Homeland 2x09

Während Homeland in den „alten“ Medien wie Fernsehen oder Zeitung noch von seinen Triumphen bei den diesjährigen Emmy-Awards zehrt und weiterhin umjubelt wird, klingen in der Netzgemeinde die Kommentare zur neuen Staffel schon etwas ernüchterter. Die neue Episode, die neunte der zweiten Staffel, dürfte daran nicht viel ändern. Im Gegenteil, die Kritik dürfte eher noch anschwellen. Denn das, was viele Fans und Apologeten in den letzten Wochen befürchtet haben, scheint nun tatsächlich einzutreten. Die Serie wendet sich ab von ihrem Konzept, durch subtile Charakterzeichnung und plausible Ereignisketten eine stringente Geschichte zu erzählen.
Wer ist Peter Quinn?
Eventuell denken die Autoren von Homeland, sie müssten, bedingt durch das gestiegene Zuschauerinteresse, den Storyverlauf an Zuschauergewohnheiten anpassen oder zuvor in anderen Serien erfolgreich verwendete Plotlines wiederaufbereiten. In der Episode Two Hats zieht das Erzähltempo jedenfalls mächtig an und es kommt zu solch unvorhergesehenen erzählerischen Volten, dass man sich nach dem Ansehen erst einmal sortieren muss.
Urplötzlich gerät der bisher zwar durch seine ungewöhnlichen Verhörmethoden auffällig gewordene, ansonsten jedoch eher unverdächtige CIA-Analyst Peter Quinn (Rupert Friend) in Saul Goodmans (Mandy Patinkin) untrügliches Fadenkreuz. Er beauftragt die beiden nachnamenlosen Profischnüffler Virgil (David Marciano) und Max (Maury Sterling) damit, Quinns Vergangenheit auszuleuchten und sein Apartment zu durchsuchen. Was sie dort finden, legt nahe, dass Quinn über eine leicht paranoide Prädisposition verfügt und stets zu einem schnellen Verschwinden bereit ist. So gar nicht subtil legen die Autoren hier den Grundstein für den weiteren überraschenden Verlauf der Episode.
Eine beim Einbruch in Quinns Wohnung gefundene Fotografie einer Frau und ihres neugeborenen Kindes weckt dann Sauls weitere Neugier. Mitten in der vielleicht wichtigsten CIA-Operation der aktuellen Staffel nimmt er sich die Zeit, die knapp 140 Meilen von Washington nach Philadelphia zurückzulegen, um sich dort vor Julia Diaz als Agent der staatlichen Steuerbehörde IRS auszugeben und an Informationen über Quinns aka Johnny Xs Vergangenheit zu kommen.
Zuvor ist das Rad der Geschichte kräftig weitergedreht worden. Brody (Damian Lewis) konnte seinen in der letzten Episode überraschend in den USA aufgetauchten ideologischen Ziehvater Abu Nazir (Navid Negahban) davon überzeugen, dass er weiterhin für ihn arbeitet und an seine Lehre glaubt. In einer der gelungensten Sequenzen der Episode werden Rückblenden zum Gespräch mit Nazir und die gegenwärtige Vernehmung durch die CIA gegeneinander geschnitten.
Hier liefert Damian Lewis wieder einmal eine blendende schauspielerische Leistung ab. Die Intensität, mit der er seine Rolle spielt, offenbart dem Zuschauer seine gequälte innere Seele, in der wohl weiterhin zwei Herzen schlagen. Kurz kehren die Regisseure und Autoren von Homeland zu ihrer alten Stärke der subtilen Erzählweise zurück. Ob Brody wirklich erneut gefoltert wurde, bleibt genauso offen wie die Frage, ob er sich tatsächlich schon für die „gute“ Seite entschieden hat.
Nazir hat Brody jedenfalls in seine Anschlagspläne eingeweiht. Dass das vermeintliche terroristische Superhirn nicht einmal Brodys wahre Gesinnung in Zweifel zieht oder ihn wenigstens auf Schritt und Tritt überwachen lässt, darf durchaus als größerer Fehler in der erzählerischen continuity bezeichnet werden. Nachdem er zwölf Stunden in Gewahrsam der Terrorzelle war, hat sich Nazir wohl hinreichend von seiner fortbestehenden Indoktrination überzeugen können und lässt ihn laufen.
