House of Cards 2x11

House of Cards 2x11

Unter Zugzwang zeigt einmal mehr, wie einfach es für Frank Underwood ist, seine Gegner auszumanövrieren. Am Ende kommt es zu einem vermeintlich skandalösen Moment, der weitreichende Spekulationen über Franks Sexualität zulässt.

Doug Stamper (Michael Kelly) und Frank Underwood (Kevin Spacey): ein unschlagbares Duo! / (c) Netflix
Doug Stamper (Michael Kelly) und Frank Underwood (Kevin Spacey): ein unschlagbares Duo! / (c) Netflix

Bevor ich zur eigentlichen Kritik des 24. Kapitels von House of Cards übergehe, möchte ich mich hier einmal kurz über das Netflix-Modell auslassen und die Unmöglichkeit darüber, Spoiler über die Serien des Streamingdienstes zu vermeiden. Schon seit mehreren Wochen wusste ich, dass es zu dieser einen Szene am Ende der Episode kommen würde. Dank eines übereifrigen Kommentarschreibers wusste ich auch, zwischen wem diese Szene stattfinden würde.

Die Nachteile des Netflix-Modells

Ich will die Schuld dafür nicht unbedingt all denen anlasten, die in sozialen Medien und auf einschlägigen Seiten öffentlich darüber diskutieren. Vielmehr führe ich die Problematik auf das Veröffentlichungsmodell von Netflix zurück, alle Episoden an einem einzigen Tag zugängig zu machen. Will man also nicht gespoilert werden, müsste man eigentlich die Einladung von Netflix annehmen und alle Episoden in einer gigantischen Binge-Session ansehen. Das wiederum ist hinderlich für eine eingehende Analyse einzelner Episoden und den vielen verschiedenen Handlungsbögen.

Für Kritiker wie mich, die alle Folgen auf wöchentlicher Basis besprechen sollen, ist das sehr ärgerlich. Doch auch für Fans der Serie und sonstige Interessierte verhindert das Ausstrahlungsmodell eine fruchtbare Diskussion. Wie oft haben mich in den vergangenen drei Monaten nach der Veröffentlichung Freunde und Kollegen gefragt, ob ich diese oder jene Szene schon gesehen habe. Wie oft hat genau diese Frage eine Diskussion im Keim erstickt, weil es kaum je der Fall war, dass beide Gesprächspartner auf dem gleichen Stand waren. Das Netflix-Modell führt das Ansinnen des Mediums Fernsehen ad absurdum, unter den Zuschauern eine verschworene Gemeinschaft zu schaffen, die sich in der Wartezeit zwischen zwei Episoden über neue Entwicklungen austauschen können.

Wie wunderbar das auch in der stark diversifizierten TV-Landschaft von heute noch funktioniert, zeigen die lebhaften Debatten zu solchen Serienperlen wie True Detective, Breaking Bad oder Game of Thrones. Redet momentan noch irgendjemand über House of Cards? Gab es nach der Veröffentlichung irgendwelche angeregten Diskussionen darüber? Selbst auf unserer Seite gibt es keine echten Auseinandersetzungen unter den Reviews - sie werden gelesen und zur Kenntnis genommen, mehr nicht. Ich würde viel Geld darauf verwetten, dass das Interesse an einer Diskussion um einiges größer wäre, würden die Episoden im Wochenrhythmus veröffentlicht. Wirklich schade, dass Netflix dies bewusst verhindert. Das Streamingportal hat wohl aber andere Intentionen mit seiner Flaggschiffserie. Man ist dort nicht interessiert an einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Produkts. Viel eher soll das neue Modell für möglichst viel mediale Aufmerksamkeit sorgen. Das ist gelungen.

Die Szene © Netflix
Die Szene © Netflix

Nun aber zum eigentlichen Inhalt der Episode „Unter Zugzwang“. Wie bereits erwähnt, hatte ich seit einigen Episoden nur darauf gewartet, dass die berüchtigte Ménage-à-trois stattfinden würde. Seit der letzten Episode war ich mir indes sicher, dass sie zwischen Frank Underwood (Kevin Spacey), seiner Ehefrau Claire (Robin Wright) und ihrem Leibwächter Meechum (Nathan Darrow) geschehen würde. Zu zahlreich waren die Anspielungen - das Erwischen beim Pornogucken, die ausgetauschten Blicke beim gemeinsamen Bier im Hinterhof -, dass man mit meinem Vorwissen nicht darauf gekommen wäre.

Die Szene

Zunächst hielt ich die Szene für einen billigen Schockmoment, den die Autoren einbauten, um die Underwoods in ein noch zwielichtigeres Licht zu stellen. Nach eingehender Betrachtung und ausgiebiger Diskussion mit Kollege Henning (danke dafür!) ergibt sich jedoch ein anderes, weitaus interessanteres Bild. Könnte es gar kein „Dreier“ gewesen sein? Könnte Claire nur als Verkupplerin gedient haben? Ihre Unterhaltung mit Frank am nächsten Morgen deutet dies an. Die beiden wirken nicht wie ein Ehepaar, das gerade eine leidenschaftliche Nacht miteinander verbracht hat. Es gibt keine Nähe zwischen ihnen, nur kurz erkundigen sie sich über das Wohlbefinden des jeweils anderen.

