Homeland 3x09

Lange haben wir uns gewundert, wie denn nur Nicholas Brody (Damian Lewis) als meistgesuchter Terrorist in seinem venezolanischen Exil wieder in die Handlung von Homeland eingebracht werden soll. Nun haben wir die Antwort. Es ist nicht etwa Carrie Mathisons (Claire Danes) Schwangerschaft, die den Grund für eine Wiedervereinigung der beiden schicksalhaft Verbundenen liefert. Es ist vielmehr ein Plan des Interims-CIA-Chefs Saul Berenson (Mandy Patinkin), der an Groteskheit kaum zu überbieten ist und selbst in den zurückliegenden, logisch fragwürdigen anderthalb Staffeln der Serie keine Entsprechung findet. Sauls Vorhaben ist schlicht realitätsfern und abgedreht.
You're alive. That wasn't a given.
Um eine solche Volte beim Publikum auch nur halbwegs plausibel anzubringen, bedient sich Homeland eines Taschenspielertricks, den die Serie nicht zum ersten Mal angewendet hat. Das Medikament Ibogaine, das Brody nach seinem Rücktransport in die USA verabreicht wird, gab es wirklich. In den 50er Jahren finanzierte die CIA Studien zu der Wunderdroge, deren Ergebnisse jedoch bis heute nicht veröffentlicht wurden. Klinische Studien an diversen internationalen Universitäten mussten in der Folge wegen Unterfinanzierung oder gefährlicher Nebenwirkungen - ein Studienteilnehmer verstarb sogar - abgebrochen werden. Brody bekommt die Droge trotzdem, denn sein kalter Entzug soll beschleunigt werden.

Wie schon in der zweiten Staffel, als es eine kurzlebige Kontroverse um den Mord am amerikanischen Vizepräsidenten gab, setzt Homeland hier wieder auf die Herausstellung des vermeintlichen Fachwissens seiner Autoren, um eine viel größere Kalamität zu verschleiern. Damals zog die Episode eine Diskussion nach sich, die um die Frage kreiste, ob ein Herzschrittmacher wirklich ferngesteuert werden könnte. Es stellte sich heraus, dass dies tatsächlich möglich ist. Diese Diskussion lenkte von der wahrlich hanebüchenen Inszenierung des Mords ab, bei der Brody völlig unbehelligt durch das Anwesen des Vizepräsidenten stapfte. Den gleichen Zweck verfolgt nun die Vorstellung der Wunderdroge Ibogaine.
Ihre tatsächliche Existenz lenkt von der Tatsache ab, dass Saul Berensons Plan verrückter ist, als alles, was sich Carrie Mathison in ihrem labilen Hirn bisher zusammengesponnen hat. Saul will Brody nämlich als Überläufer nach Iran schmuggeln, ihm dort eine Audienz mit einem der drei mächtigsten Männer des Landes verschaffen, einem Mann, der „better protected than the Ayatollah“ ist. Dann soll Brody den Mann ermorden, was in Sauls Vorstellungswelt zur Folge hätte, dass sein eingeschleuster Informant Javadi (Shaun Toub) in dessen Position vorrücken würde. Da dieser Saul absolut hörig ist, weil er mehrere Millionen Dollar an der iranischen Nationalgarde vorbei ins Ausland geschleust hat und ihm deswegen zu Hause die Todesstrafe droht, bewegt er die iranischen Machthaber zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch, der seit über 30 Jahren verwaist auf neue Gäste wartet.
Ungeachtet der Tatsache, dass die Realität die Fiktion hier längst eingeholt hat - Ende September trafen sich die Außenminister beider Länder zum ersten Mal seit 1979 - ist der Plan aus mehreren Gründen schlicht abwegig und irrational. Wir erinnern uns: Zu Beginn der zweiten Staffel gab es einen israelischen Angriff auf iranische atomare Forschungseinrichtungen, der bis in die Seriengegenwart keine weitere Erwähnung fand. In der Serienrealität dürften die Iraner diese Anschläge jedoch sehr wohl in bester Erinnerung behalten haben. Ein Überläufer aus den Vereinigten Staaten würde demnach mit extremer Vorsicht aufgenommen werden - selbst wenn er sich als der CIA-Attentäter ausgibt. Und wer sagt eigentlich, dass der iranische Geheimdienst nicht genau weiß, wer die Anschläge in den USA durchgeführt hat?
I'm offering you a chance to be a Marine again
Brody beteuert in der neuen Episode mehrmals glaubhaft seine Unschuld, als Zuschauer können wir uns nahezu sicher sein, dass er die Wahrheit sagt. Spinnt man die Auswirkungen dieses Plans einmal weiter, so würde eine Aufnahme Brodys durch den Iran bei Publikwerden noch schärfere internationale Sanktionen nach sich ziehen als die sowieso schon bestehenden. Die USA würden Iran zur sofortigen Auslieferung Brodys auffordern. Der amerikanische Kongress würde sich einschalten, wogegen Saul absolut machtlos wäre. Sollte er es trotzdem schaffen und die Amerikaner zögen ihre Sanktions- oder gar Angriffsdrohungen zurück, würde dies wiederum den Verdacht auf Brody lenken. Dadurch wäre es noch unwahrscheinlicher, dass er der Zielperson vorgeführt würde. Überhaupt ist es eine höchst banale Annahme, dass der Mord an einem einzigen Machthaber den Friedensprozess zwischen zwei Nationen beschleunigen könnte - eher ist das Gegenteil - eine weitere Eskalation - der Fall.
Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, Brody könne den Mord tatsächlich erfolgreich durchführen und sich danach unbemerkt außer Landes schleichen, der Verdacht würde trotzdem sofort auf ihn fallen - und damit auf die CIA und die Amerikaner. Dies sind bei weitem nicht alle offenen Fragen, die diese neue Episode von Homeland hinterlässt. Sie genügen aber, um endgültig mit der „alten“ Serie abzuschließen und sich der „neuen“, überwiegend realitätsfremden, zuzuwenden. Zugegeben, Homeland war nie wirklich eindeutig reaitätskonform, momentan produziert die Serie jedoch mehr Logiklöcher als Brody Löcher in seinem Arm.
Dementsprechend schnell und einfach wird auch das Rätsel um Alan Bernard (William Abadie) aufgelöst. Die beiden Superspione Virgil (David Marciano) und Max (Maury Sterling) finden in Windeseile die von Bernard eingesetzte Wanze und verfolgen sie zu dessen Absteige zurück. Eine schnelle Observation ergibt, dass Bernard von Senator Lockhart (Tracy Letts) mit der Beschattung Sauls beauftragt wurde. Nun hat Saul also ein Erpressungsmittel in der Hand, um Lockhart ein paar Wochen Aufschub aus den Rippen zu leiern. Natürlich entscheidet sich Saul für den noblen Weg - er will keineswegs die Nominierung Lockharts als CIA-Chef verhindern, sondern sich lediglich für den Weltfrieden einsetzen. Warum eigentlich? In seinen Augen müsste Lockhart nach der Überwachungsaktion doch völlig ungeeignet sein für den Posten als CIA-Chef. Hier wird die Charakterisierung Sauls zu Beginn der Staffel konterkariert, als er sich noch zum entschiedenen und rücksichtslosen Kämpfer gegen den internationalen Terrorismus entwickelte.
Mit solchen Nebensächlichkeiten wie einer konsistenten Charakterentwicklung halten sich die Autoren von Homeland aber schon lange nicht mehr auf. Es geht hier nur noch um den großen Knall, um Überraschungsmomente, um coole Actionsequenzen - das wurde selten deutlicher als in der aktuellen Episode. Diese hat ihren stärksten Moment beim Wiedersehen von Brody und seiner Tochter Dana (Morgan Saylor) - einem weiteren sehr fragwürdigen Umstand. Mit ihrer Besuchserlaubnis setzt Carrie nämlich die gesamte Operation mit Brody aufs Spiel.
Did you ever, for one second, think about whether I wanted to see you?
Die Szene beschert uns jedoch einen der eindringlichsten Szenen der gesamten Staffel und führt uns vor Augen, welcher Handlungsstrang in den vergangenen drei Staffeln stets zu den interessantesten gehört hatte. Dana Brody war nie eine der beliebtesten Charaktere in Homeland, doch wenigstens kann bei ihr festgehalten werden, dass sie stets charakterkonform und vor allem charakterstark gehandelt hat. Genauso verfährt sie nun auch mit dem plötzlichen Auftauchen ihres Vaters.

