Homeland 6x02

© aul (Mandy Patinkin) versucht erfolglos herauszufinden, welches Spiel Carrie (Claire Danes) spielt. / (c) Showtime
Man könnte glauben, die einstmals mit vielen überraschenden Wendungen ausgestattete Dramaserie Homeland habe sich in ihrer nunmehr sechsten Staffel vorgenommen, einen Gegenpol zum grellbunt-lauten amerikanischen Politikbetrieb darzustellen. Ohne jeden Anflug von dramaturgischer Hektik breitet das Autorenteam - im Falle der Episode The Man in the Basement ist es Chip Johannessen - seine Geschichte aus. Lobenswert ist dabei hervorzuheben, dass trotz des zurückgenommenen Erzähltempos keinerlei Langeweile aufkommt.
Free speech
Weil Carrie (Claire Danes) nicht weiß, wie sie ihren Job, die Versorgung ihrer Tochter und den neuen Mitbewohner, Quinn (Rupert Friend), unter einen Hut bringen soll, wendet sie sich hilfesuchend an einen alten Bekannten, dessen plötzliches Erscheinen mir ein freudiges Grinsen aufs Gesicht gezaubert hat. Max (Maury Sterling) scheint nicht mehr so zerstreut zu sein wie in früheren Tagen, als er gemeinsam mit seinem Bruder Virgil (David Marciano) - auch der darf gerne bald wieder zurückkehren - noch die Drecksarbeit für Carrie erledigte. Nun dient er ihr sowohl als Babysitter als auch als Informationsbeschaffer.
Wenngleich sie sich in New York sehr häuslich eingerichtet hat und in stimmungstechnischer Hinsicht sehr ausgeglichen ist, hat sie nichts vom alten Ehrgeiz verloren, der sie schon immer angetrieben hat. Diesen investiert sie nun eben in ihre Arbeit bei Ottos NGO. Bitter nötig hat ihre Unterstützung der junge Sekou (J. Mallory McCree), der in der letzten Episode wegen Terrorverdachts vom FBI verhaftet wurde. Rosig sind seine Aussichten nicht, muss er doch erklären, wie ein Bargeldfund von mehreren tausend Dollar, eine geplante Reise nach Nigeria - ins Land der islamistischen Terrororganisation Boko Haram - und seine Aktivitäten als muslimischer Videoaktivist zusammenhängen.
Für die Ankläger ist es kein sonderlich komplizierter Fall, jedoch ergeben sich bei näherer Betrachtung einige dubiose Verstrickungen. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Reda (Patrick Sabongui) versucht Carrie, diesen auf den Grund zu gehen. Besonders große Fragezeichen wirft dabei Sekous Kinematograph Saad (Leo Manzari) auf, über den Max herausfindet, dass er FBI-Informant ist. Als sie ihn damit konfrontiert, behauptet er gegenüber Carrie, dass er versucht habe, Sekou zu schützen. Ob sie ihm das jedoch glauben kann, lässt sich bislang nicht feststellen.

Die Frage nach Carries Intuition ist zu Beginn der neuen Staffel die spannendste, führt sie die Serie doch wieder an ihre Anfänge zurück. Vor sechs Jahren fing alles damit an, dass sich Carrie sicher war, Brodys wahre Absichten einschätzen zu können. Nun kämpft sie mit ähnlicher Überzeugung für Sekou, obwohl seine Unschuld längst nicht geklärt ist. Immerhin gibt es einen legitimen Verdachtsmoment, wie FBI-Agent Conlin (Dominic Fumusa) gegenüber Carrie verlauten lässt: Die Flugtickets nach Nigeria waren schon gekauft, bevor Sekou das Darlehen erhielt.
Presidents don't get chances
Könnte es also soweit kommen, dass Carrie einem Terroristen dabei hilft, aus dem Gewahrsam zu entkommen? Spannend ist diese Frage allemal, vor allem weil Sekou tatsächlich sehr glaubwürdig versichern kann, dass er keinerlei niederträchtige Absichten hegt. Dann stellt sich jedoch die Frage, was er mit dem Geldbetrag vorhatte, der ihm von Saad ausgehändigt wurde. Wie zu „Homelands“ besten Zeiten ist die Antwort darauf nicht sehr einfach zu entziffern, wir Zuschauer tappen ebenso im Dunkeln wie Carrie und das FBI. Genau so muss das am Beginn einer Staffel sein.
Zu diesem dramaturgischen Verwirrspiel gesellt sich ein weiteres, das sogar globalpolitische Auswirkungen hat. Carrie-Kenner Saul (Mandy Patinkin) verdächtigt sie richtigerweise, als geheime Einflüsterin für die neue Präsidentin Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) zu arbeiten. Allerdings stellt sich das erst gegen Ende der Episode heraus. Diese Wendung ist zwar leicht vorhersehbar - andernfalls hätte die Szene zwischen Carrie und Saul gar nicht inszeniert werden müssen -, jedoch ist es dann doch äußerst zufriedenstellend, Carrie wieder in ihrem Element zu sehen.
Außerdem gefällt die Chemie zwischen ihr und Keane. Die beiden wirken wie zwei alte Freundinnen, die gemeinsam viel durchgemacht haben. Man stelle sich nur vor, in Amerika gebe es ein echtes Mehrheitswahlsystem, oder die größte Industrienation der Erde wäre in der Lage gewesen, russische Hackerangriffe abzuwehren, dann könnte es jetzt von einem ähnlich schlagkräftigen Duo angeführt werden - und nicht von einem Wahnsinnigen. So bleibt uns nur die fiktionale Version, die immerhin nach nur zwei Episoden schon so viel Spaß macht wie lange nicht mehr.