This plan is f*****
Selbstredend darf man diesen Kritikpunkt nicht allzu gewichtig werten, denn Brody bleibt immer noch ein integraler Bestandteil der Anschlagspläne Nazirs. Das Ziel ist eine Willkommensfeier für 300 kürzlich aus Afghanistan zurückgekehrte Soldaten einer Spezialeinheit. Sie sollen vor laufenden Kameras zusammen mit ihren wiedervereinten Familien einem Bombenanschlag zum Opfer fallen. Da es sich jedoch um eine Veranstaltung unter höchster Sicherheitsstufe handelt, muss ein Weg gefunden werden, die Bombe auf das Gelände zu schmuggeln.
Hier kommen Roya Hammad (Zuleikha Robinson) und Brody ins Spiel. Brody soll Vizepräsident Walden (Jamey Sheridan) davon überzeugen, Roya als einzige Reporterin bei der Veranstaltung zuzulassen. Da die CIA über Brody von den Plänen weiß, muss natürlich keine großartige Überzeugungsarbeit geleistet werden. Es stellt sich lediglich die Frage, ob der Zugriff schon vorher erfolgen soll. Um jedoch auch Abu Nazir in die Finger zu bekommen, entscheidet sich die CIA in Abstimmung mit dem Vizepräsidenten für die riskantere Version.
An der Familienfront steht die Zeit derweil auch nicht gerade still. Nachdem es Brody gelungen ist, seine Familie mithilfe der CIA und - sehr zu seinem Missfallen - Mike Faber (Diego Klattenhoff) in Sicherheit zu bringen, trifft er sich mit Carrie (Claire Danes) an dem Ort ihrer ersten Begegnung. Die beiden schaffen es keine zwei Minuten, ihre Hände voneinander zu lassen und versichern sich gegenseitig ihrer Zuneigung. Doch Brody ist nicht der einzige, der auf ehelichen Abwegen wandelt. Seine bislang treue Frau Jessica (Morena Baccarin) kann ihre Zuneigung zu Mike nicht länger verstecken und stattet diesem einen nächtlichen Besuch ab.
Am großen Tag der Operation scheint dann vorerst alles glatt zu laufen. Die Überwachung der Protagonisten gelingt reibungslos, der Zugriff ebenso. Einen recht großen Wermutstropfen gibt es dennoch zu vermelden: Abu Nazir gehörte nicht zu dem Terroristengrüppchen, das da in aller Seelenruhe unter freiem Himmel seine Bomben in das Tatfahrzeug lud. Die Gegenschnitte mit Quinn, David Estes (David Harewood) und Brody zeichnen schließlich ein großes dramaturgisches Fragezeichen.
Fazit
Die Kritik wurde im Eingangsabschnitt schon angedeutet, hier soll noch einmal kurz darauf eingegangen werden. Was die Autoren in den letzten Episoden praktizierten, ist für das Kulturgut Homeland eine ungute Entwicklung. Die Serie, die doch bisher mehr auf Plausibilität denn auf Effekthascherei gesetzt hatte, sucht ihr Heil momentan in bloßem Aktionismus. Nahezu jede Episode endet mit einem Cliffhanger, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass den Autoren die Ideen für innovative Storylines ausgehen.
Die vormaligen Stärken, Episoden auf psychologischen Beobachtungen und realgeschichtlichen Ereignissen aufzubauen, sind beinahe vollständig zugunsten schneller Action und unvorhergesehener Überraschungsmomente aufgegeben worden. Ein Problem dabei ist, dass diese Stilmittel eine sehr kurze Halbwertszeit haben, vergleichbar mit dem Unterschied zwischen klassischen Schockermomenten und dem Hitchcock'schen Suspense-Motiv.
Man könnte natürlich den Einwand bringen, dass die letzten beiden Episoden zuvor eher langsam erzählt wurden. Eine bedächtige Erzählweise ist jedoch noch lange kein Ersatz für Substanz in der Dramaturgie. Homeland konnte sich in der ersten Staffel und zu Beginn der zweiten Staffel dadurch auszeichnen, dass die Charaktere plausibel weiterentwickelt wurden und dass sie vor allem Zeit für diese Entwicklung bekamen. Davon haben sich die Produzenten neuerlich abgewendet. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich in den verbleibenden Episoden wieder auf ihre alten Stärken besinnen. Besonders wahrscheinlich erscheint dies momentan leider nicht. Immerhin lässt sich darüber dann so trefflich streiten wie um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 26. November 2012(Homeland 2x09)
Schauspieler in der Episode Homeland 2x09
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