Homeland 6x04

Homeland 6x04

Die Super-Bowl-Pause hat Homeland nicht etwa genutzt, um einen Kurswechsel vorzunehmen. Stattdessen bleibt die Spionageserie auf dem eingeschlagenen Pfad. Bedächtig wird weiter an der Geschichte gesponnen, wobei reale weltpolitische Konflikte noch stärkeren Anklang finden.

Einmal mehr sitzt Carrie (Claire Danes, M.) zwischen den Stühlen. / (c) Showtime
Einmal mehr sitzt Carrie (Claire Danes, M.) zwischen den Stühlen. / (c) Showtime
© inmal mehr sitzt Carrie (Claire Danes, M.) zwischen den Stühlen. / (c) Showtime

Das Kreativteam der Homeland-Episode A Flash of Light, Regisseurin Lesli Linka Glatter und Drehbuchautor Patrick Harbinson, bleiben dem ruhigen Stil der sechsten Staffel treu. Mit wenigen Ausnahmen setzen sie sowohl in visueller als auch dramaturgischer Hinsicht darauf, keine Hektik aufkommen zu lassen. Vielleicht ist das ja eine Reaktion auf den immer hektischer werdenden Politikalltag überall auf der Welt. „When they go crazy, we remain calm“: So oder ähnlich könnte ihr Motto gelautet haben.

The truth does matter

Das ist ebenso wohltuend wie überraschend, war die Serie in vergangenen Staffeln doch dazu übergegangen, sich Anleihen beim geistigen Vorfahren 24 zu nehmen. Die könnten nun auch wieder zurückkehren, kommt es am Ende der Episode doch zu einem ersten großen Knall. Wie nach einem jeden solchen Terroranschlag werden sämtliche Beteiligten nun in die höchste Alarmbereitschaft versetzt werden, was aus narrativer Sicht nicht einfach zu bewerkstelligen ist. Orientiert man sich dabei abermals an „24“ oder dem Nachfolger „Legacy“, könnte das in ein Festival der einseitigen Charakterzeichnung ausarten.

Angesichts des bisherigen Verlaufs der neuen Staffel habe ich aber die Hoffnung, dass ein differenzierterer Blick auf das weitere Geschehen geworfen werden wird. Die passenden Voraussetzungen dafür sind jedenfalls gegeben; die bisher kaum miteinander verbundenen Handlungsbögen offerieren eine leise Ahnung, wie daraus ein dichtes Netz aus Spionage, Verrat und doppeltem Spiel werden könnte. Dabei verlaufen die Fronten so unübersichtlich, wie es wohl auch auf dem realen diplomatischen Parkett der Fall ist. Klare Feindbilder sind dort nur selten zu finden.

Wie bereits der Cliffhanger in The Covenant nahelegte, ist der Besuch von Saul (Mandy Patinkin) bei seiner Schwester Dorit (Jacqueline Antaramian) - es ist sein erster in zehn Jahren - nicht rein privater Natur. Um zu seinem wahren Ziel vorzustoßen, muss der Seniorspion jedoch einiges auf sich nehmen. Was zunächst nach einer zwar heiklen, aber nicht unbedingt bedrohlichen Taxifahrt über die Grenze nach Jordanien aussieht, entpuppt sich als Entführungsfahrt inklusive Augenbinde, bei der nicht nur Saul, sondern auch uns Zuschauern mulmig wird.

Carrie (Claire Danes) kann nicht glauben, wen sie da gerade vor sich hat.
Carrie (Claire Danes) kann nicht glauben, wen sie da gerade vor sich hat. - © Showtime

Dort treffen Saul und wir einen alten Bekannten wieder, den wir seit der dritten Staffel nicht mehr zu Gesicht bekommen haben. Majid Javadi (Shaun Toub) ist seitdem Sauls Informant, kann aber auch keine genauen Informationen darüber liefern, ob der Iran seine Atomabkommen bricht und heimlich mit den Nordkoreanern paktiert. In Zeiten „alternativer Fakten“ erscheint der Dialog zwischen den beiden alten Haudegen erstaunlich hellsichtig, stellt Majid doch völlig zurecht fest, dass es gar keinen großen Unterschied macht, ob sich der Verdacht als wahr herausstellt.

Frozen in time

Ein Krieg werde in jedem Fall vom Zaun gebrochen, wenn die Amerikaner das so wollten. Das erinnert gleichzeitig an den amerikanischen Einmarsch im Irak im Jahre 2003, der ja auch mit der Behauptung gerechtfertigt wurde, dort würden Massenvernichtungswaffen hergestellt. In die Rolle eines Falken schlüpft nun immer stärker Dar Adal (F. Murray Abraham), der keine Gelegenheit auslässt, um Druck auf die designierte US-Präsidentin Keane (Elizabeth Marvel) und ihre heimliche Beraterin Carrie (Claire Danes) auszuüben.

