ins Oval Office
Gleich zu Beginn versichert Frank uns Zuschauern, dass es für ihn fortan nur noch ein Ziel gebe: Die Übernahme des Präsidentenamts. In die Kamera prahlt er damit, dass er zum zweitmächtigsten (aber nur in offizieller Diktion) Politiker des Landes aufgestiegen ist, ohne auch nur eine einzige Stimme auf sich vereint zu haben: „Democracy is so overrated.“ Frank hat sich dafür entschieden, die Amtseinführung im kleinen privaten Kreis in seinem Wohnhaus abzuhalten, da, wie die amerikanische TV-Moderatorin und Politikexpertin Rachel Maddow sehr richtig konstatiert, diesem Vizepräsidenten das gewisse „Etwas“ fehle: „There's just no real 'Wow'-factor.“
Böse Zungen könnten nun behaupten, dass dieser Satz in den Augen manch kritischer Fernsehzuschauer für die ganze Serie gelte. Oder ist dies etwa wieder ein Metakommentar von Autor und Showrunner Beau Willimon - ähnlich der im Bild liegenden Manschettenknöpfe am Ende der letzten Episode? Wir wissen es nicht und es muss uns auch nicht weiter interessieren, denn - wie Frank - wollen wir schnell wieder zur politischen Tagesordnung übergehen und die einzelnen dramaturgischen Feinheiten dieser Episode sezieren.
Frank will keine Zeit verlieren, um diverse Intrigen ins Rollen zu bringen. Gleichzeitig kümmert er sich um verschiedene Vorhaben. Er wird gemeinsam mit Raymond Tusk (Gerald McRaney), dem Berater und Freund von Präsident Walker, und Außenministerin Cathy Durant (jayne Atkinson) ins Oval Office gerufen, wo Walker gemeinsam die Strategie für bevorstehende Handelsgespräche mit Vertretern der chinesischen Regierung besprechen will.

Tusk argumentiert aus Sicht des Geschäftsmanns. Die Chinesen dürften mit zu offensiven Verhandlungen über ein mögliches gegenseitiges Abkommen zur Cyberkriminalität nicht verärgert werden. Die Konzentration solle eher darauf liegen, Import- und Exportschranken abzubauen und den Handel zwischen den beiden Großmächten zu liberalisieren. Durant argumentiert hingegen, dass ein Abkommen über Cyberkriminalität für sie hohe Priorität habe und auf lange Sicht dazu beitrage, die Handelsbeziehungen zu harmonisieren.
Punktsieg für Frank Underwood
Als Sieger geht einmal mehr Frank Underwood aus diesen Gesprächen hervor. Schon bevor er einen weiteren Triumph deklarieren kann, weiß er zu berichten: „The president is like a lone tree in an empty field: He leans whichever way the wind is blowing.“ Zuerst stiftet Frank die Außenministerin dazu an, entgegen der Absprache mit Walker in den Gesprächen doch einen harten Kurs zu fahren und der chinesischen Regierung ein Ultimatum für ein Abkommen zur Cyberkriminalität zu stellen. Sowohl bei Durant als auch bei Walker spielt er den unsichtbaren Einflüsterer, der stets im Schatten agiert und dessen Spuren kaum nachzuvollziehen sind.
Dabei könnten all diese Missverständnisse und Taschenspielertricks mit einem einfachen Gespräch zwischen Walker und seinem Freund Tusk oder Außenministerin Durant aufgeklärt werden. Doch so funktioniert das politische Washington in House of Cards nicht. Es funktioniert viel eher so, dass Frank Underwood derjenige ist, der sämtliche Gegenspieler zu manipulieren weiß, ohne dass die mit dem entsprechenden Rüstzeug ausgestattet wären, um sich dagegen zu wehren.
Eine Frage soll in diesem Zusammenhang gestattet sein: Die Serie versetzt uns wiederholt in den Glauben, dass es nur das ruchloseste und erbarmungsloseste aller Alphatierchen zum amerikanischen Präsidenten bringen kann. Wie hat es dann nur dieses konturlose Weichei Walker in das Amt geschafft? Er ist nämlich wirklich, was Frank zu Beginn noch festgestellt hat: Ein Fähnlein im Wind. Tatsächlich lässt er sich mit dem Satz Underwoods abspeisen, wonach er nach eigenem besten Wissen und Gewissen handeln solle. Franks Ziel ist indes klar: Er will Walker so schwach aussehen lassen wie nur irgendwie möglich.

