House of Cards 2x10

House of Cards 2x10

Weil sich House of Cards plötzlich leiseren, subtileren und plausibleren Tönen zuwendet, wird die Serie zu einem spannenden Politthriller. Personenschutz ist eine der wenigen Episoden, die das Ehepaar Underwood und ihre Spielpartner als zutiefst menschliche Politwesen darstellen.

Zu Jackie Sharp (Molly Parker) kann niemand wirklich durchdringen. / (c) Netflix
Zu Jackie Sharp (Molly Parker) kann niemand wirklich durchdringen. / (c) Netflix

Follow the money.“ In der neuen Episode zitiert House of Cards einen der berühmtesten Sätze der Filmgeschichte. Ausgesprochen wird dieser von dem wohl bekanntesten aller Whistleblower, dem Mann mit dem Codenamen „Deep Throat“, in „All the President's Men“ von Alan Pakula. Darin wird die Geschichte des „Watergate“-Skandals erzählt, als die beiden jungen Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein es schafften, den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon zum Rücktritt zu zwingen.

Hohe Ambitionen

Die Politthrillerserie hat sich hier also ein großes Vorbild genommen. Und auch wenn ein Großteil der Serie es nicht schafft, das filmische Meisterwerk zu imitieren, so gibt es doch einzelne Episoden, die dem sehr nahe kommen. Die Episode Personenschutz gehört für mich dazu. Hier entspinnt House of Cards endlich einmal einen Thriller, der die richtigen, weil subtileren Töne anschlägt und vor allem eines präsentiert: einen plausiblen Plot. Die Serie bricht endlich einmal aus ihrem gewohnten Rhythmus aus und entwirft ein glaubwürdiges Bedrohungsszenario für die maßgeblichen Charaktere - allen voran Frank (Kevin Spacey) und Claire Underwood (Robin Wright).

Robin Wright führte in dieser Episode übrigens Regie. Neben Jodie Foster, die bei der vorigen Episode (Bauernopfer) Regie führte, ist sie die bisher einzige Frau in der Phalanx männlicher Verantwortlicher. Ich will nun nicht zu viel in diese Tatsache hineininterpretieren, jedoch wage ich zu behaupten, dass man dieser Episode einen ruhigeren, ausbalancierten Regiestil ansieht. Wright hat einige toll komponierte Bilder in der Episode untergebracht, das Erzähltempo ist einem Politthriller angemessen, die Handlung wirkt weniger gehetzt. Es gibt nicht die übliche Abfolge von Problemstellung und Lösungssuche mit dem gewohnten Erfolg am Ende.

In „Personenschutz“ steht vielmehr im Vordergrund, die Fallhöhe der Protagonisten darzustellen. Ihre gegenseitigen Verwicklungen haben ihnen bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich genutzt. Nun könnten ihnen all die Intrigen, Mauscheleien und unheilvollen Allianzen jedoch mal zum Verhängnis werden. Ein solches Schreckensszenario hatte die Serie vor allem in der zweiten Staffel bitter nötig.

Tolle Bildkomposition: Regisseurin Robin Wright hat in dieser Episode fantastische Arbeit geleistet. © Netflix
Tolle Bildkomposition: Regisseurin Robin Wright hat in dieser Episode fantastische Arbeit geleistet. © Netflix

Zu Beginn der Episode wirft eine drohende geopolitische Krise ihre dunklen Schatten voraus. Die chinesische Regierung lässt ihre Säbel rasseln, indem sie zwei Kriegsschiffe in japanisches Hoheitsgebiet schickt. Claire Underwood wird von einem Bombenleger heimgesucht, der ihrem öffentlichen Geständnis über die eigene Abtreibung die Schuld dafür gibt, dass seine Ehefrau heimlich eine Abtreibung hat durchführen lassen.

Gefahr von allen Seiten

Frank bekommt Wind von der Affäre zwischen Remy Danton (Mahershala Ali) und der demokratischen Mehrheitsführerin Jackie Sharp (Molly Parker). Außerdem werden die Korruptionspraktiken zwischen Xander Feng, Raymond Tusk (Gerald McRaney), Daniel Lanagin (Gil Birmingham) und Frank Underwood Stück für Stück von der unnachgiebigen Journalistin Ayla Sayyad (Mozhan Marno) entblättert - vielen Dank für diese Figur!

Dabei ist es Frank selbst, der Sayyad den Hinweis auf die Verwicklungen zwischen Feng, Lanagin und Tusk (und ihm selbst) zuspielt - mit dem eingangs erwähnten Filmzitat. Underwood sieht keine andere Möglichkeit, gegen seinen erbitterten Widersacher Tusk vorzugehen, als ihn an die Bluthunde der Medien auszuliefern. Dabei setzt er seine gesamte politische Karriere aufs Spiel. Wir erinnern uns: Frank war einen Handel mit Feng eingegangen, der diesem den Zuschlag für ein Infrastrukturprojekt einbrachte. Frank bekam im Gegenzug die Zusicherung, dass Feng, Tusk und Lanagin fortan keine Parteispenden mehr an die Republikaner abgeben würden.

