Homeland 4x07

Mir hätte eigentlich ohne jeden Zweifel klar sein müssen, dass es sich am Ende nur um eine Wahnvorstellung (oder einen Traum) Carrie Mathisons (Claire Danes) handeln konnte. Brody (Damian Lewis) würde nicht wirklich in die Serie zurückkommen, wenngleich manch Kommentarschreiber am Ende der letzten Staffel darüber spekuliert hatte. Zu deutlich waren die zuvor ausgelegten Hinweise, dass Carrie unter Halluzinationen leidet. Sie hält einen Wachmann im Krankenhaus für Peter Quinn (Rupert Friend) und glaubt, zwei Männer auf offener Straße zu erschießen, die sie vermeintlich verfolgen.
Who's Brody?
Und doch wäre es dem Kreativteam hinter Homeland zuzutrauen gewesen, eine solch monströse Wendung einzubauen. Schließlich sind hier die gleichen Showrunner aktiv, die schon die Königin unter den Plottwistserien, 24, verantwortet haben. Obwohl ich also davon überzeugt war, dass dieser Brody nicht echt sein konnte, erzielte die Szene ihre erwünschte Wirkung. Sofort schossen mir Gedanken durch den Kopf, wie ich das nun finden sollte. Als Wahnvorstellung begrüßte ich diesen Moment. Wäre Brody wirklich noch am Leben gewesen, hätte ich die Serie wohl nicht mehr ernst nehmen können.
So präsentiert uns Homeland aber mit Redux eine außergewöhnlich starke Episode, die viele positive Elemente der Serie vereint. Der Grund für Carries Wahnvorstellungen ist schnell ausgemacht: Der vom pakistanischen Geheimdienst ISI eingespannte Dennis Boyd (Mark Moses) tauscht ihre Tabletten mit Drogenpräparaten aus, die ihm zuvor von seiner Kontaktfrau Tasneem Qureshi (Nimrat Kaur) zugespielt worden waren. Die nachfolgenden Szenen, in denen Carrie erst erhöhte Sensibilität gegenüber jeglichen Umwelteinflüssen erfährt, um dann einen vollständigen mind fuck zu erleben, sind von Regisseur Carl Franklin (House of Cards, The Leftovers) wunderbar umgesetzt.
Dass Carrie in diesem Zustand überhaupt noch auf die Straße gelassen wird, ist hingegen zumindest fragwürdig. Ihre Vorgesetzten und Kollegen kennen jedoch ihre Schwächen, ihnen dürfte es schwerfallen, zwischen „normaler“, leicht hyperaktiver und einer Carrie außer Rand und Band zu unterscheiden. Außerdem liefert sie Ergebnisse - der einzige Grund, warum sie überhaupt noch in führender Position für die CIA arbeitet. Deshalb darf sie auch an einem Meeting mit Mitgliedern des pakistanischen Sicherheitsapparats teilnehmen. Dieses Treffen hat sowohl große storytechnische Relevanz als auch Bedeutung für die Charakterzeichnung.

CIA-Chef Andrew Lockhart (Tracy Letts, dessen stärkere Präsenz ich sehr begrüße) durchbricht darin das diplomatische Doppelsprech der Anwesenden mit einer eindeutigen Warnung. Sollte das pakistanische Militär sowie der Geheimdienst nicht bei der Suche nach Saul Berenson (Mandy Patinkin) assistieren, würden sämtliche amerikanische Hilfszahlungen an Pakistan eingestellt werden. Botschafterin Martha Boyd (Laila Robins) weiß nichts von dieser Strategie und ist darüber verständlicherweise empört - natürlich erst, als die erbosten pakistanischen Delegierten den Raum verlassen haben.
Money always talks
Unter ihnen befindet sich auch Qureshi. Sie übernimmt eine ähnliche Funktion beim ISI wie Carrie bei der CIA - sie ist gewissermaßen Carries Spiegelbild, die „pakistanische Carrie“. Franklin fängt das in einem kleinen Augenblick ein, in dem Carrie ihr Ebenbild kritisch beäugt - ein schönes, erheiterndes Detail in einer ansonsten sehr düsteren Episode. Botschafterin Boyd will nach dem Treffen und Lockharts Affront schon das Handtuch werfen, wird aber von Dennis zum Bleiben überredet. Sie bemüht all ihre Kontakte, um die Wogen wieder einigermaßen zu glätten.
Ihre Anstrengungen werden schließlich auch von Lockhart honoriert, nachdem er einsehen musste, dass mit seinem aggressiven Stil nichts zu erreichen ist. Nachhilfe bekommt er dabei von einem CIA-Kollegen, der ihm geduldig erklärt, warum es keinen Zweck habe, Saul mit einem Spezialeinsatzkommando befreien zu wollen. All diese Szenen - das diplomatische Geplänkel, die Vorbereitungen hinter den Kulissen - sind nicht sonderlich originell, bringen dem Zuschauer aber wohltuend nüchtern nahe, wie die Arbeit eines Geheimdienstes und all seiner Partnerorganisationen tatsächlich abläuft. Es ist eben nicht möglich, innerhalb weniger Stunden ein Team der Navy Seals einzuberufen und ihnen den Marschbefehl zu geben. Solche Einsätze (wie der gegen Osama Bin Laden) erfordern monatelange Vorbereitung.
Trotzdem erzeugen diese Szenen große Spannung, eben weil weltpolitische Verstrickungen nicht so einfach aufzuarbeiten sind, wie uns das manch ein Blockbusterstreifen (oder andere Actionserien) glauben lassen wollen. So wenig „Hollywood“ dieser Abschnitt also ist, so sehr sind es die Szenen rund um Carries Niedergang. Die Wackelkamera, das gleißende Licht, die Halluzinationen - Franklin beruft sich bei seiner Visualisierung stark auf bereits Gesehenes aus der Traumfabrik. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Szenen weniger effektiv wären - im Gegenteil.

