Homeland 4x08

Einen großen Plotfortschritt gibt es nicht in dieser neuen Episode von Homeland, es passiert nicht viel. Das, was passiert, ist dafür aber umso einnehmender. In Halfway to a Donut kommt es zur emotionalen Kulmination der schon immer problematischen Beziehung zwischen Carrie Mathison (Claire Danes) und Saul Berenson (Mandy Patinkin), wie wir sie in einer solchen Intensität schon lange nicht mehr gesehen haben.
They hate us
Zu Beginn wacht Carrie mit schwerem Hangover aus ihrer Drogennacht auf. Ihr Beschützer Aasar Khan (Raza Jaffrey) mahnt sie zur Ruhe, sie jedoch will gleich wieder loslegen - schließlich gibt es viel zu tun. Ihr dämmert ein erster Verdacht, dass ihre Medikamente ausgetauscht worden sein könnten. Khan muss sich indes eine Standpauke seiner Kollegin Tasneem Qureshi (Nimrat Kaur) anhören - er habe Carrie nicht retten, sondern sie in einem pakistanischen Gefängnis darauf warten lassen sollen, dass sie des Landes verwiesen werde.
Die Machtstruktur zwischen Khan und Qureshi bleibt weiter nebulös. Qureshi scheint - vor allem nach den Ereignissen dieser Episode zu urteilen - am längeren Hebel zu sitzen, besitzt aber offensichtlich nicht genug Macht, sich Khan vollständig gefügig zu machen. Seine Motivation bleibt indes ebenso unerklärt. Er ist es schließlich, der Carrie am Ende davor warnt, dass Dennis Boyd (Mark Moses) der Verräter in Reihen der Amerikaner sei. Die Szene evoziert eine mögliche zukünftige romantische Verwicklung zwischen Khan und Carrie. Hoffen wir einfach, dass die Autoren diesen Pfad nicht betreten.
Schließlich ist Halfway to a Donut das beste Beispiel dafür, dass Homeland bestens ohne eine solche Storyline auskommt. Wir bekommen viele spannende Sequenzen, die einzelne Vorgänge in der Welt von Spionen und Agenten detailgenau beleuchten. Wir bekommen einen emotionalen Höhepunkt, dessen Ausgang nicht vorhersehbar ist. In dem Moment, als sich Saul die Waffe an den Kopf hält, habe ich es durchaus für möglich gehalten, dass er sich nun wirklich umbringt. Die Serie hätte plötzlich eine ganz neue Ausrichtung gehabt - nun wird es weiterhin um seine Rettung gehen.
Saul wurde zuvor vor eine Kamera gezerrt, als Beweis dafür, dass er immer noch am Leben ist. Er nutzt die Liveübertragung in den Konferenzraum der amerikanischen Botschaft, wo sich Diplomaten beider Länder zum Krisengespräch treffen, um eine Mahnung loszuwerden: Niemand solle die Forderungen seiner Entführer erfüllen. Bevor er sein Plädoyer zu Ende bringen kann, wird er jedoch aus dem Bild gezerrt. Stattdessen nimmt Topterrorist Haqqani (Numan Acar) Platz und formuliert die Konditionen für Sauls Freilassung. Sechs hochrangige Terroristen sollen aus der Haft entlassen werden.
Another clusterfuck
Bevor das zentrale action set piece seinen Lauf nimmt, rumort es hinter den Kulissen von CIA und Auswärtigem Amt. Carrie äußert gegenüber Lockhart (Tracy Letts) und Quinn (Rupert Friend) die Vermutung, dass es einen Maulwurf geben könne. Sie will lieber niemanden alarmieren und den Verräter auf eigene Faust finden, Lockhart lässt sich jedoch nicht davon abhalten, Botschafterin Boyd (Laila Robins) zu informieren - natürlich weiß er da noch nicht, dass ausgerechnet deren Ehemann der Gesuchte ist.
Kurze Zeit später findet Khan durch Zufall heraus, dass Qureshi und Dennis Boyd gemeinsame Sache machen. Er entschließt sich dazu, die Erkenntnis zunächst für sich zu behalten. Fraglich ist, ob er da schon Bescheid weiß, dass Saul in der Zwischenzeit die Flucht gelungen ist. Der setzt nämlich all seine Fähigkeiten als ehemaliger CIA-Agent ein, um den eigenen Selbstmord vorzutäuschen und sich daraufhin aus der Gefangenschaft zu befreien. Via Handy wird er von Quinn und Carrie durch die pakistanische Berglandschaft gelotst - zum nächsten Ort, wo ein verdeckter Agent der CIA operiert.
Während Saul die Distanz zum Ziel überbrückt, findet ein weiteres Treffen zwischen amerikanischer und pakistanischer Führungsebene statt. Lockhart spielt einmal mehr den Hardliner, bevor Carrie ihn über eine Vermutung informiert. Weil die Gegenseite keinerlei Besorgnis über die jüngsten Ereignisse (Sauls Flucht) offenbart, glaubt Carrie, dass sie längst wüssten, wohin er unterwegs ist. Die zum Zwecke der Rettung Sauls abgeordnete Drohne habe die Mission auffliegen lassen.
So kommt es denn auch, dass Saul schnell in die Falle gerät. Zuvor hatte er Carrie das Versprechen abgenommen, dass er sich in aussichtsloser Situation nicht noch einmal gefangen nehmen lassen wolle - nicht nur aus persönlichen Gründen, sondern auch, um den Forderungen seiner Peiniger nicht nachkommen zu müssen. Um ihr Versprechen zu brechen und Saul trotzdem zu retten, treibt Carrie ihn schließlich direkt in die Arme seiner Jäger.
Escape or die
Lockhart ist über die gescheiterte Mission enttäuscht, weist aber gleichzeitig an, sämtliche Forderungen Haqqanis zu erfüllen. Er hat sich vom echten Ekelpaket in der dritten Staffel beinahe schon zum Sympathieträger entwickelt. Wie er in dieser und der letzten Episode das diplomatische Doppelsprech durchbrach, war überaus sehenswert. Ob er mit dieser Attitüde besonders weit kommt, muss sich jedoch erst noch zeigen.
Carrie ereilen indes am Ende der Episode fundamentale Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Jobs: „There are only wrong choices.“ („Es gibt nur falsche Entscheidungen.“) Damit wäre auch ihre Entscheidung erklärt, Saul nun doch noch eine Überlebenschance einzuräumen. Die Carrie aus From A to B and Back Again hätte wohl noch einen Drohneneinsatz angeordnet, diejenige aus dem Jetzt will Saul lieber retten - eben, weil es in dieser Welt kein echtes „Richtig“ oder „Falsch“ geben kann.
Seit mehreren Episoden konzentriert sich Homeland nun also wieder auf das, was es am besten kann: spannende Spionagegeschichten erzählen. Mag Carries Entscheidung, Saul am Leben zu lassen, auch wenig nachvollziehbar erscheinen, so wird sie doch durch ihren Zusammenbruch am Ende hinreichend erklärt. Weiterhin scheinen die Autoren ihre Obsession für eine potentielle Liebesbeziehung zwischen Quinn und Carrie abgelegt zu haben. Dafür rückt nun Khan - zumindest andeutungsweise - ins Bild. Die Serie sollte diesen Pfad einfach nicht mehr betreten - sie ist so viel besser.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 17. November 2014(Homeland 4x08)
Schauspieler in der Episode Homeland 4x08
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