House of Cards 2x09

Der deutsche Titel des 22. Kapitels von House of Cards beschreibt exemplarisch, wieviel Interesse die Drehbuchautoren ihren Nebenfiguren widmen: Sie sind kaum mehr als reine Bauernopfer. Remy Danton (Mahershala Ali) spricht das gar einmal selbst aus, als er Adam Galloway (Ben Daniels) zur Kooperation überreden will: „You and I are just pawns.“ („Wir sind beide nur Schachfiguren.“)
Charaktere als reine Plotelemente
Die meisten Charaktere dieser fiktiven Politikwelt existieren nur, um von den allmächtigen Underwoods im Laufe der Serie aus dem Weg geräumt zu werden. Ist dies in der Vergangenheit nicht mit diversen Intrigen gelungen, so hat Frank (Kevin Spacey) einfach zum simpelsten aller Mittel gegriffen: Mord. Da er und Claire (Robin Wright) jedoch nicht jeden ihrer Gegenspieler vergiften oder vor eine U-Bahn stürzen können, müssen sie sich in jeder neuen Episode neue Mittel und Wege ausdenken, um ihren Drang zur Macht voranzutreiben.
Frank Underwood und Raymond Tusk (Gerald McRaney) fechten hinter den Kulissen einen erbitterten Kampf aus, der sich schleichend in eine öffentlich ausgetragene Schlammschacht verwandelt. Beide gehen dabei mit äußerster Härte vor, die bisweilen von reiner Rhetorik in physische Aggressivität übergeht (Franks Morde sind bekannt, in dieser Episode bricht Tusk einem Vogel das Genick, weil er von ihm genervt ist). Die Autoren verfolgen offensichtlich das Ziel, ihre Protagonisten von sämtlicher menschlicher Regung zu befreien. „Bauernopfer“ ist dafür ein Paradebeispiel.
Als würden ihre Handlungen nicht ausreichen, müssen die Charaktere - allen voran Frank, Claire und Tusk - auch noch in jedem zweiten Satz aussprechen, wie rigoros und unbarmherzig sie ihre Gegner zermürben wollen. Claire fordert von Frank, dass er Tusk nicht nur „auslöschen“ („obliterate“), sondern ihn auch noch „leiden“ („Make him suffer.“) lassen soll. Tusk hingegen klärt Remy darüber auf, dass er ihn angeheuert habe, um Frank zu „zerstören“. Claire droht Adam, dass sie ihn „beerdigen“ werde, solle er nicht ihren genauen Vorgaben folgen. In der Welt von House of Cards gewinnen nur die skrupellosesten, hinterhältigsten und fiesesten Menschen. Das ist die Botschaft der Serie. Das war sie seit der ersten Episode. Und das ist leider oftmals sehr langweilig.

In „Bauernopfer“ werden die Auswirkungen des „Skandals“ um ein Foto von Claire Underwood aufgearbeitet. Dabei verstehe ich jedoch nicht, warum darüber eine so große Aufregung gemacht wird. Das Foto zeigt die schlafende Claire, es ist nichts zu sehen außer ihr Gesicht. Wir leben in einer realpolitischen Zeit, da wildgewordene kanadische Bürgermeister Crack rauchen und ihre Mitarbeiterinnen sexuell belästigen können, in der amerikanische Kongressabgeordnete explizite Bilder an ihre Gespielinnen verschicken können und danach trotzdem noch in der Lage sind, für das wichtigste Bürgermeisteramt der Vereinigten Staaten zu kandidieren.
Realität überholt Fiktion
In House of Cards macht die Klatschpresse jedoch ein riesiges Bohei um das Foto der schlafenden Claire. Sie lügt danach Adam an, damit beide unterschiedliche Stellungnahmen abgeben. Dadurch will sie das Bild vermeiden, dass sie sich miteinander abgesprochen haben könnten. Auch das macht nicht unbedingt Sinn, sondern dient viel eher als weiteres Plotelement, als weiterer kleiner Stolperstein, als Füllmaterial für eine Geschichte mit wenig Fleisch auf den Knochen. Denn wer sagt meistens das gleiche? Diejenigen, die die Wahrheit aussprechen. Warum sollte es also hinderlich sein, die gleiche (erfundene) Geschichte zu erzählen?
Nach der effizienten Niederschlagung der ersten Empörungswelle greift Tusks Handlanger Danton zu härteren Mitteln. Er erpresst Galloway damit, dass er dafür sorgen werde, dass der Vater von Adams Verlobter Inez (Carme Boixadera), ein in Kolumbien inhaftierter Journalist und Menschenrechtsaktivist, zum Tode verurteilt werde. Auf eine solche Plotkonstruktion muss man erst mal kommen!
Frank nutzt jedoch seine weitreichenden Verbindungen und das gute Verhältnis zur Außenministerin, um auf offiziellem Wege eine Intervention im Fall des (wohl zu unrecht) inhaftierten Aktivisten anzustoßen. Dadurch gelingt es ihm und Claire, Adam zu überreden, ihre Version der Geschichte öffentlich zu machen. Er wird also gezwungen, seine Karriere zu opfern, um den Vater seiner Verlobten zu retten. Die Opferliste der Underwoods bekommt einen neuen Eintrag.

