Homeland 2x07

Homeland 2x07

Die neue Episode von Homeland verzichtet weitgehend auf die lauten Töne und erkundet stattdessen das innere Leben seiner Protagonisten. Manche offenbaren ihren wahren Charakter, andere drohen unter dem steigenden Druck und immer neuen Geheimnissen zu zerbrechen.

Carrie (Claire Danes) und Brody (Damian Lewis) treffen sich auf einer Lichtung in der neuen Episode von „Homeland“. / Foto: (c) Showtime
Carrie (Claire Danes) und Brody (Damian Lewis) treffen sich auf einer Lichtung in der neuen Episode von „Homeland“. / Foto: (c) Showtime

Wo sind die psychischen Grenzen des Menschen? Was kann, was will er aushalten? In der Episode The Clearing wird an zwei Protagonisten beispielhaft durchexerziert, wozu ein Doppelleben führen kann. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der Wahrung der nationalen Sicherheit. Was diese von einzelnen Individuen abverlangt und anderen aufbürdet, lässt die Frage aufkommen: Ist diese Vorgehensweise notwendig und, wenn ja, ist sie überhaupt angemessen?

Saul und die alte Bekannte

Dies beginnt mit Saul (Mandy Patinkin), der in einem Hochsicherheitsgefängnis (getreu dem amerikanischen Hang zur Vereinfachung schlicht „Supermax“ genannt) die aus der ersten Staffel bekannte, terrorgeständige Aileen Morgan (Marin Ireland) aufsucht. Er erhofft sich von ihr Informationen über die Angreifer in Gettysburg, speziell die Identität des Anführers. Die durch lange Einzelhaft ohne Tageslicht gezeichnete Aileen realisiert sogleich, dass ihr Wissen die einzige Karte ist, die sie noch ausspielen kann. Also gibt sie vor, den Gesuchten zu kennen, verlangt aber im Gegenzug zur Preisgabe dessen Namens eine Zelle mit Fenster. Hätte man sie bis dahin nicht gesehen, man würde spätestens jetzt erahnen, wie gebrochen sie als Mensch sein muss, wenn der Zugang zu Tageslicht das einzige ist, was sie sich wünscht.

Die Macher von Homeland wollen damit wohl sagen: Was man durch die Medien nur aus dem Terroristengefängnis Guantanamo Bay kennt, gilt auch für die Behandlung anderer Terrorverdächtiger auf amerikanischem Boden. Sie führen ein unmenschliches Leben, weggeschlossen und vergessen. Und holt man sie doch einmal an die Oberfläche, so nur, um mit ihrer Hilfe weitere Verdächtige wegsperren zu können. Ansonsten werden sie langsam zermürbt, bis sie sich nichts sehnlicher wünschen als den eigenen Tod. So zugespitzt formuliert es Homeland in seiner neuesten Episode. Nicht unbedingt die subtilste Art, aber doch ein wichtiger Baustein gegen die politisch-kulturelle Hegemonie des Antiterrorkampfes in Amerika.

Als politischer „Falke“ und einer der Verteidiger dieser Denkweise tritt Vizepräsident William Walden (Jamey Sheridan) auf. Er und Brody (Damian Lewis) besuchen mit ihren Familien eine Benefizveranstaltung auf dem Landgut von Rex Henning, einem wohlhabenden Unterstützer der Walden-Kampagne. Brody wird dort alsbald von einem neureichen Dummchen auf seine Erfahrungen als Gefangener angesprochen. Rex nimmt ihn daraufhin beiseite und führt ihn zu einem Privatgespräch in seinen Pferdestall. Als ehemaliger Soldat eröffnet Henning Brody, dass er in ihm nach der Zeit Waldens den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten sieht. Dieser versucht ihm klarzumachen, dass er sich nicht dazu berufen fühle, was Henning jedoch milde lächelnd ignoriert.

Brodys Lage wird immer verzwickter. Er droht an seiner Rolle als Doppelagent für die CIA und die Terroristen zu zerbrechen. Von keiner Seite bekommt er spezifische Informationen, er handelt oftmals im Dunkeln und fühlt sich wie eine Marionette, die über ihr eigenes Schicksal keinerlei Entscheidungsgewalt ausübt. Hier wird ein weiteres typisches Opfer amerikanischer Paranoia porträtiert. Nicht nur die vermeintlichen Gegenspieler werden nach Gefangennahme psychisch misshandelt, auch die eigenen Kämpfer für das „Gute“ tragen immense psychologische Schäden davon.

The heart is not a cold dead place

Der nach dem Anschlag kurzzeitig im Krankenhaus gelandete Peter Quinn (Rupert Friend) registriert denn auch, dass man Brody etwas entgegenkommen muss, soll er nicht den ganzen schönen Plan sabotieren. Also schickt er Carrie (Claire Danes) los, um Brody zu beruhigen. Zwischen den beiden kommt es zum scheinbar Unausweichlichen. Dabei bleibt weiterhin im Unklaren, wie echt ihre Gefühle sind. Selbst nachdem Brody sie damit konfrontiert hat, lässt sich aus dem Mienenspiel der beiden nicht ablesen, ob sie einer Agenda oder einfach nur ihren Gefühlen folgen.

