Homeland 2x05

Die Voraussetzungen der Homeland-Episode Q&A sind klar und schnell erzĂ€hlt: Nach der ĂŒberraschenden Konfrontation Brodys (Damian Lewis) durch Carrie (Claire Danes) und dessen schneller Verhaftung darf das Team um Peter Quinn (Rupert Friend), Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Carrie keine Zeit verlieren. Denn je lĂ€nger Brodys Familie, seine Kollegen und vor allem seine konspirativen Mitstreiter ĂŒber seinen Verbleib im Ungewissen bleiben, desto stĂ€rker wĂ€chst der Verdacht, dass ihm etwas zugestoĂen sein könnte oder er inhaftiert wurde. Saul beziffert die ihnen verbleibende Zeit prĂ€zise auf 24 Stunden.
Zuerst versucht Peter Quinn als Leiter der Operation sein GlĂŒck. Mit seiner bad cop-Masche beiĂt er bei Brody jedoch schnell auf Granit. Selbst nach Konfrontation mit dem Bekennervideo lĂ€sst dieser alle Anschuldigungen an sich abtropfen und fĂŒhrt dem Team vor Augen, dass sie auĂer dem Video keine wirklichen Beweise hĂ€tten. Nachdem Quinn den scheinbar letzten Strohhalm ergreift und Brody foltert, schreitet Saul ein und zieht ihn von der Befragung ab.
Ein gutes Drittel der Zeit plĂ€tscherte die Episode nun so vor sich hin. Bis auf den Aufreger um Quinns Verhörmethoden gibt es nichts Ăberraschendes oder Besonderes zu vermerken. Nun jedoch wendet sich das Blatt. Man hat plötzlich das GefĂŒhl, die Episode gehe jetzt erst richtig los. Ab sofort schlĂ€gt nĂ€mlich Carries groĂe Stunde. Saul gibt ihr das Zeichen, mit dem Verhör Brodys fortzufahren.
Ready for lift-off?
Was fortan zu sehen ist, kann getrost als eines der Höhepunkte im Bereich der amerikanischen Dramaserie bezeichnet werden. Es entfaltet sich ein Kammerspiel zwischen Carrie und Brody von bisher ungesehener QualitĂ€t. Dies gilt sowohl fĂŒr die technischen als auch die kreativen Aspekte der Episode. Die herausragende Ausleuchtung der Verhörszenen, das Wechselspiel von Licht und Schatten auf den Gesichtern der Protagonisten wĂŒrde man vielleicht in einem Kinofilm erwarten, höchstens noch zu einem Serien- oder Staffelfinale, aber nicht unbedingt in einer gewöhnlichen Episode mitten in der Staffel. Gleiches gilt fĂŒr die Ausstattung und das Design des Ăberwachungsraums. Die Anordnung der leuchtenden Computerbildschirme in einem ansonsten nahezu dunklen Raum, den Gefangenen Brody aus allen möglichen Winkeln zeigend, konnte in dieser vollendeten Form selten bestaunt werden. Hinzu kommt die musikalische Untermalung, der score, der die förmlich greifbare Spannung zwischen Carrie und Brody auf die Spitze treibt.
Nun erst einmal wieder zurĂŒck zur Handlung. Carrie eröffnet das Verhör mit einem emotionalen Monolog auf persönlicher Ebene, an dessen Ende sie Brody vorwirft, daran schuld zu sein, dass sie beinahe alles verloren hĂ€tte, inklusive ihrer geistigen Gesundheit. Brody bleibt Ă€uĂerlich hart, lĂ€sst sich jedoch eine Entschuldigung fĂŒr Carries persönliche und berufliche Verluste abringen.
Als sie damit nicht weiterkommt, greift sie zu einer höchstwahrscheinlich vorher nicht abgesprochenen MaĂnahme. Sie schaltet alle Kameras aus, befreit Brody von den Handschellen und lĂ€sst ihm Wasser bringen. So möchte sie ihn in Sicherheit wiegen. Fortan können Saul und Quinn im Nebenzimmer nur noch zuhören.
It's the lies that undo us
Carrie bleibt auf der persönlichen Ebene, sie versucht, immer weiter in Brodys Psyche vorzudringen. Ăber den BrĂŒckenschlag, wie sie beide ihre Kriegserfahrungen verarbeiten, stöĂt sie bei ihm auf einen wunden Punkt: Die LĂŒgen. Sie konfrontiert ihn damit, dass Abu Nazir (Navid Negahban) ein Monster sei, das terroristische AnschlĂ€ge auf unschuldige BĂŒrger verĂŒbe, auf MĂŒtter und Kinder, auf die Jessicas, Chrises und Danas dieser Welt. An dieser Stelle wagen sich die Autoren so weit vor, dass sie Wahrheit mit Fiktion vermischen. Das terroristische Mastermind Nazir stecke auch hinter den (realen) AnschlĂ€gen in Kenia 1998 und Madrid 2004.
