Homeland 4x12

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Was sich Drehbuchautorin Meredith Stiehm für das Finale der vierten Staffel von Homeland ausgedacht hat, ist… interessant. Während ich diesen Text schreibe, sind nur wenige Minuten nach der Episode vergangen, aber ich versuche die ganze Zeit schon vergeblich, einen passenden Vergleich hervorzukramen. Momentan will mir aber kein Staffelfinale einer anderen Serie einfallen, das in ähnlichem Ausmaß dem Verlauf der Staffel zuwiderlief.
Too little, too late
Während sich die letzten Episoden immer weiter auf 24-Territorium wagten, nimmt Long Time Coming den Fuß nun vom Gaspedal. Viel mehr noch: Die Episode steigt mit beiden Füßen auf die Bremse. Als geübter Fernsehzuschauer glaubt man bei solch ruhigem Verlauf ja meist, dass am Ende noch der große Knall wartet. Darauf wartet man hier aber vergeblich. Das Finale beginnt ruhig, verläuft ruhig und endet ruhig. Im Vergleich mit den bisweilen exzellenten Episoden dieser vierten Staffel gehört diese zu den schwächsten.
Das liegt ganz einfach daran, dass sich Stiehm und ihre Regisseurin Lesli Linka Glatter auf Handlungsstränge berufen, die entweder zu den schwächeren in dieser Staffel gehörten, oder die plötzlich neu auftauchen. Die CIA und der scheinbar endlose Antiterrorkampf kommen nur am Rande vor, der Cliffhanger aus Krieg Nicht Lieb löst sich unspektakulärer auf als erwartet. Das alles bedeutet nun nicht, dass es an dieser Episode keine positiven Aspekte gäbe. Es ist nur merkwürdig, wieso sich Autoren und Showrunner entschieden haben, eine solche Folge als Staffelfinale zu konzipieren.
Wir kehren also zu der Idee der Romanze zwischen Carrie (Claire Danes) und Quinn (Rupert Friend) zurück, obwohl zwischen den beiden keine echte Chemie besteht. Über den größten Teil der Staffel wurden wir glücklicherweise mit diesem Handlungsstrang verschont, nachdem uns und Quinn zu Beginn noch eingetrichtert worden war, dass er unsterblich in Carrie verliebt sei. Auf der Beerdigung von Carries Vater (eine tolle Ehrung an den verstorbenen Charakterdarsteller James Rebhorn) taucht Quinn nun plötzlich wieder auf, und nachdem er und Carrie, Saul (Mandy Patinkin) und Mister „My wife made Lasagna“ Lockhart (Tracy Letts) einen ungewöhnlich geselligen Abend miteinander verbracht haben, kommt es zum Kuss zwischen den beiden angeblich schicksalhaft Verbundenen.

Statt sich aber in diesen Moment fallen zu lassen, fangen die beiden sofort an, eine etwaige Beziehung miteinander auszubaldowern. Weil sich Carrie mittlerweile gut genug kennt, will sie sich und Quinn gleich vor zukünftigen Seelenqualen schützen und sich erst gar nicht auf ihn einlassen. Quinn ist aber so verliebt in Carrie und gleichzeitig so sehr davon überzeugt, mit ihr glücklich werden zu können, dass er sie dazu auffordert, gemeinsam die CIA und den Antiterrorkampf hinter sich zu lassen.
I'll just fuck it up
Carrie erbittet sich jedoch mehr Zeit und verquickt ihre Entscheidung mit dem Nachdenken über ihre zur Beerdigung des Vaters plötzlich wieder aufgetauchte Mutter (Victoria Clark). Zunächst wirft Carrie sie barsch aus dem Haus der Schwester, weil die beiden seit 15 Jahren nichts mehr von ihrer Mutter gehört haben. Dann überlegt sie es sich aber doch wieder anders und nimmt einen Roadtrip nach Missouri auf sich, um endlich zu erfahren, warum sie von ihrer Mutter verlassen wurde.
Carrie bekommt dort eine halbwegs zufriedenstellende Antwort und zieht daraus den Schluss, es vielleicht doch noch einmal mit Quinn versuchen zu können. Da ist es jedoch schon zu spät: Quinn entschließt sich dazu, an einer Black Ops-Mission gegen den IS in Syrien und Irak teilzunehmen. Immerhin hinterlässt er einen Brief an Carrie, den sie aber nur bekommt, sollte ihm etwas zustoßen. Diese beiden miteinander verwobenen Handlungsstränge werden hier etwas zu schnell und glatt abgehandelt. Es ist zwar ein löbliches Ansinnen, Carries Psyche weiter auszuleuchten, aber das kann dann nicht innerhalb von nur einer Episode geschehen. Das braucht Zeit, mehrere Episoden, vielleicht eine ganze Staffel.
Immerhin lässt das Ende der Episode darauf hoffen, dass die Liebelei zwischen Carrie und Quinn nun endgültig begraben wird. Er ist immerhin so deep undercover, dass nicht mal der allwissende Dar Adal (F. Murray Abraham) weiß, wo er sich wann aufhält. Quinn und Kollegen sind völlig auf sich alleine gestellt, selbst ihre Rückholung muss die Gruppe selbst organisieren. Ob das Carrie am Ende überhaupt noch interessiert, ist unklar.

