Homeland 4x10

Homeland 4x10

13 Hours in Islamabad startet wie eine actionbepackte 24-Episode, gönnt sich danach aber ausreichend Zeit, die psychologischen Nachwirkungen bei seinen Hauptfiguren auszuleuchten. Homeland kann mittlerweile beides wieder sehr gut.

Carrie (Claire Danes) und Saul (Mandy Patinkin) arbeiten zusammen, um sich eine Überlebenschance zu wahren. / (c) Showtime
Carrie (Claire Danes) und Saul (Mandy Patinkin) arbeiten zusammen, um sich eine Überlebenschance zu wahren. / (c) Showtime

Seit einigen Episoden gelingt es dem Spionagethriller Homeland wieder, die Elemente miteinander zu verzahnen, die das Drama in seiner ersten Staffel so herausragend gut gemacht haben. Damals lebte die Serie von der mitreißenden und gleichzeitig anspruchsvollen Umsetzung ihres Stoffes. Sie war gleichermaßen kluge Kontemplation über die Verstrickungen des internationalen Terrorismus sowie spannendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Brody (Damian Lewis) und Carrie (Claire Danes).

Send a platoon

Nun ist Brody längst Vergangenheit und die Serie musste sich einen neuen Fixpunkt suchen. Zu Beginn der vierten Staffel lief diese Suche noch etwas holprig ab, die Autoren schienen sehr genau zu wissen, wo sie mit Carrie hinwollten, dafür mäanderten andere Handlungsstränge - wie der von Quinn (Rupert Friend) etwa - bisweilen orientierungslos vor sich hin. Seit einigen Episoden - genauer: seit Redux - haben Alex Gansa und Howard Gordon aber auch diese kleineren Probleme in den Griff bekommen. Homeland ist nun wieder der spannende Agententhriller aus Staffel eins.

Bei dieser Feststellung muss man jedoch eine klare Einschränkung treffen: Wem es als Zuschauer nicht gefällt, dass sich die beiden Showrunner nun immer öfter bei ihrem Vorläuferprojekt 24 bedienen, der wird an dieser und der letzten Episode wenig Spaß gehabt haben. Während in There's Something Else Going on die letzten Minuten sehr stark an den Actionknaller mit Kiefer Sutherland erinnerten, ist es in 13 Hours in Islamabad nun die erste Hälfte der Episode, die mit eindeutigen Reminiszenzen nur so gespickt ist.

In der zweiten Hälfte werden all diese - für „24“-Zuschauer - allzu bekannten Actionsequenzen durch großartige Charaktermomente ersetzt, die den exzellenten Schauspielern genügend Raum und Zeit geben, ihr Talent zu entfalten. Dadurch erhalten wir wieder die gelungene Mischung, die wir seit Q&A (2x05) so schmerzlich vermisst hatten.

In besagter Episode wurde Brody festgenommen, was die spannende Hetzjagd zwischen ihm und Carrie beendete. Weil die Autoren trotzdem an ihrem Publikumsliebling festhalten wollten, bekamen wir anderthalb Staffeln lang Storylines, die wenig nachvollziehbar waren. Umso dankbarer dürfen wir sein, dass solche Handlungsbögen zu Beginn der vierten Staffel schnell wieder im Papierkorb landeten (siehe: die angedeutete Liebesbeziehung zwischen Carrie und Quinn).

Peter Quinn (Ruper Friend); wie wir ihn kennen und lieben. © Showtime
Peter Quinn (Ruper Friend); wie wir ihn kennen und lieben. © Showtime

Carrie und Saul (Mandy Patinkin) überleben also den Anschlag auf ihre Kolonne, während John Redmond (Michael O'Keefe) der Tod ereilt. Sofort geraten sie und die herbeigerufenen Marines jedoch in heftiges Kreuzfeuer. Carrie alarmiert ihren Kontaktmann im pakistanischen Militär, Aasar Khan (Raza Jaffrey), der Hilfe herbeiordern will, davon aber von Geheimdienstfrau Tasneem Qureshi (Nimrat Kaur) abgehalten wird.

A day late and a dollar short

Die Beziehung dieser beiden Figuren ist für mich der größte Kritikpunkt dieser Episode. Da die Machtbalance zwischen ihnen nie wirklich verständlich gemacht wurde, bleibt wenig nachvollziehbar, wieso Khan gegenüber Qureshi so unterwürfig agiert. Er hat offensichtlich großes Interesse daran, Carrie und Kollegen zu schützen, sonst hätte er ihr am Ende von Halfway to a Donut nicht von der Verschwörung zwischen Qureshi und Dennis Boyd (Mark Moses) erzählt. Hier hätte es nur einer kurzen Szene zu Beginn der Staffel bedurft, die uns das Machtverhältnis zwischen Militär und Geheimdienst erläutert hätte.

Die Hilfe bleibt jedenfalls aus, weshalb Carrie und Saul dazu übergehen müssen, als Team einen Scharfschützen der Gegenseite davon abzuhalten, die Marines weiter ins Visier zu nehmen. In der Botschaft wird derweil die höchste Alarmstufe ausgelöst und, weil beinahe sämtliche Soldaten im Einsatz sind, liegt es an Quinn und dem jungen Gefreiten Bryce (Thabo Rametsi), die Eindringlinge aufzuhalten. Quinn kann hier endlich wieder in seine badass-Jack-Bauer-Rolle schlüpfen, was uns seit mehreren Episoden vorenthalten blieb. Wahrlich eine Pracht, dem Mann bei der Arbeit zuzuschauen.

