Homeland 2x08

In Agenten- und Spionagethrillern, seien es nun Kinofilme oder TV-Serien, spielen die Familien der Protagonisten meist keine zentrale Rolle. Familienmitglieder rĂŒcken höchstens dann in den Fokus, wenn sie von feindlichen KrĂ€ften bedroht, entfĂŒhrt oder ermordet werden. Ein klassisches Beispiel dafĂŒr ist die Actionserie 24, in der Jack Bauer (Kiefer Sutherland) seine Tochter Kim (Elisha Cuthbert) mehr als einmal aus den FĂ€ngen seiner Gegenspieler befreien musste. Der Held, Agent oder Spion, scheint oftmals eher mit der Institution verheiratet zu sein, fĂŒr die er arbeitet. Robert Redford darf hier als Paradebeispiel angefĂŒhrt werden, in seinen Rollen als Nathan Muir in „Spy Game“ oder Joseph Turner im Allzeitklassiker „Three Days of the Condor“.
Everything's falling apart
Homeland betritt einen neuen Pfad. Die Familie wird zum neuralgischen Punkt im Leben des Doppelagenten Nicholas Brody (Damian Lewis). Die Verwerfungen rund um die scheinbare Vorzeigefamilie des Kongressabgeordneten könnten nicht gröĂer sein. Ehefrau Jessica (Morena Baccarin) ist sowieso schon höchst skeptisch ob der stĂ€ndigen Ausreden und Windungen ihres Ehemannes. Im Streit um die richtige Vorgehensweise im Fall ihrer Tochter Dana (Morgan Saylor) und deren Fahrerflucht mit tödlichen Folgen droht Brody vollends die Nerven zu verlieren. Zwar verrĂ€t er nicht seine wahren BeweggrĂŒnde, als ErklĂ€rung fĂŒr sein Verhalten bleibt ihm jedoch nur, herauszuschreien, dass es momentan einfach nicht anders ginge.
Dana sucht unterdessen Unterschlupf bei Familienfreund Mike (Diego Klattenhoff), erzĂ€hlt ihm vorerst jedoch nicht, was passiert ist. Dies besorgt kurze Zeit spĂ€ter Jessica selbst. Das alte Vertrauen in ihn besteht immer noch, sie fĂŒhlt sich in seiner NĂ€he sicher und geborgen. Frei nach Adorno versucht Jessica verzweifelt, das richtige Leben im falschen zu leben. Jede Begegnung mit Mike, das Strahlen in seinen Augen, die Zuneigung ihrer Kinder zu ihm erinnern sie schmerzlich daran. Doch noch steht sie hinter ihrem Ehemann, schlieĂlich hat sie eiserne Prinzipien, an denen sie festzuhalten versucht. Unter anderem gehört dazu auch, ein Verbrechen anzuzeigen, das man selbst begangen hat.
Die Probleme rund um Danas Fahrerflucht lösen sich vermeintlich von selbst, als Dana die Tochter der toten FuĂgĂ€ngerin in deren Haus im ehemaligen Washingtoner Problemviertel Columbia Heights aufsucht. Die verstĂ€ndlicherweise unversöhnliche Tochter jagt Dana gleich wieder hinaus und blĂ€ut ihr ein, ja nicht zur Polizei zu gehen. Es stellt sich heraus, dass VizeprĂ€sident Walden (Jamey Sheridan) der Familie ein Schweigegeld hat zahlen lassen. In ihrer prekĂ€ren Situation weiĂ die Tochter sich nicht anders zu helfen, als dieses Geld anzunehmen. VordergrĂŒndig könnte das Problem dadurch gelöst werden, fĂŒr den Seelenfrieden von Dana und ihrer Familie ist diese Neuigkeit Gift. Ganz abgesehen von der politischen Sprengkraft, die eine mögliche Aufdeckung der Schmiergeldzahlung in sich birgt.
Sex als WĂ€hrung
Der nach dem Streit mit seiner Ehefrau völlig desillusionierte Brody hockt derweil deprimiert in einer dunklen Ecke seines Hauses. Der stets besorgten Carrie (Claire Danes), die den Streit im Ăberwachungswagen verfolgt hat, gelingt es jedoch schnell, Brody wieder aufzupĂ€ppeln. Er soll zum vereinbarten Treffpunkt mit Roya Hammad (Zuleikha Robinson) gehen, um seine Fassade aufrechtzuerhalten. Beim Treffen folgt er jedoch nicht dem vorgezeichneten Plan und eröffnet Roya, er werde fortan nicht mehr fĂŒr sie und Abu Nazir (Navid Negahban) arbeiten. Die CIA unter Peter Quinn (Rupert Friend) will daraufhin die ganze Operation abbrechen und Brody festnehmen. Wieder ist Carrie zur Stelle: Unter Mithilfe von Virgil (David Marciano) und dem Schutz ihres Mentors Saul (Mandy Patinkin) gelingt es ihr, Brody umzustimmen und ihn dazu zu bewegen, wieder Kontakt mit Roya aufzunehmen.
