Homeland 4x09

Am Ende von There's Something Else Going On sind mit den Autoren von Homeland wohl ein bisschen die Pferde durchgegangen. Sie hatten bis dahin eine nahezu perfekte Episode abgeliefert, hatten eine der spannendsten Sequenzen der Seriengeschichte inszeniert, hatten sich die Dividenden aus vier Jahren problematischer Beziehung zwischen Carrie (Claire Danes) und Saul (Mandy Patinkin) auszahlen lassen. Und dann stopfen sie die letzten Minuten randvoll mit Twists, die sich scheinbar im Sekundentakt ablösen.
She's trying to keep this thing alive
Die vierte Staffel hat seit nunmehr drei Episoden, seit Redux, ein Niveau erklommen, das die Serie meiner Meinung nach noch nie erreicht hat. Für mich war Brody (Damian Lewis) nie der starke Charakter, für den ihn die meisten Zuschauer hielten. Deswegen funktionierten die vergangenen beiden Staffeln auch kaum. Am Ende der dritten Staffel hatten denn auch die Autoren endlich ein Einsehen und verabschiedeten sich von einer zentralen Figur, die eigentlich schon am Ende der ersten Staffel hätte sterben müssen.
Ohne diesen Ballast gab es nun Raum für eine Neuausrichtung. Diese stolperte zu Beginn der neuen Staffel etwas vor sich hin, bevor sie zur Mitte ihre dramaturgische Balance fand. Quinn (Rupert Friend) war nun nicht mehr in Carrie verliebt, Carrie hatte sich von ihrem Baby (der bis heute schlimmsten Entscheidung der Serie) verabschiedet und würde nun wieder dem nachgehen, was sie am besten kann - Terroristen jagen. Weil die Anfangsschwierigkeiten also immer mehr zu Hintergrundgeräuschen verblassten, konnte sich Homeland wieder darauf konzentrieren, Spionagegeschichten zu erzählen.
Den Höhepunkt dieser Befreiung narrativer Ketten durften wir Zuschauer nun in dieser fantastischen neuen Episode bestaunen. Der Plot machte darin keine großen Fortschritte, vielmehr skizziert das Produktionsteam in peinlich genauem Detail den Prozess eines Gefangenenaustauschs. Wir kennen einen solchen Vorgang aus unzähligen Kinofilmen und TV-Serien, welch logistischer Aufwand dahintersteckt, wurde aber selten so präzise ausgeleuchtet.

Außerdem kommt der Episode zugute, dass in der Beziehung zwischen Carrie und Saul so unendlich viel dramatisches Potenzial steckt. Wie schon in Halfway to a Donut wäre es überhaupt nicht überraschend gewesen, hätte die Serie Saul hier sterben lassen. Gleichzeitig hätte sie damit ihren besten männlichen Darsteller verloren, weswegen es dann doch wieder eine Überraschung gewesen wäre - wer trennt sich schon freiwillig von Mandy Patinkin?
Do you know who you sound like? Them.
Dass er zu den besten Charakterdarstellern seiner Generation gehört, beweist er in der zentralen Szene dieser Episode, in der sich Saul während des Gefangenenaustauschs einfach weigert, daran teilzunehmen. Die komplette Sequenz gehört zum Spannendsten, was ich in diesem Jahr im Fernsehen (und auch im Kino) gesehen habe - eben weil wir nicht vorhersehen können, ob Saul nun tatsächlich gemeinsam mit dem jugendlichen Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wird. Ich saß währenddessen nägelkauend vor dem Bildschirm und gab so komische Geräusche von mir, dass sich meine Kollegen fragten, ob es mir noch gut ginge.
Es ging mir sehr gut, die Geräusche waren solche purer freudiger Erregung darüber, dass es diese Serie, die von vielen schon seit Längerem abgeschrieben worden war, geschafft hatte, eine solch beachtliche Wendung zu vollführen. Es ist ja nicht nur so, dass die Handlungsstränge dieser neuen Staffel seit einigen Episoden beinahe ausschließlich mitreißend und spannend sind. Hinzu kommen - vor allem in There's Something Else Going On - grandiose Dialoge, eine ausgezeichnete Inszenierung und herausragende schauspielerische Leistungen.
Um die Chronologie der Episode in dieser Lobeshymne aber nicht komplett untergehen zu lassen, hier zunächst ein Abriss der Ereignisse. Quinn überwacht zu Beginn den Transport der auszutauschenden Gefangenen, während sein Kollege deren Namen und Positionen bei den radikalislamischen Taliban aufzählt. Später versucht er, sich bei Carrie Absolution für diesen Vorgang zu holen: „Tell me we're doing the right thing.“ („Sag' mir, dass wir das Richtige tun.“) Carries Antwort überrascht indes ein wenig: „The right thing is getting Saul back.“ („Saul zurückzubekommen ist das Richtige.“)

