Homeland 3x02

Homeland 3x02

Auch die zweite Episode der neuen Homeland-Staffel weiß durch alte Qualitätsmerkmale zu überzeugen. Carrie Mathisons langsames Abgleiten in den Wahnsinn begeisterte den Rezensenten so sehr, dass er sein Fazit des letzten Reviews überdenken muss.

Dana Brody (Morgan Saylor) taucht tiefer in die Gedankenwelt ihres Vaters ein. / (c) Showtime
Dana Brody (Morgan Saylor) taucht tiefer in die Gedankenwelt ihres Vaters ein. / (c) Showtime

Die Motivationen mehrerer Charaktere in der neuen Episode von Homeland bleiben weitgehend im Unklaren. Dies gilt sowohl für Saul Berenson (Mandy Patinkin) als auch für Peter Quinn (Rupert Friend). Beide behaupten, Carrie Mathison (Claire Danes) beschützen und helfen zu wollen. Doch wollen sie das wirklich? Oder versuchen sie, Carrie als Sündenbock für jegliche Verfehlungen der CIA abzustempeln?

I'm the only one who got it right

Carrie macht es ihren Fürsprechern, allen voran ihrem Vater Frank (James Rebhorn) und ihrer Schwester Maggie (Amy Hargreaves), aber auch sichtlich schwer, sie nicht vor sich selbst schützen zu wollen. Sie hat aufgehört, ihre verschriebenen Psychopharmaka einzunehmen, sie neigt zu sprunghaftem Verhalten, sie brüllt, schlägt um sich, will mit dem Kopf durch die Wand. Leider ist es nun wieder so, dass sie diejenige ist, die die ganze Wahrheit zu kennen scheint und abermals davon abgehalten wird, diese lückenlos aufzudecken.

Freund oder Feind? Carrie (Claire Danes) kann sich bei Saul (Mandy Patinkin) nicht mehr sicher sein. © Showtime
Freund oder Feind? Carrie (Claire Danes) kann sich bei Saul (Mandy Patinkin) nicht mehr sicher sein. © Showtime

Nachdem Saul sie in der letzten Episode in aller Öffentlichkeit für die Anschläge auf das CIA-Hauptquartier zumindest teilweise verantwortlich gemacht hatte, sieht Carrie keinen anderen Ausweg, als mit ihren letzten verbliebenen Waffen - ihrem Geheimwissen - zurückzuschlagen. Also wendet sie sich an eine Journalistin, der sie die ganze Wahrheit über ihre Beziehung zu Nicholas Brody (Damian Lewis) anvertrauen möchte. Doch Saul und sein Adjutant Dar Adal (F. Murray Abraham) sind schon einen Schritt weiter und lassen eine psychiatric detention order gegen Carrie ausstellen, um sie rechtzeitig vom Verrat nationaler Sicherheitsbelange abzuhalten.

Die Aktion verstärkt Carries Paranoia um ein Vielfaches, sie wird doch tatsächlich in Handschellen an ein Krankenbett gefesselt und von einem recht zwielichtigen Arzt zu ihrer Selbstbehandlung befragt. Verzweifelt versucht sie, den Ärzten, den Richtern, ihren Freunden, Verwandten und Kollegen klarzumachen, dass sie eben nicht wahnsinnig geworden sei und dass eine Rückkehr zu ihren Medikamenten sie in ihrer Handlungsfähigkeit einschränke. Ihre emotionale, aufgewühlte Art lässt die Umstehenden jedoch daran zweifeln, dass es ihr geistig gut gehen könnte. Dana Brody (Morgan Saylor) spricht stellvertretend für Carrie aus, was diese schon immer denkt: „We're not defective. It's everything out there.

Im Fazit des letzten Reviews hatte ich geschrieben, dass ich mir eine Abkehr von der dauernden Thematisierung von Carries Psychoproblemen wünschen würde. Von dieser Meinung muss ich nach Sichtung von Uh... Oh... Ah... abrücken. Ohne Carries Verzweifeln, Carries Wahnsinn, Carries überbordender Emotionalität wäre Homeland einfach nicht die gleiche Serie. Danes' Darstellung ist teilweise schmerzhaft anzusehen, macht aber einen Großteil der serienspezifischen Dramatik aus.

She didn't lose it. We did that to her.

