Homeland 4x06

Betrachtet man die vierte Staffel von Homeland nach dieser sechsten Episode ganz nĂŒchtern, so fĂ€llt auf, dass eigentlich noch gar nicht viel passiert ist. Im Grunde befinden wir uns momentan dramaturgisch an einem Ă€hnlichen Punkt wie zu Beginn der Staffel. Der Topterrorist Haqqani (Numan Acar) ist weiterhin auf freiem FuĂ und befindet sich im Fadenkreuz der CIA-Drohnen - mit dem kleinen (aber sehr feinen) Unterschied, dass Saul Berenson (Mandy Patinkin) dem Terroristen nun als menschliches Schutzschild dient.
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Vielleicht ist die Tatsache, dass bisher noch gar nicht so viel passiert ist, ja auch ein besonders pfiffiger Metakommentar der Homeland-Autoren auf den endlos erscheinenden Antiterrorkampf der amerikanischen Regierung. Egal, wie viele Kriege auch angezettelt werden, egal, wie ausgereift die dabei eingesetzte Technik auch sein mag. All diese vermeintlichen BefreiungsmaĂnahmen und Angriffe gegen das âBöseâ zeitigen doch immer wieder nur dieses eine, ernĂŒchternde Ergebnis: Der Zyklus aus Terror und Antiterror gebĂ€rt immer neue Zyklen aus Gewalt und Gegengewalt.
Am Ende von From A to B and Back Again, das die Redundanz des Antiterrorkrieges schon im Titel trĂ€gt, steht die drone queen Carrie Mathison (Claire Danes) im gleichen Kontrollzentrum, aus dem sie schon einmal einen Angriff auf Haqqani befehligt hatte. Was sie nun aber zu sehen bekommt, ist ungleich schockierender, weil fĂŒr Carrie mit zutiefst persönlichen GefĂŒhlen verbunden. Gleichzeitig offenbart ihre Reaktionsschnelligkeit, dass sie immer noch die beste Kandidatin fĂŒr den Job ist - trotz medikamentöser Behandlung und einer Vorgeschichte der psychischen InstabilitĂ€t.
Zuvor verlĂ€uft alles nach Plan. Carrie und ihr Team orchestrieren einen Ăberfall auf das safe house, um Aayan (Suraj Sharma) zurĂŒck in die Arme seines Terroristenonkels Haqqani zu treiben. Er will nun versuchen, ĂŒber den Landweg von Pakistan nach England - zu den infidels - zu gelangen. NatĂŒrlich weiĂ er nicht, dass dort auf ihn absolut nichts wartet und er einzig und allein als Lockvogel eingesetzt wird. Nach seinem Tod am Ende dieser Episode können nun all jene erleichtert aufatmen, die die Szenen zwischen Aayan und Carrie vor lauter Fremdscham kaum ausgehalten haben.

Ich empfand diese Szenen gröĂtenteils als dramaturgisch nachvollziehbare AusflĂŒge in die dunklen Ecken der SpionagetĂ€tigkeit. Die Auseinandersetzung zwischen Aayan und seiner Freundin hĂ€tte es aber nicht gebraucht, denn sie bringt die Geschichte nicht weiter - was vor allem durch das Ende der Episode noch einmal verdeutlicht wird. Aayan schafft es jedenfalls ins Feindesland und darf dort fĂŒr einige glĂŒckliche Momente verweilen. Dann wird er von den EmissĂ€ren seines Onkels in Empfang genommen - alles unter den wachsamen Augen der CIA-Drohne.
Take the shot
Freilich weiĂ Haqqani die gesamte Zeit, dass er und seine Mannschaft auf Schritt und Tritt ĂŒberwacht werden. Bevor Carrie jedoch den SchieĂbefehl geben kann, zerrt er Saul vom RĂŒckbank seines Wagens und hĂ€lt dessen Gesicht in die Kamera der Drohne. Er erklĂ€rt Aayan mit ruhiger Stimme, wer der Gefangene ist und welche Beziehung er zu der Person pflege, die Aayan bis vor wenigen Stunden noch fĂŒr eine Journalistin gehalten hatte. Und, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen und der CIA zu beweisen, aus welchem Holz er geschnitzt ist, erschieĂt er an Ort und Stelle seinen eigenen Neffen mit einem einzigen Kopfschuss.
Carrie handelt daraufhin gedankenschnell und gibt sofort den SchieĂbefehl. Quinn (Rupert Friend) und der Drohnenpilot widersetzen sich diesem aber. Wie hĂ€tte Saul wohl gehandelt, wenn er an Carries Stelle gewesen wĂ€re? HĂ€tte er Carrie geopfert, um einen Topterroristen auszuschalten? SchlieĂlich ist es höchst unwahrscheinlich, dass die CIA noch einmal eine solch einfache Gelegenheit bekommt, dem Gegenspieler empfindlichen Schaden zuzufĂŒgen. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass man Saul aus den FĂ€ngen Haqqanis retten kann. Carrie handelt also nicht aus Liebe zu Aayan, wie es zunĂ€chst den Anschein haben mag. Sie handelt im Interesse ihres Heimatlandes, dessen Schutz fĂŒr sie stets höchste PrioritĂ€t hat.
Im Nachhinein wirken ihre harten Worte gegenĂŒber Fara (Nazanin Boniadi) denn auch weniger deplatziert, als ich zunĂ€chst angenommen hatte. Weil Fara ihre Bedenken Ă€uĂert, Aayan fĂŒr einen Zugang zu Haqqani aufzuopfern, hĂ€lt ihr Carrie eine deftige Standpauke. Auch Quinn bekommt zu Beginn sein Fett weg, weil er einmal mehr die Methoden seiner Chefin zur Diskussion stellen will. FĂŒr Carrie gibt es aber selten ein âRichtigâ oder âFalschâ - viel öfter gibt es fĂŒr sie die Wahl zwischen schneller Reaktion und verstrichener Gelegenheit. Sie handelt intuitiv und stellt dabei - nicht immer, aber meistens - die Sicherheit ihrer Nation in den Mittelpunkt ihrer Entscheidungen. Dass sie damit eventuell einer gewaltigen Illusion aufsitzt, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. FĂŒrs Erste bietet ihre Figur guten Stoff fĂŒr diesen wieder erstarkten Spionagethriller.

