Homeland 5x01

Die Showtime-Dramaserie Homeland hat sich für ihre neue, mittlerweile fünfte Staffel abermals neu erfunden. Dies ist eine Notwendigkeit, die aus der kaum aufrechtzuhaltenden Prämisse aus der herausragenden ersten Staffel entstanden ist. Brody (Damian Lewis) hätte damals im Staffelfinale wohl besser die Bombe zünden und sterben sollen - dann wäre uns Zuschauern ein künstliches In-die-Länge-Ziehen seines Handlungsbogens erspart geblieben. Weil Lewis' Performance aber so großartig war und so viele Zuschauer in ihren Bann zog, musste er damals bleiben.
Tell me what the strategy is, I'll tell you if it's working
Diesen dramaturgischen Fehlgriff beglich das Autorenteam um Showrunner Alex Gansa am Ende der dritten Staffel, was es jedoch nicht davon abhielt, Brody noch einmal in der polarisierenden, meiner Meinung nach exzellenten Episode Redux (4x07) zurückzubringen. Trotzdem konnte sich die vierte Staffel von den Brody-Fesseln befreien und zu Hochform auflaufen - wenn auch mit anderen Vorzeichen. Im Mittelpunkt stand nun nicht mehr die komplizierte Beziehung der beiden Hauptfiguren, sondern die komplizierten außenpolitischen und militärischen Verflechtungen der USA.
Carrie Mathison (Claire Danes) dirigierte als „Drone Queen“ die in der völkerrechtlichen Grauzone stattfindenden Angriffe auf vermeintliche Terroristen. Die Serie bediente sich fortan freizügig am 24-„Playbook“, wo Alex Gansa und Howard Gordon bereits als Executive Producer gedient hatten. Bis kurz vor Schluss funktionierte das hervorragend - und dann entschloss man sich, Carrie abermals auf Sinnsuche zu ihrer entfremdeten Mutter zu schicken und ihre Beziehung zu Jack Bauer junior, Quinn (Rupert Friend), zu thematisieren. Das dröge Finale der letzten Staffel führte uns noch einmal schmerzlich vor Augen, dass das spannende, mitreißende Homeland auch eine weniger spannende Zwillingsschwester mit sich herumschleppt.
Im Auftakt zur neuen Staffel werden diese Konflikte nun glücklicherweise nicht mehr thematisiert, während das Kreativteam abermals einen Neustart wagt. Die Handlung wurde dafür nach Berlin verlagert, was unser Städterherz natürlich höherschlagen lässt. Überdies wurde die sehr lobenswerte Entscheidung getroffen, komplett on location und mit einem großen deutschen Cast zu drehen, was uns Serienjunkies Betrachtungen wie diese erspart. Überhaupt kann schon in der ersten Episode die herausragend professionelle Umsetzung dieses Spionagethrillers hervorgehoben werden. Drehbuch, Regie, Schauspiel und musikalische Untermalung befinden sich allesamt auf hohem Niveau.

Wenn das letzte Staffelfinale etwas Gutes gebracht hat, dann Carries aufgeblühte Liebe zu ihrer Tochter Frannie. In Separation Anxiety sehen wir sie erstmals als liebende Mutter, was vieles - vor allem natürlich die Szene in Trylon and Perisphere, in der Carrie kurzzeitig darüber nachdachte, ihr Baby zu ertränken - wiedergutmacht. Für mich bleibt ein Baby in einer solchen Serie dramaturgischer Ballast ohne erkennbaren narrativen Mehrwert. Wenn das nun aber nicht mehr rückgängig zu machen ist, dann am besten so umsetzen wie hier.
You hunt us. You kill our families. You keep us from our homeland.
Nach ihrem Rausschmiss bei der CIA hat Carrie einen neuen Job als Sicherheitsberaterin bei der Düring Foundation gefunden, die vom milliardenschweren Philantrop Otto Düring (Sebastian Koch) geleitet wird. Außerdem arbeiten dort Carries neue Flamme Jonas Happich (Alexander Fehling) und die ambitionierte Journalistin Laura Sutton (Sarah Sokolovic), die ganz offensichtlich nach Vorbild der Edward-Snowden-Helferin Laura Poitras gestaltet ist. Zunächst kann sich Carrie eines relativ ruhigen Alltags erfreuen, wenngleich ihr Chef bald andeutet, dass er ein echter Albtraum für sein Sicherheitsteam sein kann.
Es dauert nicht lange, bis sich andeutet, was Carrie über die kommenden zwölf Episoden in ihr altes Leben zurückholen wird. Sutton wird ein Dokument zugespielt, das Beweise für die illegale Zusammenarbeit deutscher und amerikanischer Geheimdienste beinhaltet. Sie will sofort veröffentlichen, während Carrie zu Geduld mahnt und von ihrem Chef den Auftrag bekommt, den Inhalt der Dokumente zu verifizieren. Was im letzten Jahr der amerikanische Drohnenkrieg war, ist nun die außer Kontrolle geratene Tätigkeit der Geheimdienste. Homeland bewegt sich weiterhin nahe am Puls der Zeit - ein überaus begrüßenswerter Trend.
Düring offenbart überdies, was für ein unbequemer Querkopf er sein kann, indem er Carrie dazu auffordert, die Vorkehrungen für eine hochgefährliche Reise in ein Flüchtlingscamp im Libanon zu treffen, das er mit einer stattlichen Spende bedenken will. Auch hier behandelt die Serie ein Thema, das kaum aktueller sein könnte. Entgegen Carries eindringlichem Ratschlag bleibt Düring bei seinem Plan, weshalb sie zuerst bei der CIA-Stationsleiterin in Berlin, Allison Carr (Miranda Otto), Informationen ersucht. Weil sie dort abgewiesen wird, begibt sie sich auf einen gefährlicheren Pfad. Über Imam Hafiz (Samir Fuchs) stellt sie Kontakt zu einem im Berliner Untergrund lebenden Hisbollah-Anführer her.

