Homeland 2x10

Der Episodentitel Broken Hearts ist in dieser Woche wörtlich und nicht im ĂŒbertragenen Sinne zu verstehen. Dem immer noch auf freiem FuĂ befindlichen Abu Nazir (Navid Negahban) gelingt es, Carrie (Claire Danes) aufzuspĂŒren und nach einem brutalen FahrzeugzusammenstoĂ zu entfĂŒhren. Sie in seine Gefangenschaft zu bringen, ist wohl die einzige Karte, die er noch ausspielen kann.
Carrie in den FĂ€ngen Abu Nazirs
Jedenfalls gelingt es ihm, sie scheinbar auf eigene Faust (schlieĂlich sind nahezu alle seine Helfer verhaftet) auf ein verlassenes IndustriegelĂ€nde zu verschleppen. Er will zum Abschluss bringen, was schon viel frĂŒher hĂ€tte geschehen sollen: VizeprĂ€sident William Walden (Jamey Sheridan) soll sein vorzeitiges Ende finden. Auch jetzt soll wieder der vermeintliche Konvertit Brody (Damian Lewis) dafĂŒr sorgen, dass Nazir endlich Rache an dem Mann ausĂŒben kann, der seinen geliebten Sohn Issa und andere Kinder auf dem Gewissen hat.
Mit Carrie als Druckmittel zwingt er Brody dazu, in Waldens persönliches BĂŒro einzubrechen und die Seriennummer seines Herzschrittmachers zu finden und ihm mitzuteilen. Ein in der Informationstechnologie besonders bewanderter Helfershelfer soll den kabellos steuerbaren Schrittmacher dann so manipulieren, dass Walden eines scheinbar natĂŒrlichen Herztodes stirbt. Brody lĂ€sst sich selbstverstĂ€ndlich darauf ein. Am Ende des ErzĂ€hlabschnitts, zum Höhepunkt der Episode, scheinen die alten QualitĂ€ten von Homeland wieder aufzuflammen: Wer ist Brody? Wo liegen seine LoyalitĂ€ten? Wie immer schafft es Damian Lewis mit einer ĂŒberzeugenden Performance, die innere Zerrissenheit seines Charakters eindrucksvoll darzustellen.
Neben dem etwas konstruiert wirkenden ErzĂ€hlstrang rund um Waldens zu brechendes Herz gibt es jedoch einige Lichtblicke in der neuesten Episode. Dazu gehört die Aufarbeitung der zahlreichen Verwicklungen innerhalb der CIA. Was am Ende der letzten Episode noch ziemlich platt daherkam, wird nun recht elegant weitererzĂ€hlt. Die Motivation von CIA-Vizedirektor David Estes (David Harewood), mittels Peter Quinn (Rupert Friend) Brody den Garaus zu machen, ist mit dessen Wissen ĂŒber die HintergrĂŒnde des Drohnenangriffs auf Abu Nazir zu erklĂ€ren.
Auch erfĂ€hrt der Zuschauer mehr ĂŒber den nicht ganz lupenreinen Quinn. Zu Beginn der Episode holt sich Saul (Mandy Patinkin) bei dem höchst zwielichtigen Dar Adul (F. Murray Abraham) Informationen ĂŒber ebenjenen ein. Dieser bezeichnet Quinn als âone of mineâ. Quinn sei Teil eines höchst geheimen Black Ops-Teams, das fĂŒr Estes und Adul sensible AntiterroreinsĂ€tze durchfĂŒhre. Als geneigter Homeland-AnhĂ€nger schnauft man an dieser und anderen Stellen etwas durch. Zwar fĂŒhren Estes und Quinn Brody wohl weiterhin auf ihrer Abschussliste, jedoch gibt es jetzt Saul als Mitwisser. Und der wird sich nicht so einfach abschĂŒtteln lassen. Im Verlauf der Episode wird Saul jedoch die ganze Macht des Apparats und seinen Willen zur UnterdrĂŒckung der Wahrheit zu spĂŒren bekommen.
