House of Cards 2x04

Das 17. Kapitel von House of Cards ist das erste, das es schaffte, mich mehrfach zu überraschen - im eigentlichen und im uneigentlichen Sinne. Ich bin überrascht von der menschlichen Wärme, zu der die Hauptcharaktere Francis (Kevin Spacey) und Claire Underwood (Robin Wright) offensichtlich doch fähig sind. Vielmehr bin ich jedoch überrascht von der Tatsache, dass der vermutete Anthrax-Angriff auf das Büro der neuen demokratischen Mehrheitsführerin Jackie Sharp (Molly Parker) keine ausgeklügelte Aktion Underwoods war, um sich mehr Zeit für die Überredung seines parteiinternen Rivalen Donald Blythe (Reed Birney) zu erkaufen.
Überraschende Entwicklungen
Die Serie hat es offensichtlich geschafft, mich in einen paranoiden Zyniker zu verwandeln, der hinter jedem neuen Handlungsstrang eine ausgefeilte Überlistungstaktik des Hauptcharakters vermutet. Umso erstaunter war ich, als sich der Angriff als Missverständnis herausstellte und Underwood auf konventionellem Wege versuchen musste, seine Ziele zu erreichen. Am Ende gelingt das auch wieder - jedoch nicht wegen seiner Gerissenheit, sondern wegen der tatkräftigen Unterstützung seiner Amtsnachfolgerin Sharp und des Lobbyfuchses Remy Danton (Mahershala Ali).
Ganz schlüssig fand ich die Auflösung nicht, dass Blythe sich nun dazu breitschlagen lässt, im Auftrag Sharps und Underwoods andere Kongressabgeordnete zur Stimmabgabe zu bewegen, selbst jedoch gegen das Gesetz zur Erhöhung des Renteneintrittsalters zu stimmen. Aber wir befinden uns schließlich nicht im realen Washington, sondern in der fiktionalen House-of-Cards-Version. Dort werden Briefe direkt von den Mitarbeitern der Abgeordneten geöffnet und passieren zuvor keinerlei Kontrolle. Dort wird auf dem größten Nachrichtensender der Welt, CNN, ein Interview mit der Ehefrau des Vizepräsidenten gesendet, obwohl alle anderen Nachrichtenportale gerade über einen möglichen Terrorangriff auf den amerikanischen Kongress berichten. Dort wird ein hochdekorierter Vier-Sterne-General der Vergewaltigung beschuldigt, ohne dass die Journalisten Hintergrundinformationen einholen.
Was diese Episode jedoch etwas realistischer macht, ist die Tatsache, dass Frank Underwood diesmal nicht aus jeder Schlacht als Sieger hervorgeht - was der gesamten Serie gut zu Gesicht steht. Zu Beginn lässt er den einflussreichen demokratischen Kongressabgeordneten Donald Blythe zu sich führen. Er will ihn dazu überreden, im Kongress für das Gesetz zur Erhöhung des Renteneintrittsalters zu stimmen. Blythe gibt sich renitent - er hat mit mehreren anderen demokratischen Abgeordneten ein Bündnis geschlossen, um gegen die weitere Aushöhlung zivilgesellschaftlicher und arbeitspolitischer Errungenschaften vorzugehen. Doch Frank braucht die Stimmen dieses Blocks unbedingt, schließlich stimmen die Republikaner einer Erhöhung des amerikanischen Budgetdefizits nur zu, wenn dieses Gesetz verabschiedet wird. Blythe bleibt bis zum Ende unerbittlich, selbst Underwoods Anbiederungen und sein geheucheltes Interesse an dessen persönliches Schicksal zeitigen keinen Erfolg.

