Homeland 6x01

© olch ruhige Minuten wird Carrie (Claire Danes) wohl bald nicht mehr erleben. / (c) Showtime
Die Homeland-Produktionsmaschine ist eine gut geölte, wie man an der Auftaktepisode zur sechsten Staffel bestens erkennen kann. Gewohnt kompetent bereiten die Serienschöpfer Howard Gordon und Alex Gansa als Drehbuchautoren sowie Seith Mann als Regisseur in Fair Game den dramaturgischen Boden für die vielen politischen und persönlichen Verwicklungen, die uns im Laufe der Staffel sicherlich erwarten. Aufregend oder gar spannend ist das nur selten, dafür aber tief verwurzelt in aktuellen politischen Entwicklungen.
Let me go
Nach ihrem Berliner Abenteuer in der fünften Staffel befindet sich Carrie Mathison (Claire Danes) wieder in heimischen Gefilden. Sie hat nun einen Job, der mit der Geheimdienstcommunity höchstens am Rande in Berührung kommt. Mit ihrer Tochter Frannie wohnt sie in Brooklyn, zur Arbeit fährt sie ganz umweltbewusst mit dem Bus. Sie engagiert sich jetzt in der NGO ihres Beinahegeliebten Otto (Sebastian Koch) für Häftlinge, die alleine aufgrund ihres Aussehens inhaftiert wurden oder für kleine Vergehen horrende Haftstrafen aufgebrummt bekommen haben.
Für ihren Vorgesetzten sind das alles nur „small potatoes“, er wünscht sich für sie eine hervorgehobenere Rolle. Carrie jedoch ist mit ihrer Arbeit sehr zufrieden und davon überzeugt, sich für eine gute Sache einzusetzen. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen sie im Graubereich zwischen Recht, Gesetz und Moral fuhrwerkte. Uns geübte „Homeland“-Zuschauer dürfte das aber keinesfalls in Sicherheit wiegen. Nach allem, was wir bisher gesehen haben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Carrie wieder Hals über Kopf in weltpolitisch ausschlaggebende Abenteuer stürzt.
Welche Rolle Quinn (Rupert Friend) darin spielen wird, lässt sich auch nach der Auftaktepisode nicht klar herausstellen. Er hat den Berliner Giftanschlag überlebt, was ja angesichts der letzten Szenen mit ihm keinesfalls sicher schien, befindet sich aber in miserabler körperlicher Verfassung. Nicht nur aus menschlicher Sicht ist es herzzerreißend, ihn so zu sehen. Auch aus dramaturgischer ist es bedauerlich. Zum gleichen Zeitpunkt in der letzten Staffel war er noch ein überkompetenter Covert-Operations-Agent, der seine Mordaufträge aus einem geheimen Brandenburger Briefkasten fischte, ein junger Jack-Bauer-Abkömmling.

Nun ist Quinn ein Schatten seiner selbst, kann sich kaum auf den Beinen halten und nutzt sein schmales Einkommen aus der Veteranenversorgung für den nächsten Drogenrausch mit einer Bekannten, die schon beim ersten Anblick nach Ärger aussieht. Carrie versucht ihr Bestes, ihm gut zuzusprechen und davon zu überzeugen, die Rehabilitation trotz ausbleibender Fortschritte nicht aufzugeben, stößt dabei aber auf erbitterten Widerstand - und das nicht nur vom desillusionierten Quinn selbst. Auch seine Physiotherapeutin bittet Carrie, Abstand zu nehmen. Es sei für Quinns minimale Gesundungsaussichten das Beste.
Two sides to every story
Carrie wäre jedoch nicht Carrie, würde sie diesen Rat beherzigen. Andererseits findet sie Quinn in einem solch niederschmetternden Zustand vor, dass es an unterlassener Hilfeleistung grenzen würde, ihm nicht zu helfen. Sie ergreift jedenfalls die drastische Maßnahme, die auch schon dem legendären Junkie Bubbles (Andre Royo) aus The Wire zuteil wurde, wenngleich das bei ihm auf Freiwilligkeit beruhte. Quinn soll fortan in ihrem Kellerraum ausnüchtern und bestenfalls auch der Drogensucht entkommen. Ob er sich mit dieser Form der Freiheitsberaubung abgibt, bleibt abzuwarten.
Bisher lässt sich also nur erahnen, wie Carrie - und vielleicht sogar Quinn - in den CIA-Dunstkreis zurückkehren wird. Dort gehen ihr ehemaliger Chef Saul (Mandy Patinkin), mit dem sie sich wieder versöhnt hat, und der einst geheimnisumwitterte Dar Adal (F. Murray Abraham) ihrem Tagesgeschäft nach, das momentan beinhaltet, die designierte US-Präsidentin Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) auf den neuesten Stand zu bringen, was die Spionageaktivitäten ihrer Organisation angeht. Großes Interesse an ihrer „Operation Signpost“, einer Cyberspionageaktion im Iran, hat sie aber nicht.
Viel eher interessieren sie aktuelle Drohnen- und paramilitärische Operationen. Den in den USA von Regierungsseite als Vaterlandsverräter gebrandmarkten Whistleblower Edward Snowden erachtet sie als Helden, die Bedrohung durch inländisch erwachsenen Terrorismus hingegen als überschätzt. Diese Figur scheint einzig und allein konzipiert worden zu sein, um das aktuelle Geschehen in Amerika zu reflektieren. Keane erscheint in ihrem brüsken Auftreten wie eine Mischung aus Donald Trump und Hillary Clinton, von der sie die Biografie geerbt zu haben scheint. Das macht ihren Charakter zwar leicht durchschaubar, aber auch ziemlich spannend.

