Homeland 3x12

Zum Finale der dritten Staffel haben sich die Autoren von Homeland entschieden, mit einer knapp einstündigen Episode die bisher längste zu produzieren. Zuvor waren die meisten unter dem aus den ersten beiden Staffeln üblichen Zeitrahmen geblieben, nur teilweise durchbrach eine Episode einmal die 50-Minutenmarke. Ich sah die Spielzeit und dachte mir sogleich, die Autoren hätten sich das Beste für den Schluss aufgehoben und würden nun nachholen, was ihnen im vergangenen Vierteljahr nicht gelungen war. Sie würden sicher ein logisch konsistentes, nachvollziehbares und dramaturgisch überzeugendes Ende für diese - gelinde gesagt - holprige dritte Staffel finden. Leider wurde ich enttäuscht.
Carrie, it's over
Wieder einmal stellen die Autoren von Homeland ihre Unfähigkeit unter Beweis, die interessantesten Aspekte ihrer eigenen Geschichte herauszufiltern. Nach knapp zwei Dritteln der Episode ist der Höhepunkt erreicht, der im Übrigen nur durch seine emotionale Intensität überzeugen kann. Der Rest war erwartbar. Hätte Brody (Damian Lewis) es aber tatsächlich geschafft, lebend aus dem Iran zu entkommen, die Serie hätte den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit über Bord geworfen. Der anschließende Epilog, der ein ganzes Drittel der Finalepisode einnimmt, verliert sich dann jedoch in absoluter Beliebigkeit. Der Erzählstrang um Carries (Claire Danes) Schwangerschaft wird endgültig als dramaturgische Nebelkerze entlarvt.

Dieser Handlungsbogen symbolisiert beispielhaft, dass die Autoren bei nahezu jedem Erzählstrang verpasst haben, die wirklich interessanten Teile zu erkunden. Die weltweiten Reaktionen auf die heftigen, beinahe revolutionären Umwälzungen in Iran werden nur in wenigen Sekunden beleuchtet. Die Geschichte verfängt sich stattdessen in der Betrachtung der Beziehung zwischen den beiden schicksalhaft verbundenen Carrie und Brody. Und auch wenn dieser Handlungsbogen zu einem vernünftigen Ende findet, so ist der Weg dorthin doch gepflastert mit neuen Ungereimtheiten und alten Problemen.
Diese beginnen mit der einfachen Tatsache, dass die Flucht Brodys aus einem der schwerstbewachten Militärkomplexe Irans schlicht nicht so einfach vonstatten gehen darf. Schließlich hat Saul (Mandy Patinkin) in den vorangegangenen Episoden immer wieder betont, dass es beinahe unmöglich sei, an die Zielperson Akbari (Houshang Touzie) heranzukommen. Wenn Brody wenigstens ganz klassisch aus einem offenen Fenster entkommen wäre - aber nein, er muss auch noch aus dem Eingangstor spazieren (inklusive künstlicher Spannungserzeugung).
An der anschließenden Flucht gemeinsam mit Carrie habe ich weniger auszusetzen, wenngleich man auch hier anmerken könnte, dass die zahlreichen Wachen im Teheraner Straßenverkehr nicht so einfach abgeschüttelt werden dürften. Neben der Exekution Brodys kommt es im Safe House dann zu einer der stärksten Szenen der Episode. Darin gesteht Carrie ihm erneut seine Liebe und enthüllt die wahre Motivation für sämtliche ihrer wahnwitzigen Aktionen: „One of the reasons I believe I was put on this earth is for our paths to cross.“ Das mag etwas überhöht klingen, jedoch kann man dieser Aussage nicht absprechen, dass sie einer konsistenten Charakterzeichnung entspricht.
What about Amnesty International?
Kurze Zeit später gehen die Probleme weiter. Die iranische Nationalgarde schleicht sich - wie schon zwei Episoden zuvor - scheinbar lautlos an das Versteckt der beiden heran und überrascht sie mit einer Flutlichtserenade. Wie schaffen die es nur immer wieder, mit einer halben Kompanie anzurücken, ohne einen einzigen Laut von sich zu geben? Überraschenderweise verschleppen sie nur Brody, der von Dar Adal (F. Murray Abraham) und dem designierten CIA-Chef Lockhart (Tracy Letts) mit Einverständnis des US-Präsidenten und gegen Sauls Willen an die Iraner ausgeliefert wurde. Carrie hingegen verschonen sie auf Geheiß des neuen mächtigen Mannes in Irans Geheimdienstapparat, Majid Javadi (Shaun Toub).

