Homeland 5x12

Schon am Ende der sehr guten, in der Finalepisode aber doch ernüchternden vierten Staffel des Showtime-Spionagethrillers Homeland brach das Kreativteam mit der Gewohnheit, sich mit einem großen Knall zu verabschieden. Obwohl es damals viel Kritik erntete, blieb es dieser Struktur treu und lieferte nun mit A False Glimmer eine ähnlich konzipierte Episode. Die zentralen Handlungsbögen werden in wenigen Szenen abgearbeitet, um zum vermeintlich emotionalen Abschluss zu kommen. Diverse Ungereimtheiten verhindern das aber - zumindest größtenteils.
I was happy here
Der geplante Terroranschlag auf den Berliner Hauptbahnhof geht reichlich unspektakulär zu Ende. Zunächst überredet Carrie (Claire Danes) den höchst unsicheren Möchtegernfanatiker Qasim (Alireza Bayram), Chefterrorist Bibi (Rene Ifrah) im Alleingang von dessen Vorhaben abzubringen. Als das nicht funktioniert, muss die CIA-Freelancerin selbst eingreifen. Carrie erschießt Bibi, bevor er das tödliche Saringas entweichen lassen kann und betet hernach auf Arabisch für den toten Qasim - ein erstes Anzeichen für Carries neugefundene Spiritualität.
Sie will jetzt nur noch nach Hause, was ihr schließlich auch gestattet wird. Geweckt wird sie erst wieder von Jonas (Alexander Fehling), der das Angebot zum Versöhnungssex zwar annimmt, danach aber von der Wiederaufnahme einer Beziehung nichts wissen will. Carrie ist darüber entrüstet, was aber keinen echten emotionalen Eindruck hinterlässt, weil diese Beziehung in der zweiten Staffelhälfte überhaupt nicht mehr thematisiert worden war. Das Gleiche gilt für Carries labilen Geisteszustand, der in Super Powers (5x03) noch eine ganze Episode in Anspruch nahm.
Es sind diese dramaturgischen Nachlässigkeiten, die es verhindern, dass die Autoren um Serienschöpfer Alex Gansa (der diese Episode gemeinsam mit Liz Flahive und Ron Nyswaner schrieb) ihr Ziel erreichen. Die einzigen wirklich nachhaltigen Szenen sind die am Krankenbett von Quinn (Rupert Friend), wobei es hier auch äußerst schade ist, wie unglamourös der Elitekämpfer (wahrscheinlich) aus der Serie geschrieben wird. Als Carrie nach ihrem Streit mit Jonas im Krankenhaus ankommt, erfährt sie, dass ihr ehemaliger Geliebter abermals operiert werden muss.

Dieser Eingriff geht nicht gut aus - zwar wird Quinn am Leben erhalten, jedoch erleidet er solch starke Hirnblutungen, dass bleibende Schäden unausweichlich sind. Davor hat sich Carrie erneut zum Gebet veranlasst gefühlt, wobei aber nicht das erwünschte Resultat herausspringt. Am Krankenbett wacht derweil sein Mentor Dar Adal (F. Murray Abraham), der Carrie nicht nur einen Abschiedsbrief überreicht, sondern ihr auch von Quinns Vergangenheit erzählt. Demnach wuchs er als Waisenjunge in einem Pflegeheim auf und war der jüngste Rekrut, den die CIA jemals ausbildete.
Easy target
So schade es ist, dass uns die tolle Figur aller Voraussicht nach nicht erhalten bleiben wird, so wirksam sind diese emotionalen Kinnhaken. Beim ersten Versuch, den Brief zu lesen, wird Carrie noch von Saul (Mandy Patinkin) unterbrochen. Er will sie zur CIA zurückzuholen: „I need you.“ Vorerst bleibt Carrie - aus nachvollziehbaren Gründen - standhaft, einem anderen Angebot gewährt sie hingegen Bedenkzeit. Für uns Zuschauer völlig unerwartet, unterbreitet ihr Otto Düring (Sebastian Koch) eine zukünftige Partnerschaft - aber nicht nur in beruflicher Hinsicht, sondern auch in privater.
Das ergibt nun wirklich kaum Sinn. Bisher war zwischen den beiden nicht ein einziger Funken gegenseitiger Anziehung erkennbar. Noch gewichtiger sind indes die Äußerungen, die Otto vor wenigen Episoden noch gegenüber Jonas getroffen hatte. Da offenbarte er großes Misstrauen gegenüber Carrie - und jetzt will er plötzlich eine Beziehung mit ihr? Weil sie einen Terroranschlag verhindert hat? Oder er seinem jungen Kollegen eins auswischen will? Wird dieser Handlungsbogen jemals wieder aufgegriffen? Und wenn nicht - wieso ihn dann überhaupt einführen? Eine sehr seltsame Entwicklung ist das.
Nachdem sich Carrie aus dieser schleimigen Verbalumklammerung gelöst hat, kann sie sich endlich Quinns Brief widmen. Er gesteht ihr darin nicht nur seine Liebe, sondern fordert sie auch dazu auf, die Geräte abzuschalten, die ihn künstlich am Leben halten. Außerdem wünscht er sich keine Gedenkzeremonie oder Ähnliches: „Don't put a star on the wall for me.“ Damit gelingt eine schöne Referenz an das leider sehr schwache Finale der dritten Staffel, in dem Carrie einen Stern für Brody an die Wand der Gefallenen malte. Bevor sie Quinns letzten Wunsch erfüllen kann, erstrahlt plötzlich die Sonne mit all ihrer Kraft - und die Episode endet, bevor wir erfahren, ob Quinn nun tatsächlich stirbt.