Außer diesem ersten rudimentären Bild gibt Keane in der Auftaktepisode keine weiteren Einblicke in ihre Figurenzeichnung preis. Stattdessen legt „Homeland“ den Fokus auf Verschwörungen, die hinter den Kulissen der CIA stattfinden. In deren Zentrum steht - wenig überraschend - Dar Adal. Er trifft sich nicht nur mit einer Kontaktfrau des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, sondern organisiert auch Meetings, die ohne Saul ablaufen. Was genau dahintersteckt, welche Absichten Dar verfolgt, bleibt jedoch das Geheimnis der Episode.
Probably for the best
Vielleicht ist ihm der nicht nur äußerlich an einen netten Großvater erinnernde Saul ja zu lasch im Umgang mit den bestehenden terroristischen Bedrohungsszenarien. Es wäre nicht das erste Mal. Dabei könnte es auch um Sekou (J. Mallory McCree) gehen, einen jungen Muslim aus New York, der sich mit seinem Videoblog ins Sichtfeld der Geheimdienste manövriert. Darin besucht er historische Stätten, an denen terroristische Attentate verübt wurden, wie der Bombenanschlag auf das World Trade Center im Jahre 1993 oder der Mordanschlag auf den israelischen Politiker Meir Kahane im Jahre 1990.
In seiner Figur kulminieren denn auch die Handlungsbögen der Hauptakteure. Wegen seiner Aktivitäten - unter anderem soll er ein Pamphlet der Terrororganisation ISIS übersetzt haben - und einer bevorstehenden Reise nach Nigeria zu seinem Vater wird Sekou von FBI-Agent Conlin (Dominic Fumusa) festgenommen. Als Carrie davon erfährt, schreitet sie sogleich ein, hat mit ihrem Ansinnen aber keinen Erfolg. Sie weiß, dass Sekou eine lange Haftzeit bevorsteht, weshalb sie dem Inhaftierten auch ohne Schönfärberei erklärt, was auf ihn zukommt.
Dem Autorenteam von Homeland gebührt Respekt für sein furchtloses Eintauchen in hochaktuelle politische Themen. Schon in der letzten Staffel hatte es sich ja dem Komplex internationaler Cybersicherheit gewidmet. Und auch, wenn die Umsetzung bisweilen nicht allzu elegant daherkommt, gibt es der Serie doch eine spannende neue Ausrichtung. Außerdem zeigt es, wie wandelbar sie ist. Vom Beziehungsdrama und Spionagethriller hat sie sich kurzzeitig in ein Actionformat gewandelt, um nun zu einem Format zu werden, das weltpolitische Probleme widerspiegelt.
Das alles mag in Fair Game noch leicht behäbig daherkommen, leistet aber ausreichend Vorarbeit für eine gelungene sechste Staffel.
Trailer zur Episode 6x02 der US-Serie „Homeland“, „The Man in the Basement“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 16. Januar 2017Homeland 6x01 Trailer
(Homeland 6x01)
Schauspieler in der Episode Homeland 6x01
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