Nachdem Carrie also gegenüber Aayans ehemaliger Freundin Kiran (Shavani Seth) handgreiflich wurde, landet sie in den Armen des Feindes. Eigentlich wissen wir aber noch nicht definitiv, ob ISI-Agent Khan (Raza Jaffrey), den Carrie in ihrem Wahn für Brody hält, nicht vielleicht doch ein Doppelagent ist. Schließlich haben wir bisher nur Qureshi dabei zugesehen, wie sie aktiv gegen die CIA intrigiert. Die nächsten Episoden sollten uns darüber Aufklärung geben.
You have taught an entire generation to live with one foot in the afterlife
Die Handlung der Serie hat nun selbst eine Wendung gemacht und dreht sich beinahe ausschließlich um die Suche nach Saul. Er befindet sich weiterhin in der Gewalt des Terroristenführers Haqqani (Numan Acar), der ihn als lebendes Schutzschild missbraucht, um zum ersten Mal nach drei Jahren seine Familie besuchen zu können. Da sich Saul stets in Haqqanis Nähe aufhalten muss, darf er auch am Essenstisch Platz nehmen. Dort entspinnt sich zwischen den beiden eine Diskussion um Religion, Fanatismus, Moral und Weltpolitik. Diese mag von den Drehbuchautoren zwar nicht sonderlich fein skizziert sein, hilft aber dabei, dem Bösewicht ein menschliches Antlitz zu geben.
Homeland konnte das schon immer sehr gut, hier gelingt es einmal mehr. Vor allem verdeutlicht der Dialog einmal mehr, dass es auf keiner Seite, weder beim Christentum noch beim Islam, reine Sünder und reine Heilige gibt. Sämtliche Kriege, die im Namen einer Religion ausgefochten werden, können keine guten Kriege sein (ob es überhaupt so etwas wie einen „guten Krieg“ gibt, steht auf einem anderen Blatt geschrieben). Nach der Diskussion muss Saul dabei zuschauen (zumindest aber zuhören), wie Haqqani mit seiner Ehefrau schläft. Schließlich erfährt er, was mit ihm geschehen wird: Er soll gegen mehrere Gefangene aus der Taliban-Führungsriege ausgetauscht werden.
Über diese Nachricht ist Saul sichtlich niedergeschlagen. Er bestätigt damit indirekt eine Behauptung, die Carrie zuvor gegenüber Quinn äußerte: Wäre Saul in From A to B and Back Again in Carries Position gewesen, hätte er ebenso den Schießbefehl gegeben. Die Handlung rund um Saul ist jedoch gleichzeitig Quelle der einzigen Kritikpunkte, die ich an Redux finden kann. Haqqani hat nämlich etwas zu großes Vertrauen in den Willen der Amerikaner, Saul lebend zu befreien und ihn nicht einfach zu opfern. Außerdem springt Carrie überraschend schnell auf den Saul-Befreiungszug auf. Hätte sie nicht weiter dafür kämpfen müssen, Haqqani auszuschalten?
Carries Überzeugungsprozess hätte für meinen Geschmack etwas detaillierter ausgeleuchtet werden dürfen. Ich kann jedoch ohne größere Bedenken akzeptieren, dass sie sich der Befehlskette unterstellt, wenngleich ihre Vorgeschichte das nicht wirklich nahelegt. Trotzdem war diese Episode eine der stärksten seit dem Ende der ersten Staffel beziehungsweise der herausragenden Staffel-Zwei-Folge Q&A. Homeland macht wieder richtig viel Spaß.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 10. November 2014(Homeland 4x07)
Schauspieler in der Episode Homeland 4x07
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