Homeland 3x04

Game On, so heißt die neue Episode von Homeland und nach dem Ende ist klar: Jetzt geht die Staffel, jetzt geht das Spiel erst richtig los. Denn da kommt es zu einer Wendung, die mich völlig unvorbereitet getroffen hat. Zuvor war dargelegt worden, wie Carrie Mathison (Claire Danes) eine radikale Umkehr vollzogen hatte und sich fortan von Amerikas Gegenspielern instrumentalisieren lassen würde. Diese weitere Entwicklung wäre zwar ärgerlich, weil wenig glaubwürdig gewesen, hätte sich jedoch kohärent in die Geschichte einfügen lassen.
You are radioactive, Carrie
Die längste Szene der neuen Episode wird nämlich der vermeintlichen „Umkehr“ Carries gewidmet. Darin überredet der Partner einer Anwaltskanzlei, Leland Bennett (Martin Donovan), Carrie augenscheinlich dazu, sich gegen ihr Heimatland zu wenden. Sie hatte zwar einst geschworen, dieses zu beschützen. Das Land hatte sie dann jedoch rigoros fallen gelassen, gerade zu einem Zeitpunkt, da sie Hilfe am nötigsten gehabt hätte. An genau diesem Punkt setzt Bennett an und weiht sie in die Technik des „Controversializing“ ein. Dabei werde ein missliebiger Staatsbediensteter so lange medial diskreditiert, bis seine Glaubwürdigkeit völlig zerstört sei. Statt sich dem Versagen der Institutionen zu widmen, würde alle Konzentration auf eine Person gelenkt: „They're turning you into the story.“

„It's about sex between a bipolar CIA officer and her brainwashed boyfriend.“ Was durchaus als wenig schmeichelhafte „Tagline“ für Homeland an sich herhalten könnte, wird von Bennett zur vermeintlichen Überredung genutzt. Carrie werde erst öffentlich zum Paria gemacht und dann, irgendwann, sogar umgebracht. Nach langem Zögern und Nachdenken nimmt sie schließlich an und stellt mehrere Bedingungen. Sie werde keine früheren Kollegen und keine verdeckt ermittelnden Agenten verraten. Außerdem werde sie mit dem Kunden der Firma, dem iranischen Terrorführer Majid Javadi (Shaun Toub), nur von Angesicht zu Angesicht sprechen, ohne die Anwesenheit von Mittelsmännern der Kanzlei.
Bennett nimmt die Bedingungen an und versteigt sich im Angesicht seiner vermeintlich erfolgreichen Überzeugungsarbeit zu folgender Einschätzung: „Maybe you two can come to a mutual agreement. Make the world right. Save us all.“ Carrie hat - immer noch in character, aber gleichzeitig die Wahrheit sprechend - dafür nur harsche Worte übrig: „Fuck you.“
Eine ähnliche Reaktion hat das überraschende Ende der Episode wohl bei vielen empörten Zuschauern hervorgerufen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dürfte es in den kommenden Tagen wieder zu heißen Diskussionen über die nun vorgegebene Richtung von Homeland in seiner dritten Staffel kommen. Mir hat die abschließende Wendung sehr gut gefallen, vor allem, weil sich die Serie nun endlich entschlossen hat, wohin die Reise zukünftig gehen soll. Carrie und Saul (Mandy Patinkin) werden wieder zum Team und jagen Terroristen, nur dieses Mal ohne die spätestens in der zweiten Staffel quälende Geschichte um die Beziehung zwischen Carrie und Brody. Die Serie wird wieder zu ihrer Kernerzählung zurückkehren, was an dieser Stelle uneingeschränkt begrüßt wird.
You're an amazing person, Carrie Mathison
Trotzdem muss einige Kritik an diesem Twist geübt werden, denn Logik- und Realismusansprüche bleiben dabei auf der Strecke. Zum einen war Carrie schon diskreditiert, als Saul den Abschussbefehl gegen die sechs Terroristen gab. Wie kann sie also Informationen darüber weitergeben, wenn sie doch gar keinen Zugang zu diesen Informationen gehabt haben kann? Weiterhin konnten Saul und Carrie unmöglich sämtliche Variablen ihrer deep cover-Aktion einberechnen und vorherbestimmen. Seien dies nun die involvierten Journalisten, Carries Verwandte, die Entscheidungsträger der Psychiatrie oder die Richter des Berufungsgerichts, das schließlich Carries sofortige Entlassung anordnete. Außerdem stellt sich die Frage, ob ein lokales Berufungsgericht wirklich die Macht hat, in Fragen der nationalen Sicherheit eine Anordnung einer der mächtigsten amerikanischen Bundesbehörden aufzuheben?