Es bleibt Jackie Sharp überlassen, für die nötigen Stimmen zu sorgen. Sie profiliert sich als starke Politikerin, die den eigenen Instinkten folgt, statt sich auf das Erfolgsmodell ihres Vorgängers zu verlassen: „I'm not Frank Underwood.“ Damit trifft sie bei Blythe genau den richtigen Ton. Weil er zu Beginn der ersten Staffel von Frank Underwood in der Ausformulierung und Verabschiedung der Bildungsreform hintergangen wurde, sendet sie die richtigen Signale, indem sie sich von ihm distanziert. Schon davor beweist sie, dass sie auf Dantons Ratschläge keine Rücksicht nehmen muss. Bei all ihrer verschlagenen Kühnheit fehlt mir jedoch auch bei ihr noch der treibende Motivationsfaktor - neben ihrem unbedingten Willen zur Macht.
Jackie Sharp erledigt die Arbeit
Blythe hingegen hat in dieser Episode eine solche Motivation offenbart. Er ist zum einen jedoch kein wichtiger Charakter. Zum anderen stellt ihn die Serie als zu weich und zu unentschlossen dar. Schade eigentlich - etwas mehr substanzieller politischer Diskurs würde House of Cards sicherlich guttun. Doch fürs Erste will ich mich darüber freuen, dass Frank auf seinem Weg zur Präsidentschaft auch auf andere Personen als sich selbst angewiesen ist.
Während der Handlungsbogen um Frank Underwood und Jackie Sharp für mich die größte Überraschung bereithielt, so war Claires Handlungsbogen der eindeutige emotionale Höhepunkt dieser Episode (wenn nicht gar der Staffel - oder gleich der ganzen Serie). Ihr neuer Medienberater Connor (Sam Page) hat dem Vizepräsidentenpaar in der letzten Episode dazu geraten, durch ein persönliches Interview die Herzen der Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen. Weil Frank wegen des mutmaßlichen Angriffs jedoch mit Donald Blythe in der Quarantäne feststeckt (in einer sehr 12-Angry-Men-esken Situation), erklärt Claire sich bereit, das Interview alleine zu geben. Sie setzt sich den Fragen der unerbittlichen CNN-Befragerin Ashleigh Banfield aus. Was folgt, ist emotionales Dynamit und bestätigt einen Satz, den Claire selbst sagt und der für den gesamten Verlauf der Episode zutreffend ist: „He made the world a better place. But sometimes, that comes at a price.“

Claire zitiert dabei ihren Vater, der sie als kleines Mädchen mit zu dem Ort genommen hatte, an dem der amerikanische Präsident John F. Kennedy ermordet wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt läuft das Interview gut, doch dann zieht Banfield die Zügel plötzlich an. Es folgen zutiefst persönliche Fragen danach, ob Frank sie nur ausgenutzt haben könnte, um mit dem Geld ihres Vaters seinen Wahlkampf zu finanzieren, ob sie sich wohlfühle im Schatten ihres Ehemanns, warum sie keine Kinder gehabt habe und ob sie jemals schwanger gewesen sei.
Claire wagt sich auf mediales Glatteis
In einer früheren Episode wurde bereits erwähnt, dass Frank im Wahlkampf in seinem Heimatstaat Georgia von seinem republikanischen Gegenspieler bereits damit konfrontiert worden war, dass Claire ein Kind abgetrieben habe. Nun bestätigt Claire dies in aller Öffentlichkeit. Jedoch lügt sie auf Anweisung ihres Medienberaters über die Anzahl der Abtreibungen und vor allem den Zeitpunkt. Sie behauptet, nach der Vergewaltigung durch General McGinnis (Peter Bradbury) schwanger gewesen zu sein - nur wir Zuschauer wissen, dass dies nicht stimmt.
Die Anschuldigungen gegen McGinnis hingegen sind wahr. So lässt Claire eine mediale Bombe platzen, über deren Auswirkungen sie sich möglicherweise nicht im Klaren war: „This is going to make waves like you've never imagined.“ Frank nimmt das alles gelassen zur Kenntnis - er wird seiner Ehefrau zur Seite stehen, egal, was passiert. Hinter all seinen Intrigen und Winkelzügen ist sogar er manchmal nur ein Mann, der sich mit seiner Ehefrau eine Zigarette teilen und ihr einen alten Bluegrass-Song vorsingen will.
Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus) trauert solcher Zweisamkeit immer noch hinterher und lässt sich deshalb auch nicht von taufrischen Eilmeldungen ablenken. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass Gavin, der Hacker (Jimmi Simpson), für den Secret Service arbeitet und Goodwin eine Falle stellt. Hoffentlich wird das nicht das Ende dieses Handlungsbogens sein - der Mord an Zoe Barnes wäre viel zu schnell vergessen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 24. März 2014(House of Cards 2x04)
Schauspieler in der Episode House of Cards 2x04
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