Homeland 3x07

Den Titel der neuen Homeland-Episode, Gerontion, haben sich die Autoren der Serie beim britischen Schriftsteller und Dichter T. S. Eliot geborgt. In seinem gleichnamigen Gedicht aus dem Jahre 1920 beschreibt Eliot die Ansichten eines alten Mannes, der Mühe hat, mit den neuen gesellschaftlichen Realitäten eines Europa nach dem Ersten Weltkrieg zurechtzukommen. In Homeland sind Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Dar Adal (F. Murray Abraham) die alten Männer, die - zumindest aus der Sicht des designierten CIA-Direktors Andrew Lockhart (Tracy Letts) - mit den realpolitischen Gegebenheiten nicht mehr zurechtkommen.
Waiting for our time to come, gradually understanding it never would
Lockhart drückt das alles viel drastischer aus als Eliot in seinem Gedicht. Seine direkte und konfrontative Art ist einer der Gründe, warum diese Figur für mich die bisher größte Bereicherung des neuen Homeland-Ensembles darstellt. Letts ist ein hervorragender Schauspieler und sein Charakter bringt eine Drastik und Direktheit mit, die der Serie in manchen Episoden abging oder durch die immergleiche Thematisierung der Brody-Carrie-Geschichte aufgefangen werden sollte. Senator Andrew Lockhart ist jedoch ein ernst zu nehmender, mächtiger und respekteinflößender Gegenspieler für Saul und seine „Mitverschwörer“.

Zunächst steht Saul jedoch vor der Mammutaufgabe, Majid Javadi (Shaun Toub) davon zu überzeugen, sich als CIA-Agent zurück in den iranischen Geheimdienstapparat schleusen zu lassen. Während dieser Verhörszene gibt es einen sehr schönen Augenblick. Da beobachtet Carrie (Claire Danes) Saul beim Gespräch mit Javadi. Als sie Sauls Taktik durchschaut, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Dieser kurze Moment ist voller Empathie, voller Bewunderung und Zuneigung von Carrie für ihren Mentor. Danes gelingt es außergewöhnlich gut, in diese und die folgenden Sequenzen viele verschiedene Emotionen zu integrieren, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Seinen Charakter so präzise auszuformulieren, das schaffen nur die wenigsten Schauspieler.
Saul lässt Javadi also erst einmal seine Forderungen stellen, bevor er diesen eine krachende Absage erteilt (in dem Moment sehen wir Carries Lächeln). Sein Plan sieht viel eher vor, Javadi so schnell wie möglich wieder in seine Heimat zu schaffen, damit der dort fortan die Pläne des iranischen Geheimdienstes ausspionieren kann. Als Druckmittel verwendet er die 45 Millionen US-Dollar, die Javadi während seiner langjährigen Tätigkeit als stellvertretender Leiter des iranischen Geheimdienstes unterschlagen und auf ausländische Konten transferiert hatte. Saul droht, ihn gegenüber den iranischen Behörden auffliegen zu lassen, was mit großer Sicherheit die Todesstrafe nach sich ziehen würde: „I understand public hangings are back en vogue.“
Nach einer längeren Prozedur, während der weitere Parallelen zu Eliots Gedicht gezogen werden („It's the curse of old men to realize that in the end we control nothing“), gelingt es Saul schließlich, Javadi zu einer Kooperation zu überreden - oder besser: zu zwingen. Eine letzte, unerwartete Hürde muss Saul jedoch noch nehmen, denn Fara Sherazi (Nazanin Boniadi) ist überhaupt nicht damit einverstanden, Javadi mit dem Mord an seiner Exfrau und seiner Schwiegertochter entkommen zu lassen. Als er nach dem Verhör zum Transport an den Flughafen geführt wird, greift Sherazi zum Messer.
Wrong crime, right guy
In diesem Moment stand ich kurz davor, komplett vom Glauben an Homeland und an die Fähigkeiten seiner Autoren abzufallen. Ich dachte sofort an eine Szene aus 24, in der Jack Bauers Gegenspieler Stephen Saunders (Paul Blackthorne) kurz vor einer wegweisenden Aussage von Theresa Ortega (Kamala Lopez-Dawson) erschossen wird. Ähnlich unglaubwürdig wäre ein Angriff Faras auf Javadi gewesen. Zum Glück besannen sich die Autoren eines Besseren und ließen Fara nicht zur Gerechtigkeitsfanatikerin verkommen. Warum die Szene dann jedoch überhaupt gezeigt wurde, bleibt rätselhaft.

