Homeland 2x12

Nach der vorletzten Episode der zweiten Staffel von Homeland (The Motherfucker with a Turban) und der nicht abflauenden Kritik von Fans und Rezensenten reagierten die beiden ausführenden Produzenten der Serie, Howard Gordon und Alex Gansa, und beantworteten Lesern der New York Times deren Fragen zu einigen fragwürdigen Handlungssträngen (hier nachzulesen). Dabei verriet Gansa auch ein Motto der beiden: „Man sollte ein Geheimnis lüften, bevor der Zuschauer es erwartet. (...) Der einzige Weg, den Zuschauer zu überraschen, ist, ein Geheimnis frühzeitig zu lüften.“
Produzenten sprechen Klartext
Diese recht freizügige Offenbarung lässt die Motivation der Produzenten erkennen. Ihnen ist es scheinbar wichtig, eine Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen zu erzählen. Dafür sind sie auch dazu bereit, die eine oder andere Lücke in der Erzähllogik in Kauf zu nehmen. Aus der abschließenden Episode der zweiten Staffel von Homeland lässt sich diese Prämisse erneut deutlich herauslesen. Wenngleich die Episode es zeitweise schafft, die stärksten Momente der Serie wiederaufleben zu lassen, so wird doch großer Wert auf den Knalleffekt und die kurzzeitige Verblüffung des Publikums gelegt.
Die erste Hälfte der Episode soll das Publikum wohl in die Irre führen, bewirkt jedoch eher das Gegenteil. Der skeptische Zuschauer ahnt sogleich: Nach so viel Melodrama muss zwangsläufig noch ein großer Überraschungsmoment kommen.
Sämtliche Protagonisten versuchen gerade, ihr Leben neu zu ordnen. Carrie (Claire Danes) und Brody (Damian Lewis) kehren zu der aus Staffel eins bekannten Waldhütte zurück (The Weekend), um einige Stunden in Zweisamkeit zu verbringen und ein klärendes Gespräch zu führen. Jessica (Morena Baccarin), Dana (Morgan Saylor) und Chris (Jackson Pace) versuchen zu Hause, mit der elterlichen Trennung klarzukommen. Saul (Mandy Patinkin) hadert damit, bei der CIA festzusitzen und will seinen Bewacher von der Richtigkeit seiner Anschlagstheorie auf Brody überzeugen. Dass CIA-Vizedirektor Estes (David Harewood) mittels Peter Quinn (Rupert Friend) alle für ihn nachteiligen Spuren beseitigen will, ist hinlänglich bekannt.
An dieser Stelle kommt es zur ersten - kleineren und wenig glaubhaften - Wendung. Die Autoren müssen sich schließlich aus dem Dilemma winden, einen Hauptdarsteller in der direkten Schusslinie des mächtigsten Geheimdienstapparates der Welt platziert zu haben. Jedenfalls bekommt der sonst so abgeklärte Quinn im Angesicht des neu gefundenen Glücks des unheilvollen Pärchens wohl Gewissensbisse und ignoriert den direkten Befehl seines Vorgesetzten.
Die wundersame Wandlung des Peter Quinn
Falls der Zuschauer schon an dieser Stelle glaubt, einer wenig glaubwürdigen Entwicklung beizuwohnen, wird dieses Gefühl im Folgenden noch verstärkt. Quinn taucht abends in Estes' Schlafzimmer auf und eröffnet ihm mit vorgehaltener Waffe unter Berufung auf sein moralisch einwandfreies Mörderdasein, er werde Brody nicht umbringen. Sollte Estes den Befehl an ein weiteres Black Ops-Mitglied weitertragen, werde er ihn umbringen. An dieser Stelle wird das bisherige Bild des loyalen und stets seine Befehle durchführenden Quinn völlig konterkariert.