Doch selbst Quinn im Terminator-Modus schafft es nicht, die gute Fara (Nazanin Boniadi) zu retten. Sie gehört zu einer Gruppe Geiseln, die Oberterrorist Haqqani (Numan Acar) nutzt, um CIA-Direktor Lockhart (Tracy Letts) aus dem „Vault“ („Tresor“) zu locken, wo er sich gemeinsam mit Botschafterin Boyd (Laila Robins) und anderen Mitarbeitern versteckt hält. Lockhart ist für Haqqani von großem Interesse, weil der die „Kronjuwelen“ hütet, einen Koffer mit den Kontaktdaten diverser CIA-Kooperateure.

Martha Boyd (Laila Robins) muss sich mit den Missetaten ihres Ehemanns Dennis (Mark Moses; r.) auseinandersetzen. © Showtime
Martha Boyd (Laila Robins) muss sich mit den Missetaten ihres Ehemanns Dennis (Mark Moses; r.) auseinandersetzen. © Showtime

Haqqani lässt also eine Geisel nach der anderen erschießen, bis sich Lockhart beim Anblick der todesängstlichen Fara schließlich über die Verhaltensvorgaben hinwegsetzt und sich und den Koffer an den Erpresser übergibt. Der lässt es sich in allerbester Terroristenmanier natürlich nicht nehmen, Fara den tödlichen Stich zu verpassen. Auch mir hat er damit einen Stich ins Herzen verpasst, hatte ich ihre Figur doch seit Beginn dieser Staffel als eine der stärksten Neuentdeckungen der Serie empfunden. Über den Tod von Max (Maury Sterling) wäre ich jedenfalls weniger traurig gewesen.

You will die trying

Die Geiseln werden schließlich von Quinn und dem zielsicheren Bryce befreit. Danach wechselt die Episode schlagartig ihren Gang. Bis dahin gab es viele eindeutige Parallelen zu 24 (ein Koffer mit Daten, von denen es keine Backups gibt; eine Geiselnahmesituation, der eine Protagonistin zum Opfer fällt; unmögliche Entscheidungen), die aber leichter zu verzeihen sind, führt man sich einmal vor Augen, woraus solche terroristischen Angriffe bestehen - nämlich aus ebendiesen Elementen. Terroristen nehmen Geiseln. Terroristen erpressen. Terroristen stellen Entscheidungsträger vor unmögliche Entscheidungen. Das sind ihre Taktiken, so handeln sie. Deswegen muss man das auch so darstellen. Dass es dabei zu offensichtlichen Parallelen kommt, ist schlicht dem Genre geschuldet.

Uns bleibt auch gar nicht viel Zeit, über allzu simple Redundanzen zu sinnieren, denn in der zweiten Hälfte der Episode jagt ein starker Charaktermoment den nächsten. Max und Carrie trauern gemeinsam um Fara, wobei Max sich leicht darüber echauffiert, wie die seiner Meinung nach überaus fähige Spionin von Carrie behandelt wurde.

Carrie besänftigt überdies Lockhart, der sich die Schuld dafür gibt, Haqqani mit dem Koffer entkommen gelassen zu haben. Sie schreitet energisch ein, als Quinn bei der Befragung des gebrochenen Saul aggressiv wird. Sie versichert Saul, dass er keinerlei Schuld an dem Angriff trage, weil Haqqani diesen mit oder ohne die Geiselnahme durchgeführt hätte. Sie übernimmt gar die schwere Aufgabe, Faras Familie von ihrem Ableben zu berichten. Diese Szene war für mich die stärkste von vielen starken Carrie-Szenen in dieser Episode. Sie weint darin kein typisch exaltiertes Carrie-Weinen, sondern ein leises, ehrliches, von stiller Trauer erfülltes.

Weitere starke Charakermomente erleben wir während der Unterredung zwischen Martha und ihrem Ehemann, dem Verräter Dennis Boyd. Er fordert sie auf, ihm seinen Gürtel zu reichen und impliziert damit, sich umbringen zu wollen. Sie protestiert zunächst dagegen, lässt sich dann aber doch dazu überreden. Am Ende muss sie aber feststellen, dass Dennis noch lebt - er hat es ganz offensichtlich nicht geschafft, das eigene Leben zu beenden. Moses und Robins liefern in diesen Szenen herausragende schauspielerische Leistungen ab - es sind ihre besten der gesamten Staffel.

Wie geht es jetzt weiter? Nun, da der US-Präsident sämtliche diplomatischen Verbindungen zu Pakistan wegen der Verwicklung von Militär und Geheimdienst in den Angriff abgebrochen hat, liegt es an Carrie und Quinn, Haqqani zu fassen und die CIA-Informanten vor seiner Rache zu schützen. Dieses Mal ist es jedoch Quinn, der seinen Urinstinkten nachgeht und Farhad Ghazi (Tamer Burjaq) in einen Folterkeller verschleppt. Carrie will ihn aufspüren und in Sicherheit bringen. Wenn sie jedoch entdeckt, wen er in seiner Gewalt hat, wird wohl auch sie ihren Jagdinstinkt nicht mehr unterdrücken können. Wir dürfen gespannt sein.

Vorschau auf Episode 4x11

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 8. Dezember 2014
Episode
Staffel 4, Episode 10
(Homeland 4x10)
Deutscher Titel der Episode
Dies ist keine Übung
Titel der Episode im Original
13 Hours in Islamabad
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 7. Dezember 2014 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 31. Juli 2015
Autoren
Alex Gansa, Howard Gordon
Regisseur
Daniel Attias

Schauspieler in der Episode Homeland 4x10

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