Homeland 3x03

Homeland 3x03

Knapp 3.000 Meilen Luftlinie liegen zwischen Caracas und Washington, D.C. Trotzdem schaffen es die Autoren von Homeland, die neue Episode ausschließlich um Brody und Carrie herum zu modellieren.

Brody (Damian Lewis) scheint - im Gegensatz zu uns Zuschauern - die Richtung der neuen Staffel zu kennen. / Foto (c) Showtime
Brody (Damian Lewis) scheint - im Gegensatz zu uns Zuschauern - die Richtung der neuen Staffel zu kennen. / Foto (c) Showtime

Selten kommt es vor, dass ich mich nach Sichtung einer Episode einer meiner favorisierten Dramaserien erschöpft fühle. Nach Tower of David war dies jedoch der Fall. Die gesamte Episode erzählt eine Geschichte, die man auch in weniger als der Hälfte der Zeit hätte abhandeln können. Die Autoren entschieden sich jedoch dazu, diverse Szenen wiederholt zu zeigen und die einzigen beiden Handlungsstränge bis ins kleinste Detail auszuformulieren. Aus dieser Episode nehmen die Zuschauer genau zwei Erkenntnisse mit. Erstens: Brody befindet sich gegen seinen Willen in Gefangenschaft. Zweitens: Carrie befindet sich gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Heilanstalt.

You're never safe

Beides sind Plot Points, die in Homeland schon mehr als genug durchexerziert wurden. Nach der überraschend dynamischen Auftaktepisode der dritten Staffel stellt sich nun wieder einmal die Frage, wohin diese Serie, die so eine überzeugende und mitreißende Premierenstaffel ablieferte, eigentlich steuert. Tower of David dreht sich jedenfalls im Kreis. Am Ende sind wir Zuschauer um keine wichtige Erkenntnis reicher, die Geschichte wurde keinen Millimeter weitererzählt. Die Episode deshalb als Lückenfüller zu bezeichnen, wäre da schon fast eine Untertreibung.

%26bdquo;We%26#039;re walking with a cane.%26ldquo; Bei diesem Ausspruch konnte sich der Autor ob der Redundanz der Szene das Lachen nicht verkneifen. Foto © Showtime
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Als wäre das nicht schon genug, hinterlässt die Episode uns auch noch mit einem unbestimmbaren negativen Gefühl. Es wird zunehmend schwerer, Carrie (Claire Danes) bei ihrem verzweifelten Kampf gegen ihre inneren Dämonen zu beobachten. Nun bekommt auch noch Brody (Damian Lewis) seine eigene Leidensgeschichte. Diese ist durchaus mitreißend inszeniert - und einer der wenigen Höhepunkte dieser Episode. Seine Schmerzen nach einem Bauchschuss sind für den Zuschauer beinahe physisch erfahrbar. Brodys schmerzverzerrte Schreie, die Kamera, die sich ihm immer wieder bis auf wenige Zentimeter nähert - all das trägt zur gelungenen Inszenierung bei. Doch wird für diesen Handlungsstrang eindeutig zu viel Zeit aufgewendet. Nach ungefähr 20 Minuten dachte ich, dies würde eine reine Brody-Episode, bis dann nach 30 Minuten die Handlung zum ersten Mal nach Washington zu Carrie sprang.

Wäre es den Autoren gelungen, die Geschichte voranzutreiben, neue Charaktere zielführend vorzustellen, alten Charakteren neue Facetten zu geben oder einfach einen neuen Gegenspieler einzuführen - die brutal langsame Inszenierung der Episode hätte damit entschuldigt werden können. So jedoch bleibt alles beim Alten. Bis auf zwei minimale Neuerungen: Brody wird heroinabhängig und ergibt sich scheinbar in sein Schicksal. Und Carrie hat immer noch den alten Agenteninstinkt in sich, als sie den mutmaßlichen Plan ihres Besuchers zu durchschauen glaubt. Trotz anfänglichen Hoffnungsschimmers gelingt es ihr jedoch nicht, ihren Ärzten und Betreuern wenigstens vorzuspielen, dass es ihr wieder bessergehe.

So bleibt alles beim Alten. Was eigentlich eine kuriose Feststellung ist angesichts der Tatsache, dass Brody zum ersten Mal in der neuen Staffel auftaucht. Dabei birgt sein Handlungsstrang durchaus Potenzial für interessante Entwicklungen. Wer sind die Männer, die ihn beschützen und gleichzeitig gefangen halten? Wer ist der furchteinflößende Arzt? Warum liefern ihn die Männer nicht einfach aus und kassieren die 10 Millionen Dollar Preisgeld? Die hier angebrachte Erklärung, ihm schulde eben jemand einen Gefallen, greift viel zu kurz und gerät äußerst dürftig. Wenn El Nino (Manny Perez) ihm einen Gefallen schuldet und ihn vor der Ergreifung bewahrt, warum hält er ihn dann gefangen? Was kann es nur für einen besseren Grund geben, als sich 10 Millionen Dollar auszahlen zu lassen?

