Homeland 4x03

Ich habe nicht mitgezählt, wie oft in dieser neuen Episode des Showtime-Agententhrillers Homeland das Wort „lockdown“ („Ausgangssperre“) gefallen ist. Gefühlt gab es jedoch keinen wichtigeren Plotpoint in Shalwar Kameez. Die Geschichte um Carrie (Claire Danes) und ihre ungewollte Mutterrolle haben wir nun glücklicherweise hinter uns gelassen. Am Horizont zeichnen sich nun aber neue unglückliche dramaturgische Entscheidungen der Serienautoren ab.
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In deren Zentrum steht der von seinen Erlebnissen der Auftaktepisode traumatisierte Peter Quinn (Rupert Friend), den die Serie sehr offensichtlich als Brody-Ersatz installieren will. Schon in den vergangenen beiden Staffeln war das größte Problem von Homeland der unbedingte Wille der Autoren, die Liebesgeschichte zwischen Carrie und Brody am Leben zu halten. Für sie war die Serie zu gleichen Teilen Agenten- wie Liebesdrama.
Bisher wurde nun zwar noch nicht explizit bestätigt, dass Quinn in Carrie verliebt und deswegen so durcheinander ist. Es vergeht jedoch keine Konversation zwischen ihm und seinem jeweiligen Gegenüber, in der nicht eben diese Vermutung geäußert wird, woraufhin Peter meist vehement verneint, dann aber bedeutungsschwanger ins Leere starrt. So auch am Ende, als Carrie sich nichts sehnlicher wünscht, als dass Quinn nach Islamabad zurückkehren möge, um ihr bei der Aufklärung der Verstrickungen zwischen dem getöteten Sandy Bachmann und dem pakistanischen Geheimdienst ISI zu helfen.
Sowohl die CIA-Psychologin, der Quinn vorgeführt wird, als auch sein ehemaliger Mentor Dar Adal (F. Murray Abraham) und seine neue Bettgespielin versuchen, ihm penetrant einzutrichtern, dass er starke Gefühle für Carrie hat und deswegen nur schlecht schlafen kann. Mir ist absolut schleierhaft, warum das Autorenteam in der nunmehr vierten Staffel ihrer bisweilen ausgezeichneten Thrillerserie so penetrant darauf beharren, dass es neben der Spionage- auch eine Liebesgeschichte geben muss.

Dass es auch anders geht, beweist sogar diese Episode. Carrie kehrt zu Beginn nach Islamabad zurück, um erneut ihren von CIA-Chef Lockhart ergaunerten Posten als Stationschefin anzutreten. In Sachen Mitarbeiterführung hat sie jedoch noch einiges dazuzulernen, will sie zukünftig vertrauensvoll mit ihren Untergebenen zusammenarbeiten. Die erste Besprechung ist jedenfalls von eisiger Kälte durchzogen, weil Carrie den getöteten (und bei seinen Kollegen offensichtlich beliebten) Sandy in keinem guten Licht dastehen lässt.
Once a scalp hunter always a scalp hunter
Außerdem hegt John Redmond (Michael O'Keefe) berechtigten Groll gegen sie, war doch eigentlich er für die Nachfolge Bachmanns bestimmt. Ihn bügelt Carrie nach der Besprechung in ihrem Büro aber ebenso gnadenlos nieder, wobei sie selbst den Hinweis auf sein offensichtliches Alkoholproblem nicht scheut. Aus Gründen der Plotnotwendigkeit befindet sich auch Saul Berenson (Mandy Patinkin) in Islamabad, weil er sich Sorgen um Carrie macht. Er ist ihr zunächst dabei behilflich, die viel zitierte Ausgangssperre der Botschaft aufzuheben, weil er eine besonders gute Beziehung zur Botschafterin pflegt.
Im Abschlussgespräch der beiden kommt es zum stärksten Charaktermoment seit langer Zeit. Saul zählt darin all die Maßnahmen auf, die Carrie bei ihrem Start als neue Stationschefin durchgeführt haben sollte. Als er realisiert, dass sie die wichtigsten Punkte schon abgearbeitet hat, kann er sich das stolze Grinsen einer Vaterfigur nicht verkneifen. Darüber ist Carrie so glücklich, dass auch sie ihre Euphorie kaum zurückhalten kann. Danes und Patinkin spielen diese Augenblicke wunderbar und, obwohl sich die Geschichte um die Beziehung der beiden etwas totgelaufen hat, sind solche befriedigenden Momente absolut verdient.
Der Grund für Sauls Stolz ist Carries gedankenschnelle Einrichtung einer unabhängig operierenden Agentenzelle, die sie mit zwei Vertrauenspersonen besetzt. Über das Wiedersehen mit Max (Maury Sterling) und Fara (Nazanin Boniadi) habe ich mich besonders gefreut, vor allem auch wegen Max' Begrüßungsparole: „Evenin' Governor.“ Seine Figur bringt den angesichts omnipräsenter Tristesse dringend benötigten comic relief in die Serie. Schade nur, dass bisher von seinem Partner Virgil (David Marciano) nichts zu sehen war.

Weil Carrie also ihren Untergebenen von der CIA (noch) nicht vertrauen kann, arbeitet sie mit dieser verdeckt (und daher schutzlos) operierenden Gruppe zusammen. Ihre erste Aufgabe ist die Rekrutierung von Aayan Ibrahim (Suraj Sharma), dem einzigen Überlebenden des fatalen Drohnenangriffs auf die Hochzeitsgesellschaft in der Auftaktepisode der neuen Staffel. Zunächst versucht Fara ihr Glück mit einer Tarnung als Investigativjournalistin aus London (wir erfahren nicht, von welchem Medium), was jedoch ohne Erfolg bleibt. Dann nimmt Carrie die Angelegenheit in die eigene Hand - die zweite überaus gelungene Szene dieser Episode.
We never had a chance
Sie treibt Aayan unter einem Vorwand in die Enge, gibt sich ebenfalls als Journalistin aus und zieht dann, als er weiterhin die Kooperation verweigert, ihre Trumpfkarte: Sie behauptet, ihm einen Studienplatz in den USA oder England und ihm so einen Ausweg aus seiner prekären Lage anbieten zu können. Zwar gibt er nicht seine explizite Zustimmung, die Aussichten darauf sind aber um ein Vielfaches höher als noch bei Faras Versuch.
Quinn sieht sich in seinem „PTSD“-Wahn indes mehrere YouTube-Videos des Angriffs auf ihn, Carrie und den getöteten Sandy Bachmann an. Dabei entdeckt er ein pikantes Detail: Unter der aufgebrachten Menge befand sich ein Agent. Carrie vermutet, dass es sich dabei nur um einen Angehörigen des ISI handeln könne. Gemeinsam schlussfolgern sie, es müsse ein geplanter Angriff auf Bachmann gewesen sein. Offensichtlich sollte er zum Stillschweigen gebracht werden, möglicherweise war seine Quelle eine undichte Stelle im pakistanischen Geheimdienst.
Homeland hat seine stärksten Momente, wenn sich die Autoren auf die Elemente eines spannenden Spionagethrillers konzentrieren. Ihnen ist es überdies aber stets auch wichtig, eine Liebesgeschichte um ihre zentrale Figur zu spinnen - mag diese auch noch so sehr an den Haaren herbeigezogen sein. Das Ende von Shalwar Kameez lässt aber darauf hoffen, dass den Agentengeschichten größerer Wert zugesprochen wird. Fingers crossed.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 13. Oktober 2014(Homeland 4x03)
Schauspieler in der Episode Homeland 4x03
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