Homeland 3x08

Es gibt weite Passagen in der neuen Episode von Homeland, die dadurch fesseln, dass sie ohne große Überraschungs- oder sonstige Effekte auffallen. Dabei wird die eigentliche, wenig glamouröse Arbeit von Spionen gezeigt. Dann sitzen Carrie Mathison (Claire Danes) und Peter Quinn (Rupert Friend) in einem fensterlosen Raum und versuchen, mit wenigen neuen Informationen eine frische Spur zum Langley-Attentäter zu finden. In diesen Momenten ist die Serie spannend. Und genau diese Momente müsste die Serie viel stärker ausschlachten, will sie nicht auch noch den letzten Funken Glaubwürdigkeit verspielen.
I need to make some things right
Das doppelte Spiel zwischen der CIA und der Kanzlei des Heimatlandverräters Bennett (Martin Donovan) funktioniert prächtig, bevor diese Wahrnehmung durch mehrere Entwicklungen torpediert wird. Falls wir uns in den vorigen Episoden gewundert haben, warum plötzlich Saul Berensons (Mandy Patinkin) Privatleben eine so prominente Rolle spielt, haben wir in A Red Wheelbarrow Aufklärung erhalten. Der Liebhaber von Sauls Ehefrau Mira (Sarita Choudhury), Alan Bernard (William Abadie), stellt sich als Agent der Gegenseite heraus. Der Schnitt dieser Szene lässt uns gar für einige Sekunden glauben, dass er der Attentäter ist, der gerade von Paul Franklin (Jason Butler Harner) kontaktiert wurde.

Wenn sich eine solche Volte als wahr herausgestellt hätte, wäre das meinem Computermonitor wohl sehr schlecht bekommen. Trotzdem gibt es mehrere Probleme mit der Enttarnung Bernards. Ist es nicht ein sehr gewagtes und wenig vielversprechendes Manöver, mit der Frau eines CIA-Offiziellen eine Liaison einzugehen - zu einer Zeit, in der das Ehepaar sowieso getrennt ist? Schließlich erklärte Mira ihrem Ehemann, sie habe Alan in Bombay kennengelernt. Ist es weiterhin schlau, als Liebhaber der Ehefrau zu posieren, um sich Zugang zum Haus der Familie zu verschaffen? Und wieso musste er Mira überhaupt verführen? In dieser Episode ist er ja auch einfach so in das Haus eingebrochen. Was wiederum zur letzten Auffälligkeit führt: Wieso gibt es in Sauls Haus keinerlei Sicherheitsmaßnahmen? Der Interimschef der CIA wird nicht mit allen Mitteln abgeschirmt? Das fällt wahrlich schwer zu glauben.
Das zweite große Problem, das ich mit dieser Episode hatte, war die Verbindung zur Geschichte um Nicholas Brody (Damian Lewis). Jede Erwähnung Brodys versprüht derzeit die Verzweiflung der Autoren bei ihrem Versuch, seinen Charakter annähernd glaubwürdig in die Geschichte zurückzuholen. Nun erlöst ihn der CIA-Chef höchstpersönlich aus seiner drogengeschwängerten Isolationshaft. Die Bewacher Brodys haben es sich in den letzten Wochen wohl doch anders überlegt und sich entschieden, ihre sowieso schon unerklärliche Loyalität gegenüber Brody doch gegen schnöden Reichtum einzutauschen.
An diesen Punkten hört die Brody-Problematik jedoch leider nicht auf. Auch Carries Obsession mit ihrem ehemaligen Liebhaber und Vater ihres Babys wird immer weniger nachvollziehbar. Das geht so weit, dass sie mal wieder eine hochsensible und auf monatelanger Arbeit basierende CIA-Operation gefährdet, nur um potentielle Informationen über Brodys Aufenthaltsort erhalten zu können. Peter Quinn muss schließlich wieder einmal seine gesamten Qualitäten als neuer Homeland-bad ass einsetzen, um sie mit größtmöglichem Effekt von diesem Manöver abzuhalten. Er schießt ihr kurzerhand mit einem Scharfschützengewehr in die Schulter. „Go, Quinn!“
Stay small. Stay cool. Stay out of sight. It's game time.
Dass Carrie wieder einmal ihr Leben, ihre Karriere und sogar ihr Baby - das sie laut eigener Aussage behalten will - gefährdet, um Brodys Namen reinzuwaschen, kann die Serie kaum noch glaubwürdig kolportieren. Selbst wenn sie von seiner eindeutigen Unschuld überzeugt ist, hat sie immer noch das Wissen um seine Anschlagspläne aus der ersten Staffel im Hinterkopf - wirklich unschuldig wird Brody also niemals mehr sein. Ein Hintertürchen haben sich die Autoren jedoch auch in dieser Episode offengelassen. Als Carrie angeschossen abtransportiert wird, zischt sie Quinn an: „Something is going on. None of this makes sense.“ Außerdem fragt sie nach Saul, über dessen Verbleib wir gleich in der nächsten Szene aufgeklärt werden - leider.