Der Cliffhanger hätte wohl stärkere Wirkung, wenn nicht schon klar wäre, dass Quinn nie mehr zu alter Stärke auflaufen wird. Da wir aber bereits wissen, dass seine Gehirnschäden irreparabel sind, geht es jetzt nur noch darum, ob er stirbt oder weiter vor sich hin vegetiert. Die Entscheidung liegt bei Carrie und ihrer wiedererstarkten Spiritualität, die sie ja schon zu Beginn der Staffel offenbart hatte. Auch hier gilt wieder: Wäre diese Entwicklung über den Verlauf der Staffel nicht einfach vergessen worden, könnte sie jetzt nachhaltigeren Eindruck hinterlassen.
First class treatment
Sehr eindrücklich gerät indes der Abschluss des Handlungsbogens um Investigativjournalistin Laura Sutton (Sarah Sokolovic). Sie wird vom BND in Person der unnachgiebigen Astrid (eine tolle Nina Hoss) dazu gezwungen, ihre öffentlichen Aussagen zurückzuziehen und sich damit selbst zu diskreditieren. Andernfalls werde der mit Asylstatus in Deutschland lebende Numan (Atheer Adel) in die Türkei abgeschoben, wo ihn die Todesstrafe erwartet. In der Realität hat das Land zwar schon 2004 die Todesstrafe abgeschafft, in diesem Falle nimmt das aber nichts von dem eindringlichen Porträt eines Überwachungsstaates, der sich keiner Methode zu schade ist, seine Widersacher mundtot zu machen.
Übrig bleibt die Frage, ob es Allison (Miranda Otto) rechtzeitig außer Landes schaffen wird, um der furchtbaren Rache des Saul zu entgehen. Weil es ihm aber gelingt, SVR-Kontaktmann Ivan (Mark Ivanir) mit der Aussicht auf einen Ruhestand im amerikanischen Wintersportort Jackson Hole zum Reden zu bringen, bleibt Allisons Fluchtversuch erfolglos. Saul ist sogar so erzürnt über ihren beruflichen wie persönlichen Verrat, dass er sie nicht festnehmen, sondern direkt erschießen lässt.
Für mich passt das überhaupt nicht zur Charakterzeichnung, die Saul in den bisherigen Staffeln zugedacht wurde. Ja, er ist ein knallharter Geheimdienstler - aber ein Mörder, der hilflos im Kofferraum Gefangene ausschalten lässt? Es soll wohl die Hinwendung von Saul zu der Seite sein, die Quinn in seinem Brief „the darkness“ nennt. Wir dürfen gespannt sein, ob sich das Autorenteam zu Beginn der bereits bestellten sechsten Staffel an diese Wendung erinnern wird oder ob es für die neue Geschichte dann doch wieder genehm ist, auf den alten Saul zurückzugreifen.
Es ist sehr schade, dass es in diesen letzten Episoden zu so vielen dramaturgischen Ungereimtheiten gekommen ist. Die Staffel startete vielversprechend, begab sich dann aber auf einen narrativen Schlingerkurs, den sie bis zum Ende nicht mehr verlassen konnte. Viele gute Ideen sind vorhanden, derzeit mangelt es aber an deren kohärenter Verknüpfung. Homeland kann viel besser sein, als es sich hier präsentiert hat.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 21. Dezember 2015Homeland 5x12 Trailer
(Homeland 5x12)
Schauspieler in der Episode Homeland 5x12
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?