Wir sollen also allen Ernstes glauben, dass sich keiner der beteiligten Soldaten die Frage stellt, warum eine Mitverschwörerin des Attentats freigelassen wird? Dem noch nicht genug, trifft sich Carrie auch noch in der Öffentlichkeit eines Regierungsgebäudes mit Javadi und erfährt dort die Nachricht über Brodys baldige Hinrichtung. Auch dort gehen die beiden Verschwörer massiv unvorsichtig vor. Am Ende bekommt Brody von Javadi noch ein Mobiltelefon zugespielt, was Brodys Wache und diverse Mittelsmänner ebensowenig stört. Wie schwer kann es denn sein, eine direkte Verbindung zwischen Brody und Javadi herzustellen, nachdem Letztgenannter mehrere Tage in den USA verbracht hat und für mehrere Stunden (oder gar Tage) - als er sich in Sauls Gefangenschaft befand - kein Alibi vorweisen kann?
Weiterhin ist es wenig glaubhaft, dass Brody nur wenige Stunden nach seiner Festnahme von einem Militärgericht zur Todesstrafe verurteilt - und diese denn auch innerhalb eines Tages ausgeführt wird. Der iranische polit-militärische Komplex müsste vielmehr erst einmal an der Aufarbeitung der Ereignisse und vor allem an der Aufdeckung von Brodys Hintermännern interessiert sein. Brody würde monatelang gefoltert werden und selbst wenn er sich der Folter entziehen könnte, würde die Spur unweigerlich zu Javadi führen. Selbst wenn dessen Schuld nicht handfest bewiesen werden könnte, so bliebe ihm zumindest der Zugang zu einem der einflussreichsten Posten der iranischen Machtstruktur verwehrt.
Deshalb ist es schlichtweg auch Quatsch, dass Sauls Plan am Ende aufgeht. Javadi ist die zentrale Figur seines Plans und ich sehe nach Brodys Gefangennahme keine Möglichkeit, wie der sich an der Macht halten kann. In den letzten Episoden fiel es einfacher, über diesen grundsätzlichen Makel in Sauls Plan hinwegzusehen, weil eher die Ausführung als die allgemeine Durchführbarkeit porträtiert wurde. Wenn die Geschichte von Homeland dann jedoch so ausgeht, wiegen alle zuvor erhobenen Vorwürfe gegen die Serienlogik umso schwerer.
I don't know what the fuck we're doing here anymore
Man merkte The Star in beinahe jeder einzelnen Minute an, dass die Serie auf eine Neuausrichtung zusteuert und sich dabei ihrer Altlasten entledigen will. Hätten sich die Autoren auf die wahrlich interessanten und dramaturgisch wertvollen Aspekte ihrer Geschichte konzentriert, hätten sie Brody wohl nicht so schnell umbringen und das ewige Drama zwischen ihm und Carrie beenden können. Ihren unbedingten Willen, mit einzelnen Handlungsbögen abzuschließen, erkennt man auch an der Behandlung des Schwangerschaftsstrangs. In dem Moment, als Carrie ihre Ängste gegenüber Quinn und ihrer Familie offenbart, wird klar, dass dieses Baby keine weitere Spielzeit verschwenden wird. Wozu also das Ganze?

Ein weiteres Beispiel für die Blindheit der Autoren gegenüber ihrem eigenen Stoff ist der Handlungsbogen rund um Quinn (Rupert Friend). Der hatte zu Beginn der Staffel mehrmals Gewissensbisse. Er schaffte es nicht mehr, seine Arbeit mit dem eigenen Moralkompass in Einklang zu bringen. Dieser Erzählstrang wurde später völlig ignoriert und Quinn zum bloßen Stichwortgeber degradiert („Everybody has problems“). Im Rückblick wird deutlich, dass es den Homeland-Machern seit Ende der ersten Staffel und der öffentlichen Begeisterung für die Chemie zwischen Danes und Lewis nur darum ging, die Amour Fou der beiden möglichst ausschöpfend in die Länge zu ziehen. Das ist ihnen gelungen. Schade, dass die gesamte Serie darunter leiden musste.
Bei aller Kritik will ich jedoch nicht vergessen, die positiven Aspekte des Staffelfinales herauszustellen. Brodys Hinrichtungsszene war gleichermaßen schockierend wie ergreifend. Lewis und Danes liefern beide über nahezu die gesamte Episode hervorragende schauspielerische Leistungen ab. Die Epilogpassage mit Saul und Dar Adal ist witzig, wenngleich mir die Konversation der beiden übel aufstieß. In einem kurzen Nebensatz erwähnt Saul, dass er im Privatsektor das Dreifache verdienen werde wie zuvor in seiner Staatstätigkeit. Damit kritisiert er unbewusst einen der größten Konstruktionsfehler unseres modernen Wirtschaftssystems, was den Homeland-Autoren wohl auch nicht wirklich bewusst ist.
Sie haben schließlich bekommen, was sie wollten: die Möglichkeit eines Neustarts. Bleibt zu hoffen, dass sie sich in der vierten Staffel wieder von ihren - zweifellos vorhandenen - außerordentlichen Fähigkeiten als Serienschaffende leiten lassen und nicht erneut irgendeinem Hype folgen. Mit diesem Vorgehen haben sie nämlich anderthalb Staffeln vergeudet.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 16. Dezember 2013(Homeland 3x12)
Schauspieler in der Episode Homeland 3x12
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?