Der gewährt ihr schließlich freies Geleit ins Flüchtlingslager - nicht aber, ohne sie vorher einer nachhaltigen Prüfung zu unterziehen. Carrie wird dabei von Al-Amin (George Georgiou) gekidnappt, einem ehemaligen Weggefährten von Abu Nazir, dessen Sohn einem von Carrie befehligten Bombenanschlag in Beirut zum Opfer fiel: „Our strength is our suffering, and you provide us with an endless supply.“ Nach dieser furchteinflößenden Begegnung bekommt sie jedoch, worum sie gebeten hat. An anderer Front muss sie indes eine Niederlage verzeichnen: Laura lässt sich nicht länger hinhalten und publiziert ihre Erkenntnisse.
I will fight you forever
Saul Berenson (Mandy Patinkin) dürfte das nur noch mehr davon überzeugen, dass Carrie nun für die falsche Seite arbeitet. Er macht sie überdies dafür verantwortlich, dass er bei der Neubesetzung des CIA-Direktorpostens übergangen wurde. Nun muss er sich mit der Leitung der Europaabteilung zufriedengeben, was ihm bald gehörige Kopfschmerzen bereitet. Der Bundesnachrichtendienst kündigt in Person von Offizier Adler (Martin Wuttke) nämlich die illegale Zusammenarbeit mit den Amerikanern auf. Am Tisch sitzt auch BND-Agentin Astrid (Nina Hoss), der wir bereits in der letzten Staffel begegnet sind. Nachdem Adler wutentbrannt den Treffpunkt verlassen hat, offenbart sie Bereitschaft für etwaige weitere Kooperationen.
Das könnte sie wiederum mit Quinn wiedervereinen, der zu Beginn der Episode einen niederschmetternden Statusbericht über zwei Jahre Special Ops-Arbeit in Syrien abgibt. Seine beiden Vorschläge im CIA-Meeting zur Befriedung der verfahrenen Lage im Bürgerkriegsland sind utopisch, weshalb er seinen Frieden auf ganz eigene Weise sucht. Er folgt Saul nach Berlin, um dort als Auftragskiller nicht sanktionierte Anschläge auf Terroristen - oder solche, die es noch werden wollen - auszuführen. In dieser Rolle hat mir Quinn immer am besten gefallen, wenngleich seine Tätigkeit einer moralischen Bankrotterklärung gleichkommt. Er selbst sieht das mit einer großen Portion Galgenhumor: „He's a martyr in paradise, and I'm stuck here.“
Homeland startet mit Separation Anxiety einen sehr soliden Neuanfang. Die Serie ist vielleicht nicht mehr ganz so aufregend wie in ihrer ersten Staffel, dafür sorgen die auf allen Ebenen professionelle Ausführung und die Einarbeitung aktueller außenpolitischer Themen für spannenden Thrillerstoff. Es bleibt natürlich stets zu befürchten, dass Carrie und ihre psychische Erkrankung hier und da in den Vordergrund rücken, was für mich in der Vergangenheit die Qualität einer Episode stets beeinträchtigte. Wenn sich die Serie aber auf dem in dieser Folge etablierten Niveau weiterbewegt, sehe ich dem gelassen entgegen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 5. Oktober 2015Homeland 5x01 Trailer
(Homeland 5x01)
Schauspieler in der Episode Homeland 5x01
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