Auch an anderer Front läuft es für „God of War“ Frank bestens. Bei der (heimlichen) Nominierung seiner potentiellen Nachfolgerin Jackie Sharp (Molly Parker) hat sich Underwood nicht getäuscht. Sie beweist ihr Potential, indem sie ihren eigenen Mentor den medialen Hunden und denen der Gegenpartei zum Fraß vorwirft. Ted Havemeyer (David Clennon) ist ein lebenslanger Freund ihres Vaters, hat jedoch ein dunkles Geheimnis. Mit seiner Haushälterin zeugte er einst ein außereheliches Kind. Das Mädchen ist schwerbehindert, Havemeyer übernimmt die Behandlungskosten, hat seine eigene Tochter jedoch noch nie gesehen.
Jackie Sharp und ihr Aufstieg
Sharp muss ihn opfern, um ihren direkten Konkurrenten Wes Buchwalter (John Scurti aus Rescue Me) zur Aufgabe zu bewegen. Zuvor war das Postengeschacher zwischen ihm und einem weiteren Konkurrenten, Howard Webb (Spencer Garrett), auf möglichst plakative Weise ergebnislos verlaufen: „All you can offer me is 'Ethics' which nobody wants.“ Die einzige Verhandlungsposition Buchwalters war also der Vorsitz der Ethikkommission, der wahrlich kein großes Prestige oder erweiterte Machtfülle mit sich bringt.
Etwas Gegenwind hat Frank aber doch zu befürchten. Der ehemalige Liebhaber der von Frank ermordeten Zoe Barnes, Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus), will einfach nicht an einen Selbstmord oder einen Unfall seiner Freundin glauben. Die Polizei erweist sich indes als höchst inkompetent und legt den Fall zu den Akten, obwohl man - meiner Meinung nach - auf dem Überwachungsvideo der U-Bahn-Station sehr wohl erkennen kann, dass Zoe durch Fremdeinwirkung vor den heranfahrenden Zug stürzte. House of Cards bleibt aber lieber bei seiner „Tradition“, sämtliche potentielle Gegenspieler Franks wie Ausgeburten reiner Inkompetenz zu porträtieren.
Goodwin stößt also sowohl bei der Polizei als auch bei seinem ehemaligen Vorgesetzten Tom Hammerschmidt (Boris McGiver) auf taube Ohren - zugegeben: Seine Anschuldigungen klingen wirklich höchst unplausibel. Von einem Kollegen aus dem Technikressort (na klar: das klassische Zerrbild eines „Nerds“) bekommt er schließlich eine Einführung ins „Deep Web“, einem beinahe undurchdringlichen, illegalen Teil des Internets, wo man sich so ziemlich alles besorgen kann, was das kriminelle Herz begehrt: Waffen, Drogen, Auftragsmorde - und einen Telefonhack des amerikanischen Vizepräsidenten.
Die größte Gefahr für Underwood droht momentan von Seiten des abgehalfterten Journalisten Goodwin. Ob er das nächste Opfer des mörderischen Karrierepolitikers wird? In dieser Episode bekommen wir indes wenigstens einen kleinen Einblick in das Underwood'sche Seelenleben. Frank soll zwei Generälen der Marines einen Orden verleihen. Kurz vor der Zeremonie eröffnet ihm seine Ehefrau Claire (Robin Wright) jedoch, dass sie von einem der Beglückwünschten einst vergewaltigt wurde. Inständig bittet sie Frank gleichzeitig darum, kein öffentliches Aufsehen zu erregen. Er macht gute Miene zum bösen Spiel, innerlich brodelt es jedoch. Claire wehrt all seine späteren Beschwichtigungs- und Tröstversuche ab. Ihre Beziehung bleibt unterkühlt. In Momenten größter Trauer sind sie allein.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 10. März 2014(House of Cards 2x02)
Schauspieler in der Episode House of Cards 2x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?