Homeland 3x06

Viel passiert eigentlich gar nicht in der neuen Episode von Homeland. In ruhigem Erzähltempo scheint sich Still Positive auf die einstigen Stärken der Dramaserie zu besinnen. Da wird die bisweilen quälend langweilige Geheimdienstarbeit porträtiert, inklusive des Einsatzes von Drohnen im Inland. Dies passiert in der Realität sicherlich ebenso, wird in der politisch-medialen Diskussion jedoch beinahe vollständig ausgeblendet zugunsten einer Berichterstattung über Drohnenangriffe auf Terrorverdächtige im Ausland. In diesen nachdenklichen Momenten schafft Homeland das, was es in der ersten Staffel schon stark gemacht hatte: einen stillen Kommentar zu Überwachungsmethoden und -exzessen der amerikanischen Geheimdienste.
This is just the fucking beginning
Trotz des gemächlichen Erzähltempos gerät die Folge zu diesem Zeitpunkt keineswegs langatmig. Sie enthüllt vielmehr die Einzelheiten des genauen Plans von Saul (Mandy Patinkin) und Carrie (Claire Danes). Doch schon hier beginnt sich die dramaturgische Stringenz langsam zu verabschieden. Am Ende der letzten Episode gab es einen Cliffhanger, der den Zuschauer im Glauben zurückließ, Javadi (Shaun Toub) könnte Carries Plan durchschaut haben. Für seine Anspielung auf Carries Yogaausflug sehe ich sonst keine andere plausible Erklärung. Dies wird jedoch zu Beginn der neuen Episode nicht wieder aufgenommen und hatte wohl nur den Zweck, den Zuschauer mit einem weiteren Schockmoment aus der Episode zu entlassen. Das Drehbuch erlaubt sich in der neuen Staffel allzu oft solche dramaturgisch wenig nachvollziehbaren Ausflüge.

Um nun so etwas wie eine Vertrauensbasis zwischen sich und Carrie zu schaffen, lässt Javadi sie an einen Lügendetektor anschließen und befragt sie. Als der Detektor sie zum ersten Mal als vermeintliche Lügnerin entlarvt, bricht Carrie eigenmächtig den Test ab und konfrontiert Javadi mit ihrem Wissen über ihn. In einer früheren Episode hatte Fara Sherazi (Nazanin Boniadi) herausgefunden, dass Javadi Gelder veruntreut und an seinen Vorgesetzten vorbei ins Ausland geschleust hatte. „You are now an enemy of your own state“, stellt Carrie daraufhin treffend fest und will Javadi fortan als Doppelagenten gegen seine eigenen Auftraggeber einsetzen. Er scheint sich auf den Deal einlassen zu wollen. Um jedoch seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen, soll Carrie den üblichen Gepflogenheiten seiner Informanten folgen und ihm Geheimdienstinformationen über die Anschläge auf sechs Terrorführer (zu Beginn der Staffel) zuspielen.
So weit, so plausibel. Was folgt, kann jedoch getrost als vorzügliches Beispiel dafür angeführt werden, dass die Autoren seit dem Ende der ersten Staffel nicht mehr richtig wissen, wie sie ihre Charaktere mit neuen spannenden Geschichten ausstaffieren sollen. Das geplante Treffen zwischen Javadi und Carrie lässt ihr Zeit, sich zu Hause für wenige Stunden zu erholen. Dabei erfährt sie von Saul, dass dessen Überwachungsteam ihre Spur verloren hatte und sie auf sich allein gestellt war. Die Information steckt Carrie erstaunlich locker weg - wahrscheinlich, um Platz zu machen für die kommende, wahrlich hanebüchene Enthüllung: Carrie ist schwanger!
Wenn es jemals einen Prototyp für ein unglaubwürdiges Deus-ex-Machina-Szenario gegeben haben sollte - hier ist er. Ähnlich wie die Wendung am Ende von Game on machen es sich die Autoren hierbei viel zu einfach. Eventuell verfolgen sie damit das Ziel, eine neue Verbindung zwischen Brody (Damian Lewis) und Carrie herzustellen. Diese neue Entwicklung ist jedoch an Unplausibilität kaum zu überbieten. Die Schublade voller positiver Schwangerschaftstests bedeutet schließlich nichts anderes, als dass Carrie seit Wochen oder gar Monaten weiß, dass sie schwanger ist. Sie wusste es demnach, als sie sich für Sauls Plan als Köder hat instrumentalisieren lassen, als sie sich wahllos betrank oder Sex mit Fremden hatte. Außerdem wusste sie es, als sie in die Psychiatrie eingeliefert wurde und ihre Schwangerschaft dort mit ziemlicher Sicherheit festgestellt worden sein müsste.
I can't live this life anymore
Die zweite Storyline dieser Episode, mit der ich große Probleme hatte, war Javadis unerwarteter Ausflug zu seiner Familie. Zuvor hatte Saul gegenüber Fara durchblicken lassen, dass er und Javadi vor der iranischen Revolution im Jahre 1979 miteinander gearbeitet hatten. Im Zuge der Revolution hatte Javadi Saul jedoch hintergangen, um seine eigene Position im Geheimdienstapparat des neuen Regimes zu festigen. Damals hatten vier iranische Informanten Sauls wegen Javadis Betrug mit dem Leben bezahlen müssen. Um Rache an Javadi zu üben, hatte Saul dessen Familie die Flucht in die USA ermöglicht. Was dieser kleine trip down memory lane erzielen sollte, war die Erkenntnis beim Zuschauer, dass sich Saul und Javadi kennen und glauben, die nächsten Schritte des jeweils anderen vorhersehen zu können.