An der Führungsspitze der CIA spielt sich unterdessen ein merkwürdiger Machtkampf zwischen Saul und Dar Adal (F. Murray Abraham) ab. Letztgenannter lotet die Entscheidungsfreudigkeit der neuen Präsidentin aus, indem er ihren Berater Rob Hemmis (Hill Harper) in den Fortschritt einer laufenden Operation einweiht. Laut der Informationen des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad verstoße das iranische Regime gegen das Nuklearabkommen, indem es außerhalb des Landes ein Projekt mit nordkoreanischen Wissenschaftlern betreibe.
Menace
Die Entscheidung darüber, wer den iranischen Kontaktmann abfangen soll, überlässt Dar nun der Präsidentin - und damit Carrie. Die wiederum lässt es sich nicht nehmen, Saul für diesen Job vorzuschlagen. Wahrscheinlich ist diese Wahl zu neun Zehnteln wegen der Tatsache getroffen worden, dass Saul der beste Mann für den Job ist. Jedoch kann ich mir durchaus vorstellen, dass es Carrie auch ein kleines bisschen Spaß macht, dieses Katz-und-Maus-Spiel mit ihrem ehemaligen Mentor zu veranstalten. Was auch immer ihre Beweggründe sein mögen, erhält sie dadurch mehr Komplexität, erscheint menschlicher.
Gleiches gilt für die starke Schlussszene, in der sie und Quinn die ziemlich eindeutige Botschaft aussenden, dass sich Homeland nach den Ausflügen auf 24-Territorium wieder auf seine Wurzeln als Charakterdrama besinnt. Er verbringt den Tag damit, Verschwörungstheoretikern im Radio zuzuhören, Dosenfutter zu horten und einen epileptischen Anfall zu erleiden. Für ihn mündet das in eine ebenso einfache wie niederschmetternde Frage: „What happened to me?“ Und das meint er nicht etwa im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinne. Er weiß wirklich nicht, was mit seinem Körper geschehen ist.
In einer der zärtlichsten und bewegendsten Szenen der jüngeren „Homeland“-Vergangenheit zeigt ihm Carrie schließlich das Video, auf dem zu sehen ist, wie er vergiftet wurde. Danach wird es noch düsterer, denn Quinn will wissen, wieso Carrie ihn überhaupt gerettet hat. Das ist selbst für sie zu viel. Statt ihm zu antworten, lässt sie ihn einfach alleine. Wie geht es mit ihm weiter? Kommt er wieder auf die Beine? Verfällt er endgültig dem Drogenwahn? Oder lässt er sich sogar anstecken von den kruden Theorien, denen er pausenlos zuhört?
Die kommenden Episoden müssen das erst noch zeigen, allerdings steht jetzt schon fest, dass diese Geschichte interessanter ist, als ich das am Anfang erwartet habe. „Homeland“ befindet sich auf einem vielversprechenden Weg.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 23. Januar 2017Homeland 6x02 Trailer
(Homeland 6x02)
Schauspieler in der Episode Homeland 6x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?