Sie hat ihren Namen geändert, ist von zu Hause ausgezogen und hält sich mit einem Zimmermädchenjob über Wasser. Sie hat den Mut aufgebracht, ein neues, eigenständiges Leben zu beginnen. Diese neue Freiheit will sie sich nun nicht nehmen lassen, auch nicht von ihrem Vater, den sie einst innig geliebt hatte, der jedoch auch für den Großteil ihrer verpfuschten Jugend zuständig ist. In der Wiedersehensszene spielen Lewis und Saylor groß auf und liefern den schauspielerischen Höhepunkt der neuen Staffel: „What do you want to hear? That you were a good dad? That despite everything it's all okay? What do you want me to say? Look. Look here. Just write it down. Just write it down and I will say it to you as long as you promise that I will never have to see you again.“
Nach diesem herzzerreißenden Dialog bleibt fraglich, welche Motivation Brody fortan antreiben soll, Sauls Plan durchzuführen. Das letzte Druckmittel war seine Tochter, die er nun jedoch offensichtlich für immer verloren hat. Als letzte Erklärungsmöglichkeit bleibt die Mission als Aufbruch in ein Selbstmordkommando, um der Nation, die er mehrmals betrogen hat, einen aufrichtigen Dienst zu erweisen - was er im Falle seines Todes eigentlich gar nicht täte, denn der Verdacht würde sogleich auf die amerikanischen Geheimdienste zurückfallen. Nimmt man sich die hier aufgeführten Mängel nicht allzu sehr zu Herzen, so kann man diese Serie jedoch durchaus genießen. Sie ist wunderbar gefilmt, hat packende Actionsequenzen und mitreißende Dramamomente. Mit der hochgelobten Serie aus der ersten Staffel hat sie nur leider nichts mehr zu tun.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 26. November 2013Homeland 3x09 Trailer
(Homeland 3x09)
Schauspieler in der Episode Homeland 3x09
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