Die Szene greift zurück auf eine der gelungensten Episoden der ersten Staffel. Darin reist Frank zu seiner Alma Mater und trifft sich mit seinen besten Freunden aus Schulzeiten. Mit einem Freund hat er nach einer durchzechten Nacht eine besonders intensive Diskussion, die schon damals erste Andeutungen zuließ, Frank könnte bisexuell oder gar homosexuell sein. Diese Idee wird mit dem angedeuteten „Dreier“ erneut aufgegriffen. Haben wir Frank jemals beim Sex mit seiner Ehefrau gesehen? Mit der von ihm später vor den Zug gestoßenen Journalistin Zoe Barnes ging er eine Affäre ein. Sein damaliger, Oscar-Wilde-inspirierter Kommentar stützt jedoch eher die Theorie vom schwulen Frank Underwood: „Everything in the world is about sex. Except sex. Sex is about power.

Welche Implikationen hätte Franks Homosexualität also für die Serie? Immerhin wussten wir zuvor schon, dass die Underwoods ein reines Zweckbündnis eingegangen sind, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Für gelegentliche sexuelle Befriedigung bedienten sich Claire und Frank in der Vergangenheit jeweils bei ihren Affären - Claire hatte Adam, Frank hatte Zoe. Beide sind nun Geschichte, wo stillen sie also jetzt ihre Bedürfnisse? Frank hatte Sex mit Meechum, Claire also auch? Momentan können wir darüber nur spekulieren - genau wie über die Frage, wie dieser Handlungsbogen von den Autoren in Zukunft eingesetzt wird. Sie haben hier ein blutiges Steak auf dem Teller liegen. Was also tun damit? Wird das Wissen über Franks Bisexualität eines Tages gegen ihn verwendet werden?

Überfordert: Präsident Walker (Michael Gill) bricht zusammen. © Netflix
Überfordert: Präsident Walker (Michael Gill) bricht zusammen. © Netflix

Wenngleich dies nicht der eleganteste aller Erzählbögen wäre, so könnte er immerhin etwas bewirken, woran sich sämtliche Gegenspieler Franks bisher die Zähne ausgebissen haben: ihm gefährlich werden. „Unter Zugzwang“ ist einmal mehr ein Paradebeispiel für seine Unantastbarkeit. Zu Beginn der Episode sitzt Frank vor einem Untersuchungsausschuss, der von Heather Dunbar (Elizabeth Marvel) geleitet wird. Sie kennt scheinbar sämtliche Zusammenhänge zwischen Raymond Tusk (Gerald McRaney), Daniel Lanagin (Gil Birmingham), Xander Feng (Terry Chen), Doug Stamper (Michael Kelly) und Frank Underwood.

Ein weiterer Triumph

Ihr großes Problem: Sie kann einen Großteil ihrer Theorien nicht beweisen. Frank nutzt diese Erkenntnis wieder einmal dazu, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Um Dunbar von seiner Unschuld zu überzeugen, überredet er Präsident Walker (Michael Gill) dazu, sämtliche Reiseaufzeichnungen der beiden an die Ausschussvorsitzende zu übergeben. Er selbst hat nichts zu befürchten, da er zu Tusk, Lanagin oder Feng immer nur Doug Stamper vorgeschickt hatte (bis auf das eine Mal, als er das Steak in Lanagins Pool warf, was jedoch kein offizieller Besuch war). Dem Präsidenten könnte jedoch ein größeres Problem aus der Veröffentlichung erwachsen. Darin sind nämlich auch die Konsultationen des Präsidentenehepaares bei einem Eheberater eingetragen.

Walker hat deshalb zunächst Bedenken, lässt sich aber - wie so oft - von Underwood überreden. Am Ende sehen wir den Präsidenten, wie er in sich zusammensackt. Wenn wir auch nur eine Erkenntnis aus dieser zweiten Staffel von House of Cards mitnehmen, dann die, dass Walker der schwächste Präsident in der Geschichte der Serienpräsidenten gewesen ist. Doch wäre ein Bekanntwerden der ehelichen Probleme des Präsidenten überhaupt ein solch großer Beinbruch? Könnte das amerikanische Volk ihrem Anführer nicht verzeihen, wenn er professionelle Hilfe für seine fragile Ehe in Anspruch nehmen würde? Einmal mehr fühlt sich ein Handlungsstrang der Serie zu konstruiert an.

Die übrigen Verwicklungen zwischen Remy Danton (Mahershala Ali), Jackie Sharp (Molly Parker) und Ted Havemeyer (David Clennon) sind so uninteressant wie vergessenswert. Der Handlungsbogen um Doug Stamper, seine Faszination für Rachel (Rachel Brosnahan) und um seine allgemeine Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben ist da schon reizvoller, mäandert jedoch orientierungslos vor sich hin. Es wäre durchaus sehenswert, wenn seine Zuneigung zu ihr weiter erkundet oder seine ungebrochene Loyalität gegenüber Frank erforscht werden würde. Doch dafür hat House of Cards leider keine Zeit.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 12. Mai 2014
Episode
Staffel 2, Episode 11
(House of Cards 2x11)
Deutscher Titel der Episode
Unter Zugzwang
Titel der Episode im Original
Chapter 24
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 14. Februar 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 12. Mai 2014
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 12. November 2014
Autoren
John Mankiewicz, Beau Willimon
Regisseur
John David Coles

Schauspieler in der Episode House of Cards 2x11

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