Homeland 4x11

Homeland 4x11

In Krieg Nicht Lieb lässt Homeland seinen Jack-Bauer-Klon Peter Quinn endgültig von der Leine. Beinahe ganz alleine nimmt er es mit Topterrorist Haqqani, dem kümmerlichen Rest der CIA und der Macht des pakistanischen Sicherheitsapparats auf.

Topterrorist Haqqani (Numan Acar) lässt sich von der Masse feiern. / (c) Showtime
Topterrorist Haqqani (Numan Acar) lässt sich von der Masse feiern. / (c) Showtime
© (c) Showtime

In den Reviews zur vierten Staffel des wiedererstarkten Spionagethrillers Homeland habe ich bereits mehrmals und ausreichend darauf verwiesen, wie sehr sich diese Serie mittlerweile an die Vorgängerserie ihrer Schöpfer Alex Gansa und Howard Gordon, 24, angenähert hat. Einen entscheidenden Unterschied gibt es jedoch, der in der neuen Episode Krieg Nicht Lieb prominent hervortritt: Homeland lässt seine Geschichte viel stärker von Charaktermotivationen vorantreiben.

We lost

Den meisten Figuren wird erlaubt, aus dem Korsett eines reinen Plotelements auszubrechen. Deswegen sind solche Wendungen wie am Ende dieser Episode auch besser nachvollziehbar - zumindest für den Moment. Noch wissen wir nämlich nicht, was Dar Adal (F. Murray Abraham), den wir in dieser Staffel kaum zu Gesicht bekamen, im Fluchtwagen von Topterrorist Haqqani (Numan Acar) zu suchen hat. Er könnte als Undercoveragent daran arbeiten, Haqqani zu Fall zu bringen (wie Saul das mit Javadi (Shaun Toub) in der letzten Staffel versuchte). Er könnte aber natürlich auch für Haqqani oder den pakistanischen Geheimdienst arbeiten.

Aufklärung darüber bekommen wir wohl im Staffelfinale der nächsten Woche. Die aktuelle Episode beschäftigt sich hauptsächlich mit Carries (Claire Danes) Suche nach Quinn (Rupert Friend), der es sich zum Ziel gesetzt hat, Haqqani im Alleingang auszuschalten. Dabei kann er sich auf die Hilfe des verbitterten Max (Maury Sterling) und einer ehemaligen Liebhaberin (gespielt von einer überraschend auftretenden Nina Hoss) verlassen. Letztgenannte hilft ihm beim Bombenbau, während ihm Max und einige verbliebene CIA-Agenten die nötigen Informationen zu Haqqanis Aufenthaltsort liefern.

In Krieg Nicht Lieb kulminieren einige Charakterzeichnungen dieser Staffel, die sich einer einfachen Kategorisierung entziehen. Das gilt vor allem für das Zusammenspiel von Carrie und Quinn. Auf dem Spannungshöhepunkt der Episode zeigt sich, wie sehr sich ihre Rollen umgekehrt haben. Quinn befindet sich da in einer ähnlichen Situation wie Carrie in From A to B and Back Again. Er könnte Haqqani (und mit ihm viele unschuldige Demonstranten) liquidieren, müsste dafür aber Carries Tod in Kauf nehmen. In besagter Episode wollte Carrie den Terroristen via Drohnenrakete ausschalten lassen, obwohl sich ihr Mentor Saul (Mandy Patinkin) in dessen Gefangenschaft befand.

Die Beziehung zwischen Quinn (Rupert Friend) und Carrie (Claire Danes) war nie eine leichte. © Showtime
Die Beziehung zwischen Quinn (Rupert Friend) und Carrie (Claire Danes) war nie eine leichte. © Showtime

Carrie hat in dieser Staffel eine Charakterentwicklung durchgemacht, die in dieser Episode vollständig sichtbar wird. Statt wie früher blind einem vagen Ziel hinterherzujagen, schafft sie es nun, eine Niederlage anzuerkennen und ihre Kräfte nicht vollends aufzuzehren. Die Szene mit ihrer Schwester Maggie (Amy Hargreaves) ist für das Verständnis dieser Transformation überaus hilfreich. Carrie erfährt darin vom plötzlichen Tod ihres Vaters und bekommt zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ihre Tochter zu Gesicht, die sichtbar gewachsen ist.