Als erste Maßnahme lässt er Informationen an die New York Times durchsickern, wonach sich Keane angeblich nicht für den möglichen Vertragsbruch der Iraner interessiere. Sie jedoch feuert mit ähnlich starken Giftpfeilen zurück und belässt es dabei nicht. Von Carrie verlangt sie Druckmittel gegen Dar und Saul, was die aber nicht unbedacht liefern will. Zu groß ist ihre Loyalität für ihre früheren Ziehväter, zu stark noch die Verbindung zum ehemaligen Arbeitgeber - trotz der vielen Enttäuschungen, die sie im Dienst erlebt hat.

Keane hat ein weiteres starkes Argument zu bieten: Sie will die CIA grundlegend reformieren. Ein Anliegen, das Carrie überzeugen könnte, sollte es auch unvermeidlich sein, an den Stühlen von Saul und Dar zu sägen. Noch wahrscheinlicher wird ihre Kooperation, als Dar sich eine weitere Unverschämtheit leistet. Auf offener Straße konfrontiert er Carrie, während sie gerade ihre Tochter vom Kindergarten abholt. Er fordert sie auf, ihre Konsultationen zu unterlassen, bekommt daraufhin aber keine pflichtbewusste Unterwürfigkeit, sondern ernstgemeinte Opposition zu spüren.

Dar Adal (F. Murray Abraham) hält sich mit vehementen Forderungen nicht zurück.
Dar Adal (F. Murray Abraham) hält sich mit vehementen Forderungen nicht zurück. - © Showtime

Damit dürfte Dar einen Schritt zu weit gegangen sein. Eventuell hat das für ihn jedoch keine so drastischen Auswirkungen, weil sich die politische Großwetterlage mit dem Anschlag am Ende der Episode natürlich jäh verdunkelt. Die Falken dürften fortan viel Auftrieb haben, während die Reformbemühungen von Präsidentin Keane im Keim erstickt werden könnten. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, wer den Anschlag orchestriert hat, sondern auch, wie die einzelnen Handlungsbögen, die darin kulminieren, zusammenhängen.

Stand down

Zunächst einmal ist die Episode so aufgebaut, dass der gerade erst freigelassene Sekou (J. Mallory McCree) als Täter ausgeschlossen scheint. Er wusste ganz offensichtlich nicht, was er da transportiert. Außerdem ist es ziemlich schade, dass sein Erzählstrang zu einem solch abrupten Ende findet, war er doch eine der spannendsten, weil undurchschaubarsten Figuren dieser Staffel. Die Überraschung ist jedenfalls gelungen - trotz Homeland-typischer Warnschilder wie der vorauseilenden Worte von Sekous Mutter und Reda hatte ich nicht damit gerechnet.

Merkwürdigerweise gibt es einen Zusammenhang zwischen dem nun als Terroristen gebrandmarkten Sekou und Carries Überwacher, den Quinn (Rupert Friend) entdeckt hat. Er verfolgt den Beschatter in A Flash of Light zu ebenjenem Firmengelände, auf dem Sekou am nächsten Morgen in den Terrortruck steigt. Diese Verbindung nährt natürlich den Verschwörungstheoretiker in uns allen: Wer hat Sekou die Bombe untergejubelt? Was verspricht sich diese Partei davon? Und wie hängt das alles mit dem heraufziehenden Iran-Konflikt zusammen?

Es dauert nicht lange, bis die Nachricht ins Westjordanland vordringt, wo Saul von seinem alten israelischen Geheimdienst-Bekannten Etai (Allan Corduner) an der Ausreise gehindert wird. Der erfahrene Spion weiß längst, wo sich der CIA-Mann in der vergangenen Nacht aufgehalten hat und macht ihm unmissverständlich klar, dass ein Erstarken des iranischen Atomprogramms um jeden Preis zu verhindern ist. Angesichts des Anschlags lässt er Saul dann aber doch wieder frei.

In den kommenden Episoden der sechsten Staffel dürfte es bei Homeland rasanter zugehen als bisher. Es bleibt zu hoffen, dass nicht allzu viele überraschende Wendungen den bisher sorgsam aufgebauten Plot unglaubwürdig erscheinen lassen. Ein bisschen schneller darf die Handlung gerne voranschreiten, allerdings nicht zu sehr auf Kosten der wohltuenden Behutsamkeit, mit der das Kreativteam derzeit überraschenderweise vorgeht.

Trailer zu Episode 6x05: 'Casus Belli'

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 13. Februar 2017

Homeland 6x04 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 4
(Homeland 6x04)
Deutscher Titel der Episode
Westjordanland
Titel der Episode im Original
A Flash of Light
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 12. Februar 2017 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 14. Juli 2017
Autor
Patrick Harbinson
Regisseur
Lesli Linka Glatter

Schauspieler in der Episode Homeland 6x04

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