Carrie fordert von Dar Informationen über Quinns Aufenthaltsort, erfährt im Zuge dessen aber etwas, das zu einem tiefen Riss in ihrer Beziehung zu Saul führen könnte. Hier sind wir nun endlich beim interessantesten Teil der Episode angelangt - kein Wunder, hat er doch nichts mit Kinderwägen, Liebe oder Privatproblemen zu tun. Dar Adal liefert darin die Auflösung für den Cliffhanger der letzten Episode, wo Carrie ihn im Fahrzeug von Topterrorist Haqqani (Numan Acar) gesehen hatte.
Die Erklärung dafür fällt ebenso unspektakulär wie befriedigend aus: Adal hat weder als Maulwurf für die CIA noch für die Terroristen gearbeitet. Er hat schlicht und einfach Verhandlungen mit Haqqani geführt. Als Austausch gegen das Video von Sauls Geiselnahme und dem Zugeständnis, keine terroristischen Angriffe auf amerikanische Einrichtungen zu lancieren, wird Haqqani von der Tötungsliste der CIA gestrichen.
Not every choice we make is blessed with moral clarity
Ein zynischer Deal, der - wie Carrie und Saul anmerken - dem Gedenken an die 36 Toten des Anschlags auf die amerikanische Botschaft in Islamabad zuwiderläuft. So zynisch dieser Deal aber auch sein mag, er ist fundiert ein einem außen- und sicherheitspolitischen Realismus, der sich nach den Bedürfnissen zweier Streitender richtet und versucht, dazwischen einen für beide Seiten annehmbaren Ausgleich zu finden. Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee, die emotionalen Aspekte einer gewalttätigen Auseinandersetzung bei den Verhandlungen darüber außen vor zu lassen.
Adal will diesen Nichtangriffspakt dazu nutzen, Saul wieder in den Chefsessel der CIA zu bugsieren, der von Lasagne-Man Lockhart geräumt wird. Dazu müsste Saul jedoch diesen eigenwilligen Friedensschluss mit Haqqani akzeptieren - was am Ende zumindest angedeutet wird, als Carrie ihn auf Dar Adals Gartenmöbel sieht. Nun ist keinesfalls klar, ob Saul hier nur eine Rolle spielt, um Adal später aus mächtigerer Position zu bremsen, oder ob er tatsächlich mit dieser Art von Geheimdienstarbeit einverstanden ist. Carrie ist jedenfalls zu Recht schockiert.
Die wiedererstarkte vierte Staffel von Homeland geht in ihrem Finale einen ungewöhnlich ruhigen Weg. Als Zuschauer wartet man vergeblich auf den großen Knall, eine überraschende Wendung oder wenigstens eine kurze Actionsequenz. Autorin Meredith Stiehm wählte jedoch eine gänzlich andere, ungleich ruhigere und besonnenere Herangehensweise. Angesichts der vielen tollen, actiongeladenen Episoden dieser Staffel lässt sich das leichter verschmerzen.
Die Rückkehr zu einer stärkeren Fokussierung von Liebesbeziehungen, Familienproblemen und Tochtersorgen schlägt aber wieder einen unglücklichen Bogen zurück zum Beginn dieser Staffel, als sämtliche Umstehende versuchten, Quinn eine Liebe zu Carrie anzudichten, und als Letztgenannte kurz überlegte, ob sie ihre Tochter in der Badewanne ertränken sollte. Diese Themen kommen auch in Long Time Coming wieder vor, werden aber etwas eleganter behandelt. Eine mittelmäßige Episode schließt diese gute Staffel ab und lässt viele Optionen für die bereits bestellte fünfte Staffel offen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 22. Dezember 2014Homeland 4x12 Trailer
(Homeland 4x12)
Schauspieler in der Episode Homeland 4x12
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