Homeland 2x06

Wem gehört der öffentliche Raum? Den Bürgern, die diesen Raum nutzen? Oder dem Staat, der diesen Raum schützen will? Was der Prämisse von Homeland inhärent ist, wird zu Beginn der Episode A Gettysburg Address noch einmal in Bildern ausformuliert. Die lückenlose Überwachung sämtlicher Plätze, Straßen, Gehwege, Stationen des öffentlichen Nahverkehrs zum vermeintlichen Schutz der Zivilbevölkerung vor terroristischen oder sonstigen Anschlägen soll den Jägern von der Central Intelligence Agency ihre Arbeit erleichtern.
Wem gehört der öffentliche Raum?
Vielleicht ist es das, was diese Serie momentan so beliebt macht. Sie bietet eine Projektionsfläche sowohl für Gegner als auch für Befürworter einer totalen optischen Transparenz. Sie greift drängende zivilgesellschaftliche und politische Fragen auf und verarbeitet sie leicht verständlich in Geschichten. Den einen läuft beim Anblick dieser Geschichten ein kalter Schauer über den Rücken, den anderen (die von sich selber denken, nichts zu verbergen zu haben) geben sie ein behagliches Wohl- und Sicherheitsgefühl.
Inmitten dieses Szenarios stehen nun also unsere Protagonisten. Und der Zuschauer mit seinem allwissenden Auge weiß als Einziger, wer alles was genau zu verstecken hat. Es macht ihm großes Vergnügen, dabei zuzusehen, wie sich die einzelnen Charaktere in die verzwicktesten Situationen hinein begeben und wieder heraus lavieren. Und Nicholas Brody (Damian Lewis) steht dabei im Auge des Sturms. An seinem Rockzipfel hängen nicht nur seine Frau und die Kinder, nein, er ist gleichzeitig für die nationale Sicherheit verantwortlich. Als wäre das nicht genug, schnüffeln auch noch seine ehemaligen Kameraden Mike Faber (Diego Klattenhoff) und der wunderbar paranoid-griesgrämige Lauder Wakefield (Marc Menchaca) hinter ihm her.
Und, ach ja, da wäre noch Carrie (Claire Danes). Ihre Beziehung zu Brody ist eine der wenigen großen Geheimnisse, in die der Zuschauer nicht eingeweiht ist. Einzelne zärtliche Berührungen und eine große Emotionalität auf beiden Seiten lassen darauf schließen, dass dieser Teil der Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist, wenngleich Brody einzelne Annäherungsversuche als Taktik entblößt. Nicht einmal in diesen Situationen weiß der Zuschauer, ob Brodys Anschuldigungen gerechtfertigt sind.
Für jemanden ohne großartige Alternativen erweist sich Brody außerdem als außerordentlich selbstbewusst. Keine Entscheidung des CIA-Teams um Carrie und Peter Quinn (Rupert Friend), die nicht von ihm angezweifelt und hinterfragt würde. Gleichzeitig ist immer noch nicht abschließend geklärt, ob er sich überhaupt schon für eine Seite entschieden hat.
Dana und das schlechte Gewissen
Dieses undurchsichtige Geflecht wurde in der letzten Episode durch ein weiteres Brody-Familienmitglied ergänzt: Dana (Morgan Saylor). Ihre beinahe tödlich endende Spritzfahrt mit dem Politikersprössling Finn Walden (Timotheé Chalamet) wird nun aufgearbeitet. Erwartungsgemäß plagt Dana das schlechte Gewissen, Finn vor allem die Sorge um die Reputation seiner Familie und die eigene Zukunft. Er versucht sie zu beruhigen, was ihm nicht gelingt. Sie schwänzt den Unterricht, um ihr Opfer auf der Intensivstation des Krankenhauses zu suchen. Was sie dort vorfindet, trägt nicht unbedingt zur Beruhigung ihres Gewissens bei.