No more happy family
An der Brody-Familienfront könnten derweil die Verwerfungen nicht gröĂer sein. Nach ihrer gemeinsamen Nacht versichern sich Brodys Ehefrau Jessica (Morena Baccarin) und Familienfreund Mike (Diego Klattenhoff) ihrer gegenseitigen Zuneigung, bevor sie jĂ€h von der Ankunft Brodys unterbrochen werden. Der einzige, der sich darĂŒber zu freuen scheint, ist Sohn Chris (Jackson Pace), der es immer noch âcoolâ findet, dass sein Vater mit der CIA zusammenarbeitet. Seine Tochter Dana (Morgan Saylor) hat lediglich einen verachtenden Blick fĂŒr ihn ĂŒbrig und auch Jessica scheint jeglichen Willen zu einem wiederholten Neustart verloren zu haben: âBrody, what are we doing here?â
Die Geschichte rund um Danas und Finns (Timothée Chalamet) Autounfall wird erneut aufgegriffen. Nach endlosen unbeantworteten Kurzmitteilungen erbittet Finn ein persönliches Treffen mit Dana. Diese willigt nach kurzer AbwĂ€gung ein und sie treffen sich am Pool der vorlĂ€ufigen Luxusresidenz der Brodys. Finn deutet zunĂ€chst Zweifel an, lĂ€sst dann aber - ganz der Vater - sein ganzes Arschlochpotential aufblitzen, indem er die Schweigegeldzahlung seines Vaters an die Tochter des Opfers lapidar kommentiert: âThat's how the world works.â
Dem Regisseur der Episode gelingt es an dieser Stelle, ein gelungenes symboltrĂ€chtiges Bild zu inszenieren. In der Totalen sieht man die beiden in ihrer Welt verlorenen Jugendlichen schwermĂŒtig in ihren Liegen hĂ€ngen. Ausgestattet mit allen Möglichkeiten scheint ihnen die Welt offenzustehen, doch sie fĂŒhlen sich nur darin gefangen.
Im Gegensatz dazu befindet sich Carrie in ganz realer Gefangenschaft. Ihr gelingt es, Nazir in eine Diskussion ĂŒber Terrorismus und gerechten Kampf zu involvieren. Nazir lĂ€sst sich von ihrem immergleichen Mantra jedoch kaum aus der Fassung bringen. Er scheint zum ĂuĂersten bereit, getrieben von seinen persönlichen RachegelĂŒsten und der Motivation, seine Feinde auszurotten. Wie in der realen Welt scheinen die Fronten zwischen den Glaubenskriegern so verhĂ€rtet zu sein wie nie.
Was momentan im Nahen Osten, aber auch zu Wahlkampfzeiten in den USA zu beobachten war und ist, ist eine beschleunigte Radikalisierung und fundamentale Opposition jeglicher Kompromissbereitschaft. Die Fronten sind geklĂ€rt. Auch fĂŒr Carrie. Nach ihrer Entlassung aus der Geiselhaft dreht sie gegen alle Warnungen der CIA um und betritt, mit einer Eisenstange bewaffnet, die dunkle Höhle des Feindes. Sie kann nicht anders. Sie will nicht anders.
Fazit
Die Autoren von Homeland bekommen in der neuen Episode Broken Hearts nur halb die Kurve. Ein Teil der Geschichte fĂŒhrt den eingeschlagenen Gang der zweiten Staffel fort. Brody wird auf eine nahezu unmögliche Mission geschickt, die dann beinahe reibungslos gelingt. Im anderen Teil wird ein Gang zurĂŒckgeschaltet. Die VerhĂ€ltnisse innerhalb der CIA werden zurechtgerĂŒckt und die Verwerfungen im Brody-Haushalt eindrĂŒcklich thematisiert.
Weiterhin positiv hervorzuheben sind innerhalb der etwas fragwĂŒrdigen ErzĂ€hlstrĂ€nge die Darstellungen der Hauptcharaktere. Als VizeprĂ€sident Walden Brody sterbend in den Armen liegt, flammt bei diesem der alte Hass auf Walden wieder auf. Er kann den gewaltsamen Tod Issas einfach nicht vergeben und schickt Walden mit genau dieser Nachricht ins Jenseits. Sein Mentor Abu Nazir demonstriert derweil Carrie gegenĂŒber seine unverrĂŒckbare ideologische Fundamentierung. In diesen Augenblicken können alle involvierten Darsteller ihre StĂ€rken voll ausspielen.
Das war jedoch noch nie das Problem an der zweiten Staffel von Homeland - sollte man es ĂŒberhaupt als Problem bezeichnen können. Eher war es der unbedingte Wille der Autoren und Produzenten, Homeland zu einer wendungsreichen Actionserie zu machen, statt die ruhigeren Töne eines plausibel erzĂ€hlten Spionagethrillers anzuschlagen. Teile der neuen Episode machen Hoffnung auf eine RĂŒckkehr zu diesen Prinzipien, andere schreiten entlang des eingeschlagenen Pfades. Eins ist dabei sicher: Von welchem Blickwinkel man es auch betrachtet, es bleibt spannend.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 3. Dezember 2012(Homeland 2x10)
Schauspieler in der Episode Homeland 2x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?