Nach Galloway landet auch der prinzipientreue Freddy (Reg E. Cathey) auf dieser Liste, wenngleich ihm Frank vorerst ungewöhnlich viel Gutmütigkeit zugesteht - verständlicherweise, schließlich hat Freddy keine Affäre mit seiner Ehefrau gehabt. Die Geschichte um Freddy und seine gescheiterten Franchiseträume scheint jedoch direkt aus einem Ratgeber für Drehbuchautoren entnommen zu sein - inklusive der buchstäblichen Tschechow'schen Pistole.
Armer Freddy
Freddy will sich, seinem entfremdeten Sohn Darnell (Malcolm Goodwin) und seinem Enkelsohn mit dem Erlös der Verkaufsrechte seines Grillrezepts ein Haus kaufen, damit sie aus dem Ghetto entfliehen können. Remy Danton wühlt jedoch so lange in Franks Vergangenheit und der seiner Bekannten, bis er herausfindet, dass Freddy mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hat. Er gibt die Informationen an die Presse weiter, woraufhin der Vertrag über den Rechteerwerb wegen einer Moralitätsklausel hinfällig wird.
Zwischendurch wird Freddy wegen dieses Artikels von mehreren Paparazzi heimgesucht, was seinen Sohn Darnell dazu veranlasst, auf offener Straße und vor Kameras eine Pistole zu zücken und die Fotografen damit zu bedrohen. Weil dies eine direkte Verletzung seiner Bewährungsauflagen darstellt, wandert er zurück ins Gefängnis. Die Kaution für seine Freilassung kostet denn auch genauso viel, wie Freddy für den Verkauf seines Ladens bekommt. Erinnert alles ein bisschen an die Geschichte von ein paar Jugendlichen, die zur Rettung eines Jugendzentrums einen Bandwettbewerb gewinnen müssen, bei dem das Preisgeld genau dem Betrag entspricht, der zur Rettung aufgebracht werden muss.
Aus welchem Film das stammt? Keine Ahnung, war total vergessenswert - genau wie die meisten Plotkonstruktionen aus House of Cards. An die Morde an Peter Russo und Zoe Barnes werden wir uns wegen des Schockeffekts wohl noch lange erinnern. Aber wird jemand in Wehmut daran zurückdenken, wie die Underwoods ihren Plan ausheckten, um Adam Galloway hörig zu machen, wie Freddy seinen Laden verlor, wie Frank daraufhin seine Loyalität aufgab? Wohl kaum. Mehr als ein Achselzucken dürften diese Plots nicht hervorrufen. Meine Hoffnung hängt deshalb an der Journalistin Ayla Sayyad (Mozhan Marno), dem momentan einzigen sympathischen Charakter der Serie. Sie widmet sich lieber den Verstrickungen um Underwood, Tusk und Feng, statt die Klatsch- und Tratschgeschichten Washingtons aufzuarbeiten. Danke dafür!
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 28. April 2014(House of Cards 2x09)
Schauspieler in der Episode House of Cards 2x09
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