Zurück zur Hauptgeschichte. Nachdem es trotz totaler Überwachung und Gesichtserkennungssoftware nicht gelungen ist, den Kontaktmann von Roya Hammad (Zuleikha Robinson) zu identifizieren, soll Brody ihr eine Story von einem abgehörten Telefonat Carries auftischen. Als Brody ihr ohne vorherige Absprache im Kongressgebäude die Nachricht überbringt, schöpft sie zwar Verdacht und stellt ihm einige kritische Fragen. Der Zuschauer bleibt jedoch im Dunkeln darüber, ob sie sein Doppelspiel durchschaut.
Eine großartige Hilfe bei der Identifizierung des Kontaktmannes Hammads ist auch Brody nicht. Er geriert sich als einfacher Befehlsempfänger. Als Carrie und Quinn Druck auf ihn ausüben, gibt er immerhin zu, dass der Bombenbauer von Gettysburg, Bassel (Nasser Faris), tot ist. Nach einem kurzen Wutausbruch Quinns führt dieser ein Forensikteam in das Geschäft des Schneiders. Sie finden erst einmal nichts Nennenswertes.
Die Familie Brody befindet sich derweil an verschiedenen Fronten in Aufruhr. Nachdem es Mike Faber unter einem Vorwand gelingt, Brodys Garage zu durchsuchen und er dessen Pistole inklusive fehlender Munition findet, präsentiert er diese dürftige Beweislage sogleich Jessica (Morena Baccarin), die ihm aber nicht glaubt und ihm zum Beweis das ihr angetraute Geheimnis Brodys verrät. An anderer Stelle konfrontiert Dana Finn mit ihren Erlebnissen im Krankenhaus. Er drängt sie daraufhin zum wiederholten Male mit dem Hinweis auf seine exponierte Stellung dazu, stillzuhalten.
Bis zu diesem Zeitpunkt schritt die Episode in gemächlichem Erzähltempo voran, zum Ende entlässt Homeland uns Zuschauer jedoch mit einem krachenden Cliffhanger. Und schon stehen wieder neue Fragen und Geheimnisse im Raum.
Fazit
Die Macher von (Homeland) beweisen wieder einmal ein feines Gespür für die Gesetzmäßigkeiten der momentan vorherrschenden Aufmerksamkeitsökonomie. Erzählen sie eine spannende Episode, entlassen sie den Zuschauer sanft in seinen Alltag. Plätschert jedoch die Episode so vor sich hin, zum Beispiel indem sie die Mühen des Spionagealltags porträtiert, kann man fast davon ausgehen, dass es am Ende noch zu einem großen Knall kommen wird.
Inwieweit dies zu einer gewissen Vorhersehbarkeit führt, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend geklärt werden. Die letzten Episoden stellten eine Zäsur dar, die zumindest die Geschichte um Brody in eine neue und für viele Zuschauer unerwartete Richtung lenkte. Das Überraschungsmoment am Ende der Episode A Gettysburg Address lässt jedenfalls viele neue Fragen aufkommen. Man hätte sich damit eventuell eine Episode mehr Zeit lassen können, für den sensationsgeilen und stets nach neuem Diskussionsmaterial lechzenden Serienjunkie in uns allen kam der Moment jedoch keine Sekunde zu früh.
Um den Eingangsgedanken noch einmal aufzugreifen: Dem kritischen Zuschauer stellt sich also nach den Ereignissen die Frage, ob eine erhöhte Überwachung nun wirklich auch eine Verhinderung von Anschlägen bewirkt, oder ob sie lediglich zu größerer gesellschaftlicher Paranoia führt und damit die Bewegungsfreiheit eines jeden Einzelnen erheblich einschränkt.
Natürlich muss man dabei bedenken, dass es sich bei Homeland um eine TV-Serie handelt, die in erster Linie unterhalten will. Jedoch haben die besten Serien auch immer auf einer höheren Ebene funktioniert und vor allem politisch-gesellschaftlich relevante Fragen gestellt. Und in diese Kategorie gehört Homeland allemal.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 5. November 2012(Homeland 2x06)
Schauspieler in der Episode Homeland 2x06
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