Überraschend ist diese Aussage, weil Carrie schließlich diejenige war, die Saul vor wenigen Episoden opfern wollte, um Haqqani (Numan Acar) nicht entkommen zu lassen. Damals war es Quinn, der den Drohnenpilot bei der Befehlsverweigerung unterstützte - folglich müsste ihn Carries Antwort zufriedenstellen. Sein Gesichtsausdruck spricht jedoch eine andere Sprache. Hier seien noch einmal die hervorragenden Leistungen sämtlicher Darsteller dieser Episode herausgehoben.
I'm not leaving without you
Saul wird indes ebenfalls für die geplante Übergabe vorbereitet. Bevor es aber zum Austauschort auf einem stillgelegten Rollfeld geht, wird er von Haqqani noch vor eine Kamera gezerrt. Schon da habe ich kurz geglaubt, dass Saul nun an Ort und Stelle vor laufender Kamera exekutiert werden würde. Haqqani hat jedoch andere, größere Pläne - wie von Carrie richtig vermutet. Sie kann sich immer noch auf ihr exzellentes Gespür verlassen. Dieses versucht sie auch auf Dennis Boyd (Mark Moses) anzuwenden, der am Ende der letzten Episode von Aasar Khan (Raza Jaffrey) als Verräter enttarnt wurde.
Boyd lässt sich von Carrie jedoch nicht aus der Reserve locken. Er fällt weder auf ihren Folterbluff herein, noch lässt er sich von der good-cop-bad-cop-Routine seiner eigenen Ehefrau Martha (Laila Robins) ins Bockshorn jagen. Carrie kommentiert Dennis' neugefundenes Selbstbewusstsein sehr treffend: „Hell of a time for him to discover a backbone.“ („Warum musste er ausgerechnet jetzt sein Rückgrat entdecken?“) Später muss Martha also ihre Fassade fallen und Dennis einsperren lassen, um ihn von der Flucht abzuhalten.
Am Ende der Episode gibt der Überführte schließlich zu, dass er mit Tasneem Qureshi (Nimrat Kaur), Carries Pendant beim pakistanischen Geheimdienst ISI, unter einer Decke steckt. Dieser und die Momente davor sind von Moses und Robins fantastisch gespielt. In Marthas Gesicht spiegeln sich gleichzeitig Erleichterung und Horror über die Erkenntnis, dass ihr Ehemann tatsächlich ein Vaterlandsverräter ist. Zwischen diesen beiden Augenblicken liegen indes mehrere Wendungen, die ein bisschen von dem Glanz abblättern lassen, die die Episode bis zu diesem Zeitpunkt ausgestrahlt hat.

Aber der Reihe nach: Bevor die Details des Gefangenenaustauschs verhandelt werden, erhält Carrie einen eindringlichen Telefonanruf von Sauls Ehefrau Mira (Sarita Choudhury, die wir seit der Auftaktepisode nicht mehr gesehen haben). Sie fleht nicht sofort um Sauls Leben, sondern eröffnet erst einmal damit, dass sie trotz Absegnung des Weißen Hauses nicht sicher sei, ob Saul diesen Austausch wirklich überleben werde: „I know what the CIA is like. People are expendable, even its own people.“ („Ich weiß, wie die CIA tickt. Menschen sind austauschbar, auch die eigenen.“)
No more dying
Als sie glaubt, nicht wirklich zu Carrie vordringen zu können, fleht sie sie unumwunden an: „I am begging you: Don't let him die.“ („Ich flehe dich an: Lass' ihn nicht sterben.“) Fantastische Arbeit hier von beiden Darstellerinnen. Sie erbringen in dieser Szene ein überzeugendes Beispiel dafür, was Homeland von 24 unterscheidet. Die Showtime-Serie hat es schon immer verstanden, Momente größtmöglicher Intimität mit solchen kaum auszuhaltender Spannung zu vermengen.
Genau das passiert nun auch während des absoluten Höhepunkts der Episode - mehr noch, der gesamten vierten Staffel. Für den Gefangenenaustausch hat sich Haqqani eine besonders furchteinflößende Absicherung einfallen lassen. Er schnallt einem Jungen, dessen Eltern beim Drohnenanschlag auf die Hochzeit starben, einen Bombengürtel um. Sollte die CIA also eine verdeckte Operation planen, würde Saul gemeinsam mit dem Jungen in die Luft gesprengt. Saul erkennt darin die Chance, seinem Leben doch noch ein Ende zu bereiten, nachdem Carrie ihn in der letzten Episode vor sich selbst gerettet hatte.
Er setzt sich einfach auf den Asphalt und weigert sich, den Austausch zu vollführen. Die Entsandten der Taliban drohen wild damit, ihn nun in die Luft fliegen zu lassen. Carrie sieht sich also dazu gezwungen, Saul persönlich davon zu überzeugen, den Austausch anzutreten. Ich weiß, ich habe in dieser Review die schauspielerischen Leistungen schon mehrfach gelobt - was Patinkin und Danes aber in den folgenden Szenen abliefern, ist noch einmal eine ganz eigene Liga. Darin kulminiert alles, was die Autoren der Serie in vier Jahren aufgebaut haben. Sie kassieren hier einen gigantischen Scheck mit emotionalem pay off.
Carrie schafft es schließlich, Saul mit einer emotionalen Ansprache zu überreden. Beim Transport zurück in die amerikanische Botschaft kommt es dann zur ersten 24-esken Wendung: Der Konvoi wird aus der Luft (mittels RPG oder gar einer gekaperten Drohne?) angegriffen. Saul, Carrie und John Redmond (Michael O'Keefe) überleben zwar, bald stellt sich aber heraus, dass auch dieser Angriff nur ein Ablenkungsmanöver war. Die abgezogenen Marines, die wie Taliban per Pick-Up-Truck zur Unfallstelle gefahren werden, können nun nämlich nicht mehr die Botschaft bewachen. Haqqani und seine Männer stürmen diese. Was sie dort vorhaben? Das erfahren wir wohl erst in zwei Wochen (nächstes Wochenende wegen Thanksgiving keine neue Episode). Bis dahin gilt das Fazit von CIA-Chef Andrew Lockhart, der von Tracy Letts großartig lapidar porträtiert wird: „What the fuck? What the fucking fuck?“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 24. November 2014(Homeland 4x09)
Schauspieler in der Episode Homeland 4x09
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