Homeland 4x04

In der neuen Homeland-Episode Iron in the Fire werden die Handlungsstränge, die zu Beginn der Staffel für reichlich Stirnrunzeln sorgten, größtenteils ausgeblendet. Die Geschichte bleibt reduziert auf das, was man sich von dieser Serie am meisten wünscht: einen spannenden Agententhriller - und keine lästige Liebesgeschichte, keine langweilige Babystory. Vor unseren Augen entspinnt sich eine internationale Spionageverschwörung, die sowohl auf der kleinsten Ebene als auch im globalen Zusammenhang funktioniert.
Accountability isn't in the job description
Erstmals in dieser vierten Staffel fällt dabei auch die visuell anspruchsvolle Umsetzung auf. Der erfahrene TV-Regisseur Michael Offer führte hier zum ersten Mal für Homeland Regie. Er nutzt in vielen Szenen Close-ups, um eine größere Nähe zu den Protagonisten und dadurch beim Zuschauer ein Gefühl der Dringlichkeit zu erzeugen. In einer Szene filmt er seine Protagonistin in einem tracking shot größtenteils von hinten, um die Unmittelbarkeit einfachster Spionagetätigkeiten herauszuarbeiten. Die Arbeit von Agenten kann nämlich auch in Zeiten moderner Überwachungstechnologie immer noch mit den simplen Techniken Beschattung und Verfolgung hinreichend beschrieben werden.
Dies sind natürlich nur die rudimentären Grundlagen eines erfolgreichen Spions, doch müssen auch sie fehlerfrei beherrscht werden. Zu den elaborierteren Methoden gehören da schon das Verführen eines möglichen Informanten oder die Übersetzung diverser Codes. All das kommt in dieser einen Episode vor - ein wichtiger Grund dafür, dass dies die bisher gelungenste Episode der neuen Staffel ist. Wir lernen darin neue Spieler kennen, wobei nicht bei allen sofort klar ist, welchem Auftraggeber sie dienen. Am Ende kommt es sogar zu einer handfesten Überraschung, die zu diesem frühen Zeitpunkt ein echter game changer sein könnte - zumindest, wenn man den Worten Carrie Mathisons (Claire Danes) glaubt.
Die Leiterin des CIA-Büros in Islamabad durchforstet zu Beginn eine digitale Kartei mit Angehörigen des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter-Services Intelligence), um den mutmaßlichen Agenten zu finden, der den Angriff auf Sandy Bachman orchestriert haben könnte. Hilfe bekommt sie dabei aus einer unerwarteten Quelle. Ihr behördeninterner Widersacher John Redmond (Michael O'Keefe) rückt den Namen des Verdächtigen heraus: Farad Ghazi. Sie berichtet Saul (Mandy Patinkin) von ihrer neuen Erkenntnis und verhindert sogleich eine Weitergabe der Information an übergeordnete Instanzen.
Das ist die Carrie, die wir kennen und lieben: Stets auf eigener Faust unterwegs, stets skeptisch über Motive und Handlungsanweisungen von Vorgesetzten. Sie schafft es überdies, Saul wieder für ihre Zwecke einzuspannen - worüber der (und wir Zuschauer) alles andere als unglücklich ist. Zur gleichen Zeit kommt Quinn (Rupert Friend) in Islamabad an. Carrie findet außerdem heraus, dass Redmond sie beschatten lässt, laut eigener Aussage zu ihrem Schutz - eine Notlüge, die Carrie keine Sekunde lang glauben dürfte.
Anything for you, Carrie
In der von ihrem Team eingerichteten black site kommt später überraschend auch Aayan (Suraj Sharma) an und bittet um ein Gespräch mit Carrie. Sie versichert ihm darin, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihm eine sichere Ausreise nach England und einen Studienplatz in London zu ermöglichen. Später finden wir heraus, dass es sich dabei um eine glatte Lüge handelte. Aayan wird zum Spielball der Geheimdienste - ist aber nach Faras neuen Erkenntnissen wohl weniger unwissend als behauptet.