Der neue Handlungsstrang um Fara Sherazi (Nazanin Boniadi) fügt sich hingegen gut in die Geschichte ein. Weil sie mit der Vertuschung des Mordes an den beiden völlig unschuldigen Familienmitgliedern von Majid Javadi (Shaun Toub) durch die CIA nicht zurechtkommt, meldet sie sich krank. Die Überwachungstätigkeiten des Geheimdienstes sind jedoch so effizient, dass sofort auffällt, als sie für kurze Zeit auf dem Parkplatz über eine Rückkehr zur Arbeit nachdenkt. Wenige Stunden später steht ein CIA-Agent in ihrer Wohnung und befragt sie zu diesen Vorfällen. Im Zuge dessen bekommt ihr pflegebedürftiger Vater mit, dass sie nicht, wie behauptet, für eine Investmentbank arbeitet. Sogleich weist er sie auf die große Gefahr hin, die von ihrer Tätigkeit für die zurückgelassene Familie in der iranischen Hauptstadt ausgehe. Ihr kurzes Aperçu: „I'm an American.“
Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird dieser Handlungsstrang wieder aufgegriffen, wenn Javadi seine Spionageabwehrtätigkeiten intensiviert - sollte es überhaupt so weit kommen. Doch es scheint schwer vorstellbar, dass sich Javadi fortan als willfährige Marionette von Saul ausnutzen lassen würde. Ein Ausscheren Javadis würde wiederum dem designierten CIA-Chef Lockhart (Tracy Letts) in die Karten spielen. Der wird in einer mutigen Machtdemonstration von Saul abserviert, damit der seinen Plan für Javadi besser verkaufen kann. Dieser Teil der Geschichte funktioniert ebenfalls, so wie überhaupt einiges funktioniert in dieser neuen Episode. Wären da nicht diese vielen, kaum nachvollziehbaren und mittlerweile fast zur Gewohnheit gewordenen Handlungssprünge.
Fazit
„Javadi is the highest placed asset in the history of the agency.“ Dieser von Saul ausgesprochene Superlativ steht stellvertretend für die Problematik, an der Homeland seit nunmehr beinahe zwei Staffeln krankt. Alles muss immer noch größer, noch überraschender, noch effektvoller sein.
Dabei liegen die Stärken des Spionagedramas in dem Porträt ebendieser Spionagetätigkeit. A Red Wheelbarrow ist in den Momenten am besten, in denen diese nüchterne Agentenarbeit porträtiert wird. Zu Beginn der dritten Staffel gab es beispielsweise eine Episode, in der Fara und Saul die Geldflüsse diverser terroristischer Organisationen nachzuvollziehen versuchten. Das war bodenständig, aber interessant.
Solche Handlungsbögen ließen sich problemlos über mehrere Episoden ausbreiten, ohne Spannung und Dramatik einzubüßen. Statt minutiöser Aufarbeitung setzen die Autoren jedoch lieber auf den Effekt. Und da sie eine Agentin haben, deren nächsten Schritte kaum je vorhersehbar sind, können sie dieses Element immer weiter ausschlachten.
Die logischen Unzulänglichkeiten scheinen sie dabei wenig zu kümmern. Warum Carrie überhaupt noch in die Nähe eines solch sensiblen Einsatzes wie den gegen den mutmaßlichen Langley-Attentäter gelassen wird, entzieht sich jedweder Nachvollziehbarkeit. Das ist aber gar nicht das größte Problem, sondern eher, dass organisch in die Geschichte eingeführte Charaktere durch unvorhergesehene Volten plötzlich zu zentralen Figuren werden - das aber meistens nur für wenige Episoden.
Hierfür lassen sich alleine in der neuen Staffel viele Beispiele finden. Der Mord an Javadis geflohenen Familienmitgliedern, Carries Schwangerschaft, nun der als Agent enttarnte Liebhaber Miras und Brodys plötzliche Wiedereinführung in die Geschichte. Wären alle diese Handlungsstränge nicht erzählt worden, die Serie wäre um keinen Deut schlechter, als sie es jetzt ist - wahrscheinlich sogar besser.
Trailer zu „Homeland“ (3x09):
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. November 2013Homeland 3x08 Trailer
(Homeland 3x08)
Schauspieler in der Episode Homeland 3x08
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