House of Cards 2x06

WÀhrend sich in House of Cards der ErzÀhlstrang um Frank Underwood (Kevin Spacey) weiter um dessen KrÀftemessen mit Raymond Tusk (Gerald McRaney) dreht (und dabei weiterhin Kompliziertheit mit KomplexitÀt verwechselt), spielen sich nebenbei leisere Geschichten ab, die interessanter sind als Franks stÀndige Kriegsspiele. Darin stehen die weiblichen Charaktere der Serie im Mittelpunkt: Claire Underwood (Robin Wright), Jackie Sharp (Molly Parker) und Rachel Posner (Rachel Brosnahan).
Elegantes ErzÀhlen
Wenn Frank seine Spielchen treibt, geht er meist mit dem Vorschlaghammer vor. Gelingt es ihm nicht, seine Gegenspieler verbal auf seine Seite zu ziehen, greift er sofort zu derberen Methoden. Damit auch jeder Zuschauer mitbekommt, was ihn dabei antreibt und welches Ziel er verfolgt, spricht er direkt in die Kamera und erklĂ€rt es uns persönlich. Dieses Stilmittel war zu Beginn ganz nett anzusehen, mittlerweile raubt es der Serie jedoch die Spannung - zumindest was Franks WinkelzĂŒge und Machtspielchen angeht.
Vor allem Claire geht bei ihren Manipulationen viel eleganter vor (wenngleich sie gegenĂŒber ihrer Angestellten Gillian Cole auch schon deutliche Worte fand). Sie will das VerhĂ€ltnis zwischen Christina Gallagher (Kristen Connolly) und der First Lady Tricia Walker (Joanna Going) sabotieren, indem sie Walker erst ĂŒber Christinas Vergangenheit mit Peter Russo aufklĂ€rt und diese danach dazu auffordert, der PrĂ€sidentengattin ihre volle UnterstĂŒtzung zuzusichern. Das mittelbare Ziel ist klar, Claire will fĂŒr einen Zwist zwischen den beiden sorgen. Ihr Endziel bleibt jedoch im Verborgenen: Will sie Christina ins BĂŒro des VizeprĂ€sidenten locken? Will sie Christina ĂŒberwachen?
Weil wir keine unmittelbaren Antworten auf diese Fragen bekommen, bleibt dieser ErzĂ€hlstrang spannend. Gleiches gilt fĂŒr den um Jackie Sharp, die eine KurzaffĂ€re mit dem Lobbyisten Remy Danton (Mahershala Ali) eingeht. Auch hier wissen wir nicht, ob wir ihrer Aussage vertrauen können, wonach sie einfach nur zu viel getrunken habe - oder ob sie nicht doch einen long con vorbereitet. SchlieĂlich hat sie schon mehrfach bewiesen, dass sie in Sachen Durchtriebenheit mit den groĂen Jungs mithalten kann.

Mir hat indes die Geschichte um Rachel Posner am besten gefallen. Sie muss immer noch ein Leben in Einsamkeit und Abschottung fristen, Doug Stamper (Michael Kelly) will ihr gar verbieten, in die Kirche zu gehen und dort in der Kinderkrippe auszuhelfen. Das alles geschieht aus gutem Grund, stöĂt der in Untersuchungshaft sitzende Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus) seinen ehemaligen Kollegen Tom Hammerschmidt (Boris McGiver) doch auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Rachel und dem Mord an Peter Russo.
Rachel und Doug
Zwischenzeitlich entwickelt sie eine Art Stockholm-Syndrom fĂŒr ihren Ăberwacher, was in der Frage kulminiert, ob er mit ihr schlafen wolle. Stamper zieht im letzten Moment zurĂŒck, woraufhin sie behauptet, stets zu wissen, ob ein Mann sie begehre. Danach bereitet sie in aller Seelenruhe das Abendessen zu und erzĂ€hlt eine Parabel aus der Bibel. Sie lĂ€dt Stamper zum Essen ein. Er ist beinahe der einzige soziale Kontakt, der ihr noch geblieben ist. Der Kampf dieser jungen Frau zurĂŒck in ein normales Leben ist das interessanteste, was House of Cards momentan zu bieten hat. Es gibt Niederlagen, RĂŒckschlĂ€ge, kleine Momente des GlĂŒcks, Emotionen, persönliche Entwicklung.
All das kann der Serie nur guttun, denn in den dominanten Handlungsbögen rund um die Polittricks von Frank Underwood kommt dies viel zu kurz. In Hitzewelle befindet er sich immer noch im Clinch mit seinem Gegenspieler Raymond Tusk. Weil es eine Energiekrise im Land gibt, denkt PrĂ€sident Walker (Michael Gill) darĂŒber nach, einen Handelskrieg mit China vom Zaun zu brechen. Dies wiederum gefĂ€hrdet einen GeschĂ€ftsabschluss zwischen Tusk und der chinesischen Regierung ĂŒber eine Raffinerie fĂŒr Seltene Erden in Peking.
Franks Plan sieht vor, ĂŒber einen Drittanbieter die amerikanischen LagervorrĂ€te an Seltenen Erden aufzustocken, um so die Marktpreise zu drĂŒcken und die Chinesen als weltweit gröĂten Lieferanten dieses Rohstoffs unter Druck zu setzen. Tusk weigert sich jedoch standhaft, diese staatlichen Subventionen anzunehmen, weil dies seine GeschĂ€fte in China gefĂ€hrden wĂŒrde. Also manipuliert er die Stromversorgung an der amerikanischen OstkĂŒste und droht gegenĂŒber Walker damit, auch im SĂŒden des Landes fĂŒr StromausfĂ€lle zu sorgen. Franks Antwort: die Androhung einer Zwangsverstaatlichung von Tusks Energiebetrieben.