Carrie portrĂ€tiert Brodys Leben als einen einzigen Scherbenhaufen. FĂŒr das zerbrochene Porzellan seien Abu Nazir und der amerikanische VizeprĂ€sident (Jamey Sheridan) verantwortlich. Der Unterschied zwischen den beiden sei jedoch der Unterschied zwischen KriegsfĂŒhrung und Terrorismus. Ja, VizeprĂ€sident Walden hat den kleinen Issa indirekt auf dem Gewissen, aber nein, er hat ihn nicht gezielt töten lassen, wie es Abu Nazir mit Opfern auf amerikanischem Boden zu tun gedenkt.
Die Spannung zwischen den beiden erreicht zum Ende der Episode dann ihren Höhepunkt. Als alle bisherigen Verhörtricks nicht geholfen haben, vermischt Carrie verschiedene emotionale Ebenen - seine Familie, seine AffĂ€re mit ihr, die mögliche Erleichterung, nicht mehr lĂŒgen zu mĂŒssen - zu einem groĂen Potpourri aus Schuld und Scham und lĂ€sst Brody darin schmoren.
Und dann schafft sie es endlich: Wieder einmal ist seine Tochter Dana der tipping point. Auf ihren Anruf angesprochen, der ihn am Ende der ersten Staffel von seinen AnschlagsplĂ€nen abhielt, bricht es aus ihm heraus. Er bejaht, von Abu Nazirs PlĂ€nen zu wissen und verrĂ€t nacheinander die IdentitĂ€ten seiner Kontakte in Amerika: Roya Hammad (Zuleikha Robinson), der Bombenbauer von Ghettysburg, der saudische BotschaftsattachĂ© und Tom Walker (Chris Chalk). Mental völlig ausgelaugt und am Ende seiner KrĂ€fte nimmt er Carries Hand und legt seinen Kopf auf die Tischplatte. Es ist gleichzeitig Erleichterung und völliges Entsetzen, die in ihm aufsteigen. Endlich keine LĂŒgen mehr.
Fazit
Es wurde hier absichtlich darauf verzichtet, die Nebenplots weiter zu erlĂ€utern, um den dramaturgisch brillanten Wortwechsel zwischen Carrie und Brody in seinem ganzen Detailreichtum auszuleuchten. Mit Sicherheit wird Danas (Morgan Saylor) Storyline im weiteren Verlauf der Staffel noch eine wichtige Rolle spielen, fĂŒr die Einzigartigkeit dieser Episode ist sie jedoch eher nachrangig.
Auch die Tatsachen, dass Brody nun mit der CIA zusammenarbeitet, um Abu Nazirs PlÀne zu vereiteln, und von seiner Ehefrau Jessica (Morena Baccarin) wieder ins gemeinsame Haus aufgenommen wird, sind nicht ausschlaggebend. Man hÀtte die Episode als reines Kammerspiel nur in einem Raum inszenieren können, sie wÀre nicht weniger gut geworden.
Dem Zuschauer wird ein LehrstĂŒck an Verhörmethoden vorgefĂŒhrt, welches durch das exzellente Spiel von Claire Danes und Damian Lewis fĂŒr atemlose Spannung sorgt. Sekunden scheinen eine Ewigkeit zu dauern, in Brodys Gesicht zeichnen sich Qual und Martyrium der letzten Monate und Jahre ab. Man kann sich nicht entscheiden, ob Carries TrĂ€nen echt sind oder geschauspielert und ob sie wirklich noch GefĂŒhle fĂŒr ihn hat. Eine der letzten Szenen im Auto bringt in dieser Frage zumindest etwas mehr Erkenntnis in eine bestimmte Richtung.
Wegen des perfekten Zusammenspiels von Technik, KreativitÀt, schauspielerischer Leistung, Spannung und nicht zuletzt des wiedergekehrten Realismus, der in vorigen Episoden etwas vermisst wurde, erhÀlt diese Episode vom Rezensenten die Höchstwertung.
Doch was bedeutet dies alles? Wie geht es weiter?
Vielleicht nimmt das Ende der Episode es schon vorweg: Carrie kommt nach Hause, greift zum WeiĂweinglas, setzt sich ins dunkle Wohnzimmer und ist: alleine.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 29. Oktober 2012(Homeland 2x05)
Schauspieler in der Episode Homeland 2x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?