Goddamn you, Carrie

Den Autoren gelingt es damit, den im März verstorbenen Schauspieler James Rebhorn endgültig aus der Serie zu schreiben - zu Beginn der vierten Staffel war er noch zufälligerweise jedes Mal nicht da, wenn Carrie sich aus Pakistan meldete. Die Konfrontation mit der Familie fördert aber auch unser Verständnis für Carries neuen Lebensausblick. Zusätzlich zu den Eindrücken von Ayaans und Faras Toden ist es da leicht nachvollziehbar, dass Carrie diesen selbstzerstörerischen Kurs nicht viel länger durchhalten kann. Also setzt sie nun die neue Priorität, die ihr Nahestehenden in Sicherheit zu bringen.

Quinn hingegen hat sich im Verlaufe der Staffel in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Er war zu Beginn von Selbstzweifeln zerfressen, wollte das Agentendasein hinter sich lassen. Als er von Carrie aber erneut dazu überredet wurde, sie bei ihrer Arbeit in Pakistan zu unterstützen, kroch sein alter Furor langsam wieder in Geist und Körper zurück - bis er schließlich wieder zu der kompromisslosen Killermaschine wurde, die er doch eigentlich nie mehr sein wollte. Die Szenen zwischen Carrie und der deutschen Agentin illuminieren Quinns ständige innere Zerrissenheit weiter. Schon als er mit ihr zusammen war, wollte er seinem gewohnten Leben den Rücken kehren.

Um Quinn nun daran zu hindern, sein Rachewerk zu beenden, gibt es für Carrie nur eine Option: Sie muss sich selbst in Gefahr bringen, denn sie weiß, dass Quinn sie nicht opfern wird, um Haqqani zu töten - zumindest hat sie eine starke Ahnung und eine große Portion Hoffnung, dass Quinn dazu nicht bereit ist. Richtig interessant wird es indes, nachdem Carrie es geschafft hat, Quinn von seinem Anschlagsplan abzuhalten. Haqqani erhebt sich aus seinem Fluchtwagen (wie realistisch das ist, sei einmal dahingestellt), was Carrie einen gezielten Tötungsschuss ermöglicht. Sie zieht ihre Waffe und zielt, wird im letzten Moment aber von Aasar Khan (Raza Jaffrey) am tödlichen Schuss gehindert.

Nachwuchs-Jack-Bauer Quinn (Rupert Friend) beim Bombenbau. © Showtime
Nachwuchs-Jack-Bauer Quinn (Rupert Friend) beim Bombenbau. © Showtime

Nun ist es also Carrie, die ihre Emotionen nicht mehr unter Kontrolle hat. Tief im Inneren ist sie schließlich immer noch die kompromisslose Terroristenjägerin. Dass sie aber nun ihr eigenes Leben opfern und den soeben an Quinn gegebenen Ratschlag missachten würde, ist dann doch sehr überraschend. Immerhin hätte sie damit ihr eigenes Todesurteil unterschrieben.

I can't lose you, Quinn

So ist es denn auch ein entscheidender Unterschied zu 24, dass es nicht nur diese eine zentrale Figur gibt, bei der alle Stränge zusammenlaufen. Auch wenn es manchmal zu unglücklichen Handlungskonstrukten zwischen Carrie und Quinn gekommen sein mag (wie die angedeutete Romanze), so bleibt die interpersonelle Dynamik der beiden meistens nachvollziehbar.

Das gilt auch für die Nebenfiguren in Krieg Nicht Lieb. Die Trauer von Max über den Verlust seiner geschätzten Kollegin Fara und seine dadurch ausgelösten Rachegefühle sind ebenso verständlich wie Lockharts (Tracy Letts) Angst um den eigenen Job und Kirans (Shavani Seth) Teilnahme am Anschlag gegen Haqqani.

Nach diversen Startschwierigkeiten hat es Homeland geschafft, nach dem folgenschweren Verlust eines wichtigen narrativen Moments (Brody) adäquaten dramaturgischen Ersatz zu finden. Dabei gelingt der Balanceakt zwischen explosiver Action und leiseren Charaktermomenten. In den letzten Episoden scheint zwar der Willen der Autoren zum Überraschungseffekt wieder stärker geworden zu sein, durch die solide Grundierung im (größtenteils) logischen Motivationskonstrukt der Charaktere ist es aber ein Leichtes, darüber hinwegzusehen.

Trailer zum Finale (4x12) von 'Homeland'

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 16. Dezember 2014

Homeland 4x11 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 11
(Homeland 4x11)
Deutscher Titel der Episode
Astrid
Titel der Episode im Original
Krieg Nicht Lieb
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 14. Dezember 2014 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 31. Juli 2015
Autoren
Alexander Cary, Chip Johannessen
Regisseur
Clark Johnson

Schauspieler in der Episode Homeland 4x11

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