Unklar bleibt dabei bislang, wie stark die Verflechtung zwischen dem pakistanischen Geheimdienst ISI und den Terroristen ist. Saul befindet sich nun in Haqqanis HĂ€nden, wurde am Ende der letzten Episode aber von Farhad Ghazi (Tamer Burjaq) und Konsorten entfĂŒhrt, die ja von CIA-Agent John Redmond (Michael O'Keefe) als ISI-Agenten identifiziert wurden. Eine enge Verflechtung wurde in der gleichen Episode bereits angedeutet, als die EntfĂŒhrer problemlos eine MilitĂ€rkontrolle passieren konnten, obwohl Saul im Kofferraum ihres Wagens entdeckt worden war.
Spooks stick together
Ein Subplot, der bislang noch etwas orientierungslos vor sich hin dĂ€mmert, könnte dadurch gröĂere Relevanz bekommen. Dennis Boyd (Mark Moses), Ehemann der amerikanischen Botschafterin, entpuppt sich als talentierter Spion und geht mit wachsendem Eifer den Aufgaben nach, die ihm von seiner ISI-Kontaktfrau Tasneem Qureshi (Nimrat Kaur) aufgetragen werden. Unweigerlich musste ich dabei an âBig Pussyâ Bonpansiero aus The Sopranos denken.
Dabei wurde mir nicht ganz klar, ob die Informationen, die Boyd Qureshi zugespielt hatte, eine Rolle in Aayans Tod spielten. Eigentlich muss es ja so sein - wie sonst hĂ€tte Haqqani Bescheid wissen können, dass Aayan mit Carrie zusammengearbeitet hat? Ein glĂŒcklicher Ausgang fĂŒr Sauls EntfĂŒhrungsfall rĂŒckt damit jedenfalls in immer weitere Ferne. Nun mĂŒssen Carrie und Kollegen nĂ€mlich nicht nur auf fremdem Terrain gegen Terroristen vorgehen, sondern auch gegen den mĂ€chtigen Geheimdienst, der diese Terroristen scheinbar unterstĂŒtzt.
Nachdem sich Homeland in der zweiten Episode dieser vierten Staffel des âBaby-Problemsâ entledigt hatte, fĂ€llt nun in From A to B and Back Again ein weiterer Handlungsstrang weg, der fĂŒr manche Zuschauer kaum auszuhalten war. Aayan ist Vergangenheit, nun gibt es in diesem schmutzigen, im Geheimen gefĂŒhrten, weltweiten Krieg zwei klare Fronten: CIA gegen Terroristen. Das ist dramaturgisch weniger kompliziert als das Konzept, mit dem die Serie einst gestartet war. Wenn es aber so anspruchsvoll und spannend umgesetzt ist wie hier, habe ich dagegen keinerlei EinwĂ€nde.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 3. November 2014(Homeland 4x06)
Schauspieler in der Episode Homeland 4x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?