Über diesen dramaturgischen Fehltritt lässt sich jedoch in den folgenden Sequenzen hinwegsehen. Kurz vor dem wieder einmal alles verändernden Ereignis kommt es zum stärksten Moment der Episode (wenn nicht gar einem der stärksten Momente der ganzen Staffel). Eine Parallelmontage zeigt die Trauerfeier von Vizepräsident William Walden und die Seebestattung Abu Nazirs. Beides waren „men of principle“, beide hatten den unerschütterlichen Glauben daran, für das Gute zu kämpfen. Hier schaffen die Autoren einen (in der zweiten Staffel) seltenen Moment subtiler Gesellschafts- und sogar Religionskritik. Die Deutungshoheit über den „guten Kampf“, „das Böse“ und den „gerechten Krieg“ ist heutzutage umkämpfter denn je.
Mit der weiteren Entwicklung scheinen die Autoren diese ewige Frage jedoch selbst beantworten zu wollen. Abu Nazir (Navid Negahban) und seinen Häschern ist es gelungen, noch vor dessen Tod einen neuen Anschlagsplan auszuhecken. Das Ziel: Die Trauerfeier für Walden. Der Plan gelingt - Brody und Carrie, beide Gäste der Trauerfeier, können jedoch ihrer Verliebtheit danken, denn sie haben sich kurz vor dem Anschlag von der Feier verzogen.
Nach einem kurzen Verdachtsmoment gelingt es Brody schließlich, Carrie von seiner Unschuld zu überzeugen. Sie realisiert sofort, dass er nach diesem Anschlag der meistgesuchte Mann in Amerika sein wird und verhilft ihm zur Flucht. An der Landesgrenze erlebt sie schließlich einen Sinneswandel und entscheidet sich nun doch für ihre Karriere und dafür, Brodys Namen reinzuwaschen. Denn die Terroristen ließen nichts dem Zufall übrig und überspielten dem Fernsehen Brodys altes Bekennervideo aus der ersten Staffel. Die CIA reagiert schnell und durchsucht Brodys Haus. Seine Familie ist darüber völlig perplex, bis sie das Fernsehen einschaltet und ihre Welt vollends zerbricht.
Fazit
Die zweite Staffel von Homeland sorgte innerhalb seiner Anhängerschaft und der kritischen Auseinandersetzung damit für einige kontroverse Debatten. Die Tatsache, dass sich selbst die Produzenten der Serie zum Abschluss der Staffel in die Diskussion einschalteten, verdeutlicht, wie valide die Argumente der Kritiker waren. Die Ereignisse im Serienfinale werden diese Kritik nun nicht wirklich verstummen lassen.
Die Autoren haben an ihrem Ansinnen festgehalten, die Geschichte weniger auf komplexen Charakterstudien und einem bedächtigen und möglichst realistischen Fortgang der Handlung aufzubauen, sondern eine solche Erzählweise durch größtmögliche Überraschungsmomente zu ersetzen. Homeland wird dadurch nicht unbedingt weniger sehenswert; es entwickelt sich lediglich in eine spezifische dramaturgische Richtung.
Teilweise konnte das Staffelfinale an die besten Momente aus der ersten und den Beginn der zweiten Staffel anknüpfen. Die bereits erwähnte Religions- und Gesellschaftskritik blitzt kurzzeitig auf, wird dann aber von der weiteren Entwicklung etwas verdrängt. Auch die Konversation zwischen Brody und seiner Tochter Dana - inklusive verbalisierter Rückschau zum Ende der ersten Staffel - gehörte zu den stärkeren Szene von The Choice.
Nimmt man als Zuschauer also die neuen Entwicklungen als gegeben an und hängt die Messlatte im Vergleich zu den hervorragenden ersten zwölf Episoden etwas niedriger, so bleibt am Ende ein Stück spannende und teilweise intelligente Fernsehunterhaltung übrig. Trotzdem verabschiedet man sich von Staffel zwei mit einem kleinen Wermutstropfen, der hoffentlich den Ehrgeiz der Autoren und Produzenten von Homeland steigert, es in der kommenden dritten Staffel vielleicht wieder etwas besser zu machen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 17. Dezember 2012(Homeland 2x12)
Schauspieler in der Episode Homeland 2x12
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