Auslöser all dieser Verwicklungen waren die von den Chinesen empört abgebrochenen Handelsgespräche. Die abgekühlten diplomatischen Beziehungen der beiden Supermächte kulminieren nun in dem geopolitischen Konflikt um eine Insel im ostchinesischen Meer. Zum ersten Mal wird Präsident Walker (Michael Gill) hierbei als entscheidungsfreudiger „Commander in Chief“ porträtiert, wenngleich er sich wenige Szenen später von Frank einmal mehr das Butter vom Brot nehmen lässt. Underwoods Finte ist jedoch - im Gegensatz zu seinen sonstigen Winkelzügen - subtil und plausibel. Sogar seine Zuschaueransprachen funktionieren in dieser Episode besser als sonst. Sobald Frank angreifbar wird, sobald er Angst hat, wird aus einem aalglatten, siegessicheren Politbastard eine Figur mit interessanten Facetten.

Frank (Kevin Spacey) macht es überhaupt nichts aus; beim Pornogucken nicht ungestört zu sein. © Netflix
Frank (Kevin Spacey) macht es überhaupt nichts aus; beim Pornogucken nicht ungestört zu sein. © Netflix

Dies spiegelt sich auch in mehreren ruhigen Augenblicken wider, die Frank und Claire miteinander verbringen. Seit langer Zeit teilen sie sich wieder eine Zigarette, ihre Unterhaltung ist nicht getrieben von atemlosem, ehrgeizigem Pläneschmieden, sondern von genuinem Interesse am momentanen Wohlergehen des Ehepartners. Eine weitere Szene der beiden gibt wunderbar Aufschluss über die Natur ihrer Beziehung. Frank wurde gerade von seinem Leibwächter Meechum (Nathan Darrow) - von dem sich übrigens anscheinend sowohl Claire als auch er irgendwie angezogen fühlen - dabei erwischt, wie er sich einen Porno angesehen hat.

Das merkwürdige Verhalten von Frank und Claire

Völlig offen erzählt Frank seiner Ehefrau davon. Dann fragt er sie, ob sie Adam Galloway vermisse. Claire zögert einen Moment, bevor sie antwortet, dass die Affäre mit dem Fotografen endgültig abgeschlossen sei und sie ihm keine Träne nachweine. Für einen kurzen Augenblick könnte man glauben, die beiden kämen sich nun auch einmal körperlich wieder ein bisschen näher. Ihre Beziehung ist jedoch nicht auf solch einer körperlichen Anziehung aufgebaut, sie wissen vielmehr, dass der jeweilige Partner der jeweils beste ist, um die persönlichen Lebens- und Berufsziele umzusetzen. Körperliche Nähe und Befriedigung holen sich die beiden woanders - entweder am Laptop oder in einer Affäre. Dieses merkwürdige Verhältnis wurde bereits mehrfach angedeutet, jedoch nie in einer solch stillen Intensität dargestellt wie in dieser Szene. Für diese Inszenierung muss Regisseurin Wright ein großes Kompliment ausgesprochen werden.

Remy Danton und Jackie Sharp haben derweil ein weit weniger klar definiertes Verhältnis. Trotz seiner vergangenen Forderungen nach mehr Offenheit und Nähe schafft es Remy immer noch nicht, zu Jackie vorzudringen. Immerhin lässt sie einen kleinen Einblick in ihr Seelenleben zu, als sie ihm erzählt, wie sie mit den Gräueln des Krieges zurechtkomme - indem sie sich nämlich Tattoos stechen lasse, weil sie die Schmerzen so sehr genieße. Remy kann darüber nur leicht verwirrt die Stirn runzeln. Als später Sayyads Story veröffentlicht wird, glaubt Jackie im ersten Moment, Remy könne etwas damit zu tun haben und denkt sogleich, er habe nur mit ihr geschlafen, um an Informationen über Frank Underwood zu kommen.

Remys Gefühle sind jedoch echt. Das wird spätestens klar, als er von Tusk den Auftrag bekommt, die demokratische Führungsriege - allen voran Jackie als Underwoods Protegé - zu demontieren. Sayyads Scoop schlägt also die erwünschten hohen Wellen und wirft dadurch sämtliche Protagonisten in einen Abwärtsstrudel. Interessant ist vor allem, dass dabei plötzlich ein Verdächtigungsspiel à la „Jeder gegen jeden“ ausgebrochen ist. Zurück in den Hobbes'schen Naturzustand - in dieser Form, da Frank nicht ständig lupenreine Gewinne für sich verbuchen kann, soll mir das nur recht sein. Vielleicht bekommt House of Cards am Ende der zweiten Staffel noch einmal die Kurve zur Seriosität. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht, so macht die Serie viel Spaß.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 5. Mai 2014
Episode
Staffel 2, Episode 10
(House of Cards 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Personenschutz
Titel der Episode im Original
Chapter 23
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 14. Februar 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 5. Mai 2014
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 5. November 2014
Autoren
Laura Eason, Beau Willimon
Regisseur
Robin Wright

Schauspieler in der Episode House of Cards 2x10

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