Carrie ist derweil nicht die einzige, die mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Der Handlungsbogen rund um Familie Brody ist der bisher stärkste der neuen Staffel. Dies kann durchaus als Wiedergutmachung der Autoren für den sehr schwachen Erzählstrang von Dana Brody (Morgan Saylor) aus der zweiten Staffel angesehen werden. Die schauspielerische Leistung von Saylor muss hier besonders hervorgehoben werden. Als diejenige, die sich zwischen den beiden Staffeln versucht hatte, das Leben zu nehmen, avanciert sie nun zum stärksten Mitglied der übriggebliebenen Familie.

Dana (Morgan Saylor) kann das Leben wieder genießen. © Showtime
Dana (Morgan Saylor) kann das Leben wieder genießen. © Showtime

Ähnlich der Carrie-Situation scheint jeder außer Dana selbst besser zu wissen, was gut für sie ist. In einem grandiosen Monolog schafft sie es jedoch, die mütterlichen Fesseln zu sprengen: „It wasn't a cry for help. I didn't want anyone's attention. I wanted to kill myself.“ Aber: „Now I want to be alive.“ Den Grund für das Fastauseinanderbrechen der Familie verortet sie folgendermaßen: „I am not crazy. Leo is not crazy. And in case you're wondering: Neither are you. Dad was crazy. He was a psycho who did nothing but lie from the moment he set foot in our house and he ruined our lives.“ Bei so viel emotionaler Wucht bleibt nicht nur dem Zuschauer, sondern auch Danas Mutter Jessica (Morena Baccarin) die Spucke weg. Sie bricht in Tränen aus, weil sie weiß, wie recht ihre Tochter mit ihrer Suada doch hatte.

Stille Tränen vergießt auch ein neuer Charakter. Fara Sherazi (Nazanin Boniadi), eine junge Analystin, wurde vom CIA angestellt, um die Zahlungsströme hinter dem terroristischen Netzwerk von Majid Javadi aufzudecken. Dieser wird verdächtigt, maßgeblich für den Anschlag auf das CIA-Hauptquartier am Ende der letzten Staffel verantwortlich zu sein. Zu Beginn wird Fara von Saul jedoch ordentlich zusammengestaucht, weil sie Kopftuch trägt und er dies als Affront gegen die ermordeten CIA-Mitarbeiter sieht. Warum sich der sonst so aufrichtige Saul von rechter Panikmache und Muslimhetze anstecken lässt, bleibt ein Rätsel. Eine intelligente Serie wie Homeland sollte jederzeit davor zurückschrecken, solche klischeebehafteten Diskriminierungsmuster zu replizieren.

Fazit

Homeland schafft es auch in der bekanntermaßen schwierigen zweiten Episode der neuen Staffel, sein Niveau vom Beginn zu halten. Dieses Mal kommt die Serie sogar ganz ohne Actionelemente aus, was der mitreißenden Dramaturgie jedoch zu keinem Zeitpunkt schadet.

Spannend an Uh... Oh... Ah... sind vor allem die Figurenkonstellationen und Charakterentwicklungen. Bei einigen zentralen Charakteren bleibt die Motivation unklar, am stärksten davon betroffen ist sicherlich Saul Berenson. Er verfängt sich mehr und mehr in seinen diversen Loyalitäten und läuft akut Gefahr, zumindest eine davon zu vernachlässigen.

An seiner Figur lässt sich eine schöne Parallele zu einem prominenten Leitmotiv von The Wire ziehen: die chain of command, also die Befehlskette in öffentlichen Institutionen. „Shit rolls downhill, money goes up“: Saul entwickelt sich in seiner neuen Funktion als CIA-Chef immer weiter weg vom Mentor seiner untergebenen Agenten hin zu deren Richter und Befehlshaber. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte er Carrie wohl nicht ans mediale Messer ausgeliefert, nun tut er es - zum Wohle der „Agency“, der ihm anvertrauten Organisation.

Eine positive Wandlung erfährt hingegen Dana Brody. Sie tritt gestärkt und selbstbewusster denn je aus dem Schatten ihrer eigenen Vergangenheit. Morgan Saylor konnte schon in der letzten Staffel mit ihrem Schauspiel überzeugen, bekam jedoch eine wahrlich dämliche Geschichte zugeschrieben. Nun darf sie ihr Talent in einem emotionalen, packenden und aufwühlenden Erzählbogen zur Schau stellen. Mehr davon!

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 7. Oktober 2013
Episode
Staffel 3, Episode 2
(Homeland 3x02)
Deutscher Titel der Episode
Spur des Geldes
Titel der Episode im Original
Uh... Oh... Ah...
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 6. Oktober 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 16. März 2014
Autor
Chip Johannessen
Regisseur
Lesli Linka Glatter

Schauspieler in der Episode Homeland 3x02

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