Den Preis fĂŒr diesen Umschwung ist Carrie bedenkenlos bereit zu zahlen. Sie verbringt die Nacht mit Brody, inklusive leidenschaftlichem Sex, den das CIA-Team rund um Saul und Quinn mit gequĂ€lten Mienen live miterleben dĂŒrfen. Von Saul damit konfrontiert, bezeichnet Carrie die nĂ€chtlichen Ereignisse kaltschnĂ€uzig als Teil ihres Jobs. Der Zuschauer bleibt weiterhin im Unklaren darĂŒber, wie echt Carries GefĂŒhle fĂŒr Brody sind. In den Sympathiewerten dĂŒrfte sie damit nicht unbedingt gestiegen sein.
Zum Ende der Episode zieht das ErzĂ€hltempo wieder an. Die skeptische Roya fĂ€hrt mit Brody an einen Treffpunkt mitten an einer wenig befahrenen LandstraĂe. Ein ungeeigneter Ort fĂŒr die Zuschauer und Zuhörer der CIA. Brody trifft dort auf seine neue Kontaktperson, den gesuchten AnfĂŒhrer des Ăberfallkommandos in Gettysburg. Gewaltsam bringt er Brody auf eine Lichtung. Bevor sich Saul und die anderen Observierer fragen können, was wohl als NĂ€chstes passieren wird, erscheint aus der SchwĂ€rze der Nacht ein Helikopter, der Brody und die anderen mitnimmt. In einer verlassenen Lagerhalle kommt es schlieĂlich zum unvorhergesehenen Wiedersehen mit seinem einstigen Spiritus Rector.
Fazit
Die Geschichte von Homeland wird in dieser Episode minimal vorangetrieben, dafĂŒr erhalten die Zuschauer einen tieferen Einblick in den Familienzusammenhalt der Brodys. Den einzelnen Charakteren wird Raum zur Entfaltung gegeben, was ein eindeutiges Merkmal sogenannter QualitĂ€tsserien ist. Den einen oder anderen Zuseher hat dies sicherlich verĂ€rgert, weil es das Tempo der ErzĂ€hlung doch merklich reduziert. Jedoch speist sich ein GroĂteil der Spannung bei Homeland aus genau diesen Konstellationen.
Jessica holt sich immer wieder den Rat von Mike, sie vertraut ihm mehr als ihrem eigenen Ehemann. Dennoch gelingt es ihr nicht - oder sie ist nicht willens - aus ihrem goldenen KĂ€fig auszubrechen, wenngleich sie weiĂ, dass ihr und das Leben ihrer Kinder dadurch verbessert werden wĂŒrden. Sie ist gefangen zwischen ihren Moralvorstellungen, ihrem EhegelĂŒbde und ihrer Liebe zu zwei AlphamĂ€nnchen. Homeland portrĂ€tiert hier die amerikanische Familie als Nukleus der Politik und ultimativ in der Gesellschaft. Jedoch wird dieses uramerikanische Bild in sein Gegenteil verkehrt. Hinter der glitzernden Fassade der Vorzeigefamilie eines Kongressabgeordneten lauern tiefe AbgrĂŒnde aus Verrat und Misstrauen.
Die Macher von Homeland haben sich scheinbar darauf geeinigt, die Episoden in einem Mix aus bedĂ€chtiger ErzĂ€hlung und einem Knalleffekt am Ende zu konstruieren. So durchschaubar das Konzept des Cliffhangers ist, so wenig macht es die vorangegangen Minuten besser. SchlieĂlich will man sich als Zuschauer nicht von Cliffhanger zu Cliffhanger hangeln, sondern wĂ€hrend der Episode schon durch spannende Ereignisse und Auftritte unterhalten werden. Momentan bietet Homeland jedoch viel vom Gleichen, wenn auch auf qualitativ hohem Niveau.
Gegen ein langsames ErzĂ€hltempo ist auch nichts einzuwenden, nĂ€mlich dann, wenn die Geschichte trotzdem weitergetrieben wird. Wird jedoch getreu dem Motto âHistory Repeats Itselfâ vorgegangen, so lĂ€sst sich der jeweiligen Episode allzu leicht das Etikett „LĂŒckenfĂŒller“ anheften. FĂŒr eine Agentenserie mit 13 Episoden pro Staffel ein wenig schmeichelhaftes Urteil.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 19. November 2012(Homeland 2x08)
Schauspieler in der Episode Homeland 2x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?