This is it for you

Jedenfalls scheint Brody irgendeinen Wert für die venezolanische Bande zu haben, also wird er im Keller eines unfertigen und deshalb von Obdachlosen und Armen okkupierten Hochhauses unter notdürftigem Licht zusammengeflickt. Der Arzt (gespielt vom großartigen Erik Todd Dellums, der schon den Gerichtsmediziner Dr. Randall Frazier in The Wire porträtierte) ist neben El Nino der Einzige, der halbwegs flüssiges Englisch spricht - große Teile der Episode finden ohne Untertitel auf Spanisch oder Arabisch statt. Dafür ist sein Charakter umso verstörender. Er kümmert sich um Brodys körperliches Wohlergehen. Geistig scheint er ihn jedoch zu foltern. Außerdem verabreicht er ihm solange Heroin als Schmerzmittel, bis Brody am Ende scheinbar willenlos selbst zur Spritze greift.

A propos Redundanz: Carrie (Claire Danes); traurig. Mal wieder. Foto © Showtime
A propos Redundanz: Carrie (Claire Danes); traurig. Mal wieder. Foto © Showtime

Zwischendurch wird Brodys Genesungsprozess in mehreren Zeitsprüngen abgehandelt, bis er beschließt, unter Mithilfe seiner verboten gutaussehenden Pflegerin (Martina Garcia) die Flucht zu ergreifen. Ms. Hottie McHot ist übrigens die Tochter von El Nino. Warum sie Brody überhaupt bei der Flucht hilft, bleibt ebenfalls unklar. Genau wie ihre Motivation für die Bitte, sie mitzunehmen. Vielleicht, weil er ihr Englisch beigebracht hat? Vielleicht hat sie noch mehr Angst als wir Zuschauer vor dem leicht pädophil wirkenden Dr. Seltsam? Immerhin liefert sie - oder besser: ihr Aussehen - einen Grund dafür, sich als Zuschauer darüber zu freuen, dass Brodys „Flucht“ von nicht allzu langer Dauer war. Wenn wir nun aber schon so weit sind, uns bei Homeland über attraktive Schauspielerinnen zu freuen, dann sagt das viel über die Qualität der neuen Episode aus.

Natürlich ist das Scheitern von Brodys Fluchtversuch viel eher ein großes Ärgernis, bringt es die Geschichte doch wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Dort hat Brody die vage und kaum nachvollziehbare Hoffnung, irgendwie mit Carrie in Kontakt treten zu können. Diese Hoffnung wird von El Nino jäh zerstört: „Carrie won't save you. No one will.“ Noch schwerer wirkt dabei, dass Carrie selbst keinerlei Gedanken an Brody zu verschwenden scheint. Ihre Schizophrenie scheint sich teilweise auf die Autoren übertragen zu haben: Mit ihrer Brody-Storyline tappen sie völlig im Dunkeln. Genau wie wir Zuschauer nach dieser Episode. „You will eat here, sleep here, shit here, die here.“ Und warum sollen wir dabei zuschauen?

Fazit

Zu Beginn der neuen Episode war ich noch gefesselt. Brodys Überlebenskampf war packend inszeniert, die dargestellte Körperlichkeit sorgte für eine beinahe greifbare physische Präsenz von Damian Lewis.

Er und Claire Danes liefern hier wieder einmal überragende schauspielerische Leistungen ab. Doch leider führen diese Darstellungen nirgendwohin. Die Geschichte kreist um sich selbst, die Schmerzgrenze der erträglichen Carrie-stürzt-in-den-Wahnsinn-Dramatik kommt gefährlich nahe.

Warum nicht dort anknüpfen, wo die erste Episode begonnen hatte? Wo sind die überzeugenden Gastdarsteller aus Tin Man Is Down? Warum nicht die Jagd auf die CIA-Attentäter zeigen? Warum nicht die politischen Verwicklungen weiter skizzieren? Warum nicht Quinn als Black-Ops-Agent von der Leine lassen?

In der zweiten Staffel konstruierten die Autoren von Homeland zu viele unglaubwürdige Wendungen. In Tower of David wäre ich froh gewesen, eine überraschende Wendung zu sehen, Hauptsache, es wäre irgendetwas passiert. So tritt die Serie leider auf der Stelle und verspielt fast den Kredit, den sie mit den ersten beiden Episoden aufgebaut hatte. Wo soll die Reise hingehen? Wir wissen es nicht. Es steht zu befürchten, dass es die Autoren selbst auch nicht wirklich wissen.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 14. Oktober 2013
Episode
Staffel 3, Episode 3
(Homeland 3x03)
Deutscher Titel der Episode
Endstation Caracas
Titel der Episode im Original
Tower of David
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 13. Oktober 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 23. März 2014
Autoren
Henry Bromell, William Bromell
Regisseur
Clark Johnson

Schauspieler in der Episode Homeland 3x03

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