Zugegeben, über den Großteil der Episode ärgerte ich mich. Dies lag vor allem an der möglichen neuen Ausrichtung der Serie, wäre es am Ende nicht zu besagter Wendung gekommen. Die Alternative wäre nämlich gewesen, dass Carrie fortan für die Gegenseite gearbeitet hätte, was an sich schon einen wenig glaubwürdigen Handlungsfortgang nach sich gezogen hätte. Carrie hätte sich noch mehr in ihrer Welt aus Paranoia und Angst verloren, ihre Dekonstruktion wäre noch viel schneller und unbarmherziger verlaufen. Außerdem wäre Homeland vollends zum paranoiden Verschwörungsthriller à la „Enemy of the State“ geworden, was allerdings angesichts aktueller weltpolitischer Entwicklungen (Edward Snowden, Prism, Julian Assange, Wikileaks) auch seinen Reiz und seine Berechtigung gehabt hätte.
Eine solche Beobachtung hätte jedoch weggeführt von der generellen dramaturgischen Ausrichtung der Serie. Im Kern war und ist Homeland die Geschichte einer begabten CIA-Agentin, die Terroristen jagt und sich dabei sämtlicher Mittel bedient, die der Staat ihr zur Verfügung stellt. Anhand dieser Geschichte wurde bisher - besonders gelungen in der ersten Staffel - aufgezeigt, an welchen Stellen die staatliche Terrorabwehr über das Ziel hinausschießt. Würde nun Carrie zur Gegenspielerin der CIA, so würde die Organisation vollends in die Ecke der pauschal als „böse“ abgeurteilten staatlichen Institutionen gerückt. Solche Geschichten haben wir wahrlich schon zur Genüge gesehen.
Fazit
Die neue Episode von Homeland endet mit einem echten Paukenschlag - und dürfte die Lager von Befürwortern und Kritikern der Serie weiter spalten. Dramaturgisch war die Wendung am Ende von Game on ein gelungener Kunstgriff, besonders plausibel ist dieser jedoch nicht.
Für mich hat das Ende der Episode aus zwei Gründen funktioniert. Zum einen wurde damit endlich etabliert, worum sich die Handlung der neuen Staffel eigentlich drehen wird. Zum anderen kehrt Carrie damit wieder zu ihrer Rolle zurück, in der ich sie immer am liebsten gesehen habe: die der hartnäckigen, gerissenen und überzeugten, gleichzeitig jedoch psychisch instabilen Terrorbekämpferin. Die Alternative hätte das genaue Gegenteil bedeutet: Carrie schnappt vollends über und arbeitet fortan für die Gegenseite.
Eine solche Entwicklung wäre noch weniger plausibel gewesen als die nun dargestellte. „I'm not a traitor“: Einmal kurz sagt Carrie im Gespräch mit Leland Bennett die Wahrheit. Sie ist charakterlich immer noch stark genug, um sich nicht von der Aussicht auf vermeintliche Freiheit und ein großzügiges Honorar verführen zu lassen.
Mit dem Abschied Brodys am Ende der letzten Staffel war abzusehen, dass es ein holpriger Start in die neue Staffel werden würde. Die Dynamik zwischen Carrie und ihm hatte die Serie lange Zeit getragen - in der ersten Staffel gelungener als in der zweiten. Homeland war beinahe dazu gezwungen, sich eine neue dramaturgische Ausrichtung zuzulegen. Dass die Autoren jetzt versuchen, an die herausragende erste Staffel anzuknüpfen, ist durchaus begrüßenswert.
Eine Frage bleibt dabei offen: Was wird mit Brody passieren? Wie man in der letzten Episode gesehen hat, haben sich die Autoren mit dem Verbleib seiner Figur keinen Gefallen getan. Angeblich hätte der Charakter sogar schon am Ende der ersten Staffel sterben sollen, angesichts überragender Beliebtheitswerte hätten die Senderverantwortlichen von Showtime den Autoren jedoch diktiert, Brody überleben zu lassen.
Nun ist zu hören, dass die Autoren verzweifelt nach einem vernünftigen Weg suchen, um Brody aus der Serie zu schreiben. Sein Darsteller Damian Lewis hat eigentlich einen Vertrag über sieben Staffeln, welchen er sicherlich nicht erfüllen wird. Den Mitgliedern seiner Serienfamilie könnte dies jedoch durchaus gelingen, wenngleich die Geschichte um den renitenten Teenager Dana (Morgan Saylor) doch sehr stark an ihren Handlungsbogen in der zweiten Staffel (Wer kennt noch Finn Walden?) erinnert. Dank Saylors überzeugendem Spiel sind jedoch auch diese Szenen sehenswert: „We are here, because this is where it happened. The last true thing he ever said to me: Goodbye.“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 21. Oktober 2013(Homeland 3x04)
Schauspieler in der Episode Homeland 3x04
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