Seine Beschattung durch Max (Maury Sterling) und Fara (Nazanin Boniadi) führt schließlich zu der überraschenden Erkenntnis, dass der mutmaßliche Terroristenführer Haqqani, Aayans Onkel, beim Drohnenangriff aus der Auftaktepisode gar nicht ums Leben kam. Nun stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang dessen plötzliches Auftauchen und der geplante Mord an Sandy Bachman stehen: „He was killed in order to protect Haqqani who either survived the airstrike or wasn't there in the first place.“ („Er wurde ermordet, um Haqqani zu beschützen, der entweder den Luftangriff überlebte oder gar nicht erst zugegen war.“) Dies führt zu der Frage, warum der ISI Haqqani möglicherweise schützen will.
Die einzige vielversprechende Spur führt derzeit zu Aayan, der von Fara dabei beobachtet wurde, wie er seinem Onkel ein Paket mit Medikamenten übergab. Carrie sieht also keine andere Möglichkeit, als ihn als stalking horse (eine Art Lockvogel) einzusetzen. Dafür muss sie aber zunächst sein Vertrauen gewinnen - und wodurch könnte das besser gelingen als durch eine vorgetäuschte Liebesbeziehung? Carrie war sich noch nie zu schade, ihren Körper für den Job einzusetzen, ihr ist es ein Leichtes, diesen unerfahrenen Burschen zu verführen.
In einem Nebenhandlungsstrang lässt sich Saul indes dazu überreden, eigene Nachforschungen anzustellen, obwohl er gar nicht mehr für die CIA oder eine sonstige staatliche Institution arbeitet. Hier mussten die Autoren offensichtlich einen Weg finden, um Saul in Pakistan zu halten. Dies hätte durchaus eleganter gelingen können, nutzt der Dramaturgie aber mehr, als dass es ihr schadet. Über einen befreundeten pakistanischen Offizier im Ruhestand stellt er Kontakt zu einem hochrangigen ISI-Mitarbeiter her, der sich aber keinerlei Informationen entlocken lässt. Vielleicht auch, weil Saul sofort auf Konfrontationskurs geht, statt eine gemeinsame Gesprächsbasis zu etablieren...
Usually the simplest answer is the correct one
Während die aktiven und ehemaligen Agenten ihrem Tagewerk nachgehen, entspinnt sich ein weiterer interessanter Nebenplot, der noch keine wirklichen Prognosen zulässt. Dennis Boyd (Allzweckwaffe Mark Moses), Ehemann der amerikanischen Botschafterin in Pakistan, Martha Boyd (Laila Robins), hat Sandy Bachman möglicherweise geheime Dokumente zugespielt, die der im Tausch für Informationen über den Aufenthaltsort gesuchter Terroristen eingetauscht haben könnte. Boyd wird nun von einer mysteriösen Unbekannten (möglicherweise eine ISI-Agentin) aufgesucht und mit diesen Erkenntnissen konfrontiert.
So fluchtartig, wie er daraufhin das Land verlassen will, macht er sich (zumindest für uns Zuschauer) sofort verdächtig. Er wird jedoch frühzeitig an der Flucht gehindert. Nun soll er diverse Aufgaben für die mutmaßliche Agentin erledigen, nur dann könne er die Ausreise antreten. Als Erstes bekommt er einen Schlüssel zugesteckt. Was er damit anfangen soll, wissen wir ebenso wenig wie er.
Neben der bemerkenswerten visuellen Umsetzung und dem effektiven, weil reduzierten, Drehbuch sind mehrere eingestreute Details dieser Episode erwähnenswert. So kann sich Fara nach Carries Lob für die erfolgreiche Beschattung Aayans ein breites Grinsen nicht verkneifen - ein schöner call back an den Auftakt der zweiten Staffel, The Smile, in dem Carrie ein ähnliches Grinsen übers Gesicht huschte. Zudem erfahren wir, dass Carrie kein Urdu (pakistanische Verkehrssprache) spricht, Quinn dafür aber wohl fließend. Eigentlich überraschend angesichts der Tatsache, dass Carrie einen großen Teil ihrer Agentenkarriere im arabischsprachigen Raum verbrachte. Wie dem auch sei - Carrie und Homeland machen in dieser Episode beinahe alles richtig.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 20. Oktober 2014(Homeland 4x04)
Schauspieler in der Episode Homeland 4x04
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