Brodys Situation verkompliziert sich ein weiteres Mal, nachdem seine von Schuldgefühlen geplagte Tochter Dana (Morgan Saylor) vor ihrer und Finns (Timothée Chalamet) Mutter den Unfall mit Fahrerflucht offenbart. Anschließend versucht die Gemahlin des Vizepräsidenten, Cynthia Walden (Talia Balsam), Jessica (Morena Baccarin) davon zu überzeugen, in der Angelegenheit nichts zu unternehmen und ihr die Sache zu überlassen. Ein kompliziertes Netz aus gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen Geheimdienst, Politik und Terroristenzelle führt schließlich dazu, dass Dana von ihrem Vorhaben abgehalten wird, sich selbst bei der Polizei anzuzeigen. So wird einer der wenigen bislang schuldfreien Charaktere von Homeland korrumpiert.

Ein anderer ist Mike Faber (Diego Klattenhoff), der in dem Mordfall Tom Walker einfach nicht lockerlassen will. Als die CIA erfährt, dass er mit seiner Theorie von Brody als Täter an Jessica herangetreten ist, wird Carrie wieder einmal als Troubleshooter losgeschickt. Unmissverständlich macht sie ihm klar, dass er sich aus der Angelegenheit herauszuhalten habe („Cease and fucking desist“). Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, Details von seiner Liaison mit Jessica Brody gegen ihn zu verwenden. Der Kampf gegen den Terrorismus ist schmutzig und er wird nicht nur im Ausland gewonnen.

Fazit

Die neue Episode von Homeland konzentriert sich auf die kleinen Details und die vielen unsichtbaren Opfer des Antiterrorkampfes. Mancher Familienzusammenhalt wird dadurch ausgehöhlt, exemplarisch der der Familie Brody. Es gibt unzählige Gefangene, die ohne Gerichtsverfahren oder gar Schuldspruch in ihren Zellen vor sich hin vegetieren. Heimgekehrte Soldaten werden zu Helden verklärt, aber niemand interessiert sich für ihr wahres Befinden. Sie sollen winken und in die Kamera lächeln, damit Amerika einen Posterboy hat, an dem es sich aufrichten kann. Und wenn doch jemand einmal nachfragt, dann nur in dämlicher Art und Weise.

Ein solch düsteres Bild von Amerika zeichnen jedenfalls diese und die vorangegangenen Episoden von Homeland. Gleichzeitig ist es jedoch keine Überraschung, dass ein Unterhaltungsformat diese Themen anspricht, denn: Wer tut es sonst? Das politisch und gesellschaftlich tief gespaltene Amerika hat sich in zwei Lager aufgeteilt, was sich auch in der Medienberichterstattung niederschlägt: liberal (MSNBC) und konservativ (Fox News).

Dazwischen verlieren sich einstmals hochseriöse Nachrichtensender wie CNN darin, aufwändige Computeranimationen zu basteln und Twitter- oder Facebookmeldungen auszuwerten. Fast könnte man sich zu der Behauptung hinreißen lassen, satirische Newsformate wie The Daily Show oder The Colbert Report seien mittlerweile die verlässlicheren Nachrichtenquellen.

Neben dieser kulturpessimistischen Sichtweise auf die Medien und den amerikanischen Kampf gegen den Terrorismus liefert die Episode The Clearing außerdem einen Einblick in die stark hierarchisierten Strukturen in Politik und Geheimdienst. Der sonst so souveräne David Estes (David Harewood) wird nämlich vom Vizepräsidenten für die gescheiterte Operation in Gettysburg abgewatscht. In dieser Szene fühlt man sich an ein Bonmot Tony Sopranos (und vieler anderer pophistorischer Zeitgenossen) erinnert: „Shit rolls downhill, money goes up“.

Die sonst eher subtil daherkommende Kritik wird dieses Mal etwas drastischer und anschaulicher formuliert. Inwieweit eine Episode einer Serie mit nicht gerade überwältigenden Einschaltquoten überhaupt etwas an den politischen Begebenheiten ändern kann, sei dahingestellt. Für ihren Mut zu schwierigen Stoffen und Fragen sollte den Autoren von Homeland trotzdem gratuliert werden.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 12. November 2012
Episode
Staffel 2, Episode 7
(Homeland 2x07)
Deutscher Titel der Episode
Ein Tag am Fenster
Titel der Episode im Original
The Clearing
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 11. November 2012 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 20. Oktober 2013
Autor
Meredith Stiehm
Regisseur
John Dahl

Schauspieler in der Episode Homeland 2x07

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