Was dann folgt, hat nur einen einzigen Zweck: zu zeigen, wie falsch Saul mit seiner Einschätzung gelegen hat und wie schnell solche Fehler Menschenleben fordern können. Javadi macht auf dem Weg zum Treffpunkt mit Carrie nämlich einen kleinen Abstecher zum Haus seiner Exfrau und deren Schwiegertochter. Dort ermordet er beide auf höchst brutale Art und Weise. Bei der Sichtung der Episode war ich kurzzeitig erfreut über diesen überraschenden Schockmoment. Schnell stellte sich jedoch das Gefühl ein, dass die Szene keinem anderen Zweck diente als dieser kurzen Aufrüttelung des Zuschauers. Weiterhin zeigt die Szene auf, dass Saul und der Rest der CIA einfach keinen guten Job machen. Sie hätten nämlich unbedingt antizipieren müssen, dass Javadi Ressourcen und Chancen nutzt, um Rache an seiner Familie zu üben, vor allem angesichts dieser Einordnung Sauls: „I watched a man I thought I knew become an animal.“
Die dargestellte exzessive Gewalt dient ebenso nur dem Zweck des Schocks. Außerdem berauben sich die Autoren mit der gesamten Sequenz der Möglichkeit, das doppelte Doppelagentenspiel zwischen Carrie, Saul, Javadi und dessen Auftraggebern weiterzuspinnen. Javadi befindet sich nun in Haft, Saul wird zum Prügelknaben und der designierte CIA-Direktor Lockhart (Tracy Letts) bekommt weitere Rückendeckung für sein Vorhaben, Saul und Carrie aus dem Verkehr zu ziehen. Diese Episode schafft es leider wieder nicht, die dramaturgische Stoßrichtung von Homeland zu korrigieren. Langsam schwindet die Hoffnung, dass dies jemals geschieht.
Fazit
Mit Still Positive leisten die Autoren von Homeland einen erzählerischen Offenbarungseid. Statt sich auf die Konstruktion einer stringenten Spionagegeschichte zu konzentrieren, verlieren sie sich in immer neuen, immer weniger nachvollziehbaren plot points und Nebenhandlungen.
Es reicht scheinbar nicht mehr, dass Topterrorist Javadi nun in den USA weilt und als Doppelagent instrumentalisiert werden könnte. Er muss auch noch als blutrünstiger Mörder charakterisiert werden. Zuvor machte Javadi den Eindruck, er könne seine persönlichen Gefühle ausklammern und sich auf das Gelingen der Operation konzentrieren. Mit dem Mord an Mitgliedern seiner ehemaligen Familie macht er sich jedoch so angreifbar wie sonst durch keine andere vorstellbare Handlung. Und zu Carries Schwangerschaft habe ich mich im Text schon zur Genüge ausgelassen.
Die Autoren entscheiden sich in der neuen Staffel an jeder neuen Weggabelung für die offensichtlich falsche Möglichkeit. Dass sie es auch anders können, zeigt die kurze Szene zwischen Lockhart und Dar Adal (F. Murray Abraham). Ich war mir über den kompletten Verlauf dieser Szene nicht bewusst, auf wessen Seite Adal nun wirklich steht - übrigens auch nicht bei dem darauffolgenden Telefonat zwischen Adal und Saul. Adal ist solch ein interessanter Charakter, gespielt von einem großartigen Schauspieler. Warum man Abraham erst zum Hauptdarsteller befördert und dann so wenig Spielzeit zugesteht, bleibt mir ein Rätsel.
Selbiges gilt auch für Boniadi als Fara Sherazi und Rupert Friend als Peter Quinn. Der hatte in der Auftaktepisode mehrere tolle Szenen als potentieller neuer Jack Bauer. An seinem Charakter hätten die Autoren ihre 24-Faszination abarbeiten können. Es hätte niemanden gestört. Nun muss jedoch die gesamte Serie unter unplausiblen Plottwists leiden. Das Material für spannende Agententhriller ist schließlich zuhauf vorhanden, man muss nur die Abendnachrichten einschalten. Die Homeland-Autoren scheinen leider blind durch die Welt zu laufen.
Fast hätte ich es vergessen: Dana (Morgan Saylor) lässt übrigens ihren Namen ändern und zieht von zu Hause aus. Und der Beamte des Einwohnermeldeamtes will zukünftig für sie beten. Ach, Homeland...
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 4. November 2013(Homeland 3x06)
Schauspieler in der Episode Homeland 3x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?