In mehreren direkten Konfrontationen lĂ€sst Frank die Muskeln spielen: „You may have all the money, Raymond. But I have all the men with guns.“ Ăhnlich geht er im Falle der Reporter Goodwin, Hammerschmidt und Janine Skorsky (Constance Zimmer) vor. Als er mit Stamper die nĂ€chsten Schritte bespricht, steht er vor einem GemĂ€lde, das eine Schlacht im BĂŒrgerkrieg zeigt. Franks Kommentar: „We need to invite a full-frontal attack, and then hold the line.“
Mit dem FuĂ am Gas
FĂŒr Frank gibt es meistens nur diese eine Gangart. Schon verwunderlich, dass er sich dadurch nicht schon zu viele Feinde gemacht hat. Verwunderlich ist auch, dass sowohl Kabinettskollegen als auch der PrĂ€sident immer auf Franks VorschlĂ€ge hören. Dabei wird der Posten des amerikanischen VizeprĂ€sidenten meist nur belĂ€chelt und ist mit keiner wirklichen Machtkompetenz ausgestattet. Weiterhin ist es fraglich, ob sich Stamper und seine Adjutanten stets auf diverse EinschĂŒchterungstaktiken einlassen wĂŒrden. Was ist Stampers Antrieb? WeiĂ er von Franks Doppelmord? Wenn ja, warum bleibt er bedingungslos an seiner Seite? Wenn nicht, warum wird er dann nicht skeptisch? House of Cards will uns stĂ€ndig eintrichtern, dass alle Menschen in dieser Politikwelt Egoisten reinster Form sind. Ist Stamper etwa eine Ausnahme? Wahrscheinlich nicht.
Frank ist vielmehr von dem schier unglaublichen GlĂŒck gesegnet, dass alle, die ihm schaden könnten, den Wald vor lauter BĂ€umen nicht sehen. Bestes Beispiel ist Tom Hammerschmidt. Er wird zum persönlichen GesprĂ€ch mit Frank geladen, nachdem der mitbekommen hat, dass Hammerschmidt zum Tod von Zoe Barnes und Peter Russo recherchiert. In dem GesprĂ€ch offenbart sich Hammerschmidt als ĂŒberaus dĂŒrftiger Fragensteller. Er plaudert aus, dass er von Rachel Posner und Roy Kapeniak wisse, zeigt dem VizeprĂ€sidenten seinen Artikel und fragt ihn plump, ob er fĂŒr die Tode verantwortlich sei („I have to ask that.“ Warum?)
Underwood gleitet also weiter von einem Triumph zum nĂ€chsten. WĂ€re dies so elegant erzĂ€hlt wie in den ErzĂ€hlstrĂ€ngen um Claire oder Jackie Sharp, könnte ich mich durchaus damit anfreunden. Da die Metaphorik aber dreifach aufs Serienbrot gestrichen wird, wirkt das narrative Momentum oftmals sehr plump. Autor Willimon und sein Team beweisen in manchen Episoden ja, dass sie auch feinfĂŒhliger vorgehen können. WĂ€re schön, wenn das öfter vorkommen wĂŒrde.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 7. April 2014(House of Cards 2x06)
Schauspieler in der Episode House of Cards 2x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?