Für die Geschichte hat sie nämlich keinen weiteren Zweck, außer zu porträtieren, dass Sherazi mit der Entscheidung Sauls nicht einverstanden ist, was jedoch zuvor schon hinreichend etabliert wurde. Es bleibt zu hoffen, dass Faras Figur nicht dadurch verheizt wird, dass sie sich irgendwann gegen Saul wendet und ihn bei Lockhart anprangert. Sie ist nämlich neben Lockhart die zweite gelungene Neubesetzung der dritten Staffel. Sie hinterfragt also die Sinnhaftigkeit ebenjener CIA-Methoden, die auch Lockhart in der Episode The Yoga Play gegenüber Saul anprangerte („The old games have proven less and less effective. Obsolete even. Certain categories of clandestine operations. Double agents, coat-trailing, stimulated defections.“).
Fara kommen diese Zweifel viel früher in ihrer Karriere als Peter Quinn (Rupert Friend) in seiner. Der muss erst den Befehl erhalten, die zwei Morde durch Javadi auf sich und dadurch der örtlichen Polizei den Wind aus den Segeln zu nehmen. Daraufhin darf er sich vom führenden Ermittler auch noch eine Standpauke über die Praktiken der Geheimdienste anhören: „Have you ever done anything but make things worse?“
Wie sonst so vieles kann Quinn diese Erlebnisse nicht so einfach abschütteln. Carrie eröffnet er schließlich, dass er über einen Ausstieg nachdenkt: „You know what else I realized? Just how through I am with this, the CIA. I just do not believe it anymore.“ Carrie lässt das alles erst einmal unkommentiert, denn sie hat von Javadi kurz zuvor brandheiße Hinweise zum Langley-Attentäter erhalten. Der befinde sich angeblich noch im Land. Überdies sei es nicht Brody (Damian Lewis) gewesen, der die letzten Schritte des Anschlagsplans ausgeführt habe. Angesichts der neuen Informationen gibt sich Quinn schnell geschlagen und signalisiert seine Bereitschaft zur weiteren Mitarbeit: „Sure, Carrie. Whatever you need.“
Fazit
Die Lücke, die durch die Abwesenheit der Brody-Familiengeschichte in Gerontion hinterlassen wurde, wollten die Autoren wohl nicht gänzlich unausgefüllt lassen. Also erfanden sie ein Szenario, in dem Saul von seiner Ehefrau Mira (Sarita Choudhury) betrogen werden würde. Das Problem dabei ist, dass Homeland bisher nicht annähernd genug Zeit für die Thematisierung von Sauls Ehe aufgebracht hat und mir als Zuschauer damit die emotionale Bindung zu dieser Beziehung fehlt.
Ansonsten war ich sehr glücklich über die Ausrichtung der neuen Episode. Zwar erreichte das Verhör zwischen Saul und Javadi nicht die gleiche Intensität wie das zwischen Carrie und Brody in Q&A. Trotzdem kann eine Rückbesinnung auf die Kerngeschichte - bipolare Agentin jagt Terroristen - der Serie nur guttun. Das war es doch, was uns alle an Homeland immer am meisten faszinierte.
Einige Zuschauer würden hier sicherlich auch die Beziehung zwischen Carrie und Brody anführen. Doch diese ist spätestens seit dem Ende der zweiten Staffel auserzählt. Brody wird wohl in der neuen Staffel noch einmal einen Auftritt bekommen, zu offensichtlich sind die Hinweise auf Caracas, den momentanen Aufenthaltsort Brodys. Vielleicht wird er ja auch als geläuterter und schuldbefreiter Mann aus dem Exil zurückkehren können, nachdem Carrie seine Unschuld bewiesen hat.
Für diesen Fall würde ich mir wünschen, dass die Autoren nicht wieder zur unsäglichen Beziehung zwischen Carrie und Brody zurückkehren. Vielleicht könnte ja Quinn den Brody-Ersatz spielen. Oder war ich etwa der einzige, der zwischen ihm und Carrie eine gewisse sexuelle Spannung festgestellt hatte? Würden sie dann gemeinsam Carries Baby aufziehen? Sie ist nämlich wohl tatsächlich schwanger. Zumindest habe ich ihren morgendlichen Brechanfall so interpretiert. Ohne diesen Handlungsbogen würde ich Homeland tatsächlich noch in dieser Staffel eine Rückkehr zu alter Stärke zutrauen.
Hier noch ein Trailer zur nächsten Episode von „Homeland“, „A Red Wheelbarrow“ (3x08):
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 11. November 2013(Homeland 3x07)
Schauspieler in der Episode Homeland 3x07
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?