Hannibal 3x11

Hannibal 3x11

Zum Ende der letzten Staffel von Hannibal wird immer offensichtlicher, dass die Geschichte um den Red Dragon etwas zu dünn ist, um sie auf eine halbe Staffel auszuwalzen. In ...And the Beast from the Sea kann das aber dank einer hochspannenden Actionsequenz aufgefangen werden.

Molly (Nina Arianda) und Will Graham (Hugh Dancy) in „Hannibal“ / (c) NBC
Molly (Nina Arianda) und Will Graham (Hugh Dancy) in „Hannibal“ / (c) NBC

Ich habe mir sagen lassen, dass sich Bryan Fuller und sein Autorenteam sehr nah an der Romanvorlage von Thomas Harris entlanghangeln, um die Geschichte des „Great Red Dragon“ zu erzählen. Schon in der letzten Episode wurde jedoch offenbar, was ...And the Beast from the Sea nun bestätigt: Die Vorlage liefert nicht genug Material, um mehrere Episoden damit zu füllen. Das bedeutet nun nicht, dass das Ausgangsmaterial ungenügend wäre - es bedeutet schlichtweg, dass nicht genug davon da ist.

You got what you wanted

Erschwert wird das Ende der Horrorserie Hannibal überdies durch die Gefangennahme ihrer Hauptfigur. Der Titelcharakter strahlt weit weniger Gefahr aus, seit er seine Tage hinter schusssicherem Glas verbringt. Da kann sich der weiterhin exquisite Mads Mikkelsen auch noch so sehr anstrengen - ein Hannibal ohne leckeres Kannibalenmahl oder furchteinflößende Mordtableaus ist einfach nicht mehr so unterhaltsam. Der neue Antagonist - der selbsternannte Great Red Dragon (Richard Armitage) - schafft es derweil nicht annähernd, die monströsen Fußstapfen seines Idols auszufüllen.

Es ist nahezu unmöglich, Sympathien für diesen geistig schwer Gestörten aufzubringen. Selbstverständlich sollte das bei einem Serienmörder schwerfallen, aber selbst eine morbide Faszination wie gegenüber Hannibal will sich bei mir nicht einstellen. Was bei dem das Kochen und die vornehmen Manierismen waren, soll bei Dolarhyde durch die Beziehung zu seiner Kollegin Reba (Rutina Wesley) ersetzt werden. Aber auch das funktioniert nur eingeschränkt. Mir war es herzlich egal, als er in dieser Episode seine Trennung von ihr verkündete, weil er - wie er ganz offen zugibt - Angst hat, sie zu verletzen.

Viel eher stiftet das Ende dieses Handlungsbogens zum Jubeln an - was nicht gerade für seinen Unterhaltungswert spricht. Daran hat mich besonders auch der konstruierte Umgang mit anachronistischer Technologie gestört. In der Szene, in der sich Francis einen Überwachungsfilm auf echtem Film anschaut, habe ich ernsthaft kurz überlegt, ob wir überhaupt wissen, in welcher Zeit die Serie spielt. Wenig später gibt Hannibal darüber Auskunft. Auf Wills Frage, wie der Red Dragon seine Opfer aussucht, antwortet der Kannibale auf seine gewohnt trockenhumorige Art: „Social media, I'm assuming. Can't be too careful with privacy settings.

Das ist witzig, weist aber auf ein größeres Problem der Episode hin. Wieso nimmt Dolarhyde den Stress auf sich, Wills Familie per Filmkamera zu überwachen, wenn er dafür einfach ein Handy - oder eine GoPro - einsetzen könnte? Ist dies direkt aus Harris' Geschichte übernommen oder haben die Autoren nur nach einem Weg gesucht, wie sich Francis den Stummfilm anschauen könnte, während die blinde Reba in seinen Armen liegt, ohne einen Verdacht zu schöpfen? So oder so - diese kleine Detail ist ärgerlich, weil es so einfach hätte vermieden werden können.

Suicide suits me just fine

Zu Beginn der Episode berät sich Jack Crawford (Laurence Fishburne) mit Will Graham (Hugh Dancy) und Alana Bloom (Caroline Dhavernas) über das weitere Vorgehen auf der Suche nach der „Tooth Fairy“. Jack lässt seine Kollegen wissen, dass ihm beinahe jedes Mittel recht sei, um den Fanatiker zu fassen - wenn er in den Selbstmord getrieben werden könne, solle diese Möglichkeit ausgelotet werden. Hannibal hat für den Gepeinigten - von dem wir immer noch nicht wissen, woher seine Zerrissenheit stammt - indes einen anderen, für Will Graham und seine Familie weitaus gefährlicheren Ratschlag.

He has a family. Save yourself. Kill them all.“ So könne Dolarhyde den Red Dragon weitergeben. Also tut der Psychopathen-Apologet, wie ihm befohlen, womit wir zum mitreißendsten Teil der Episode gelangen. Bei Vollmond dringt Francis in Wills Wohnhaus ein, wo Molly (Nina Arianda) und Wally (Gabriel Browning Rodriguez) schlafen. Zuvor hatte Molly entschieden, Will nichts vom vergifteten Hund zu erzählen, womit diese Gefahrensituation hätte vermieden werden können.

Aufgrund dieser Verfehlung (die eher vom Drehbuch als von der Figurenmotivation gesteuert war) entwickelt sich ein hochspannendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Dolarhyde und seinen potentiellen Opfern. Molly reagiert jedoch unerwartet geistesgegenwärtig. Vom ersten ungewöhnlichen Geräusch wird sie wach - und nicht nur das: Sie weiß sofort, dass Gefahr droht. Also schleicht sie ins Kinderzimmer, weckt Wally, gibt ihm genaue Instruktionen und verfolgt selbst einen Fluchtplan, der so präzise ist, dass man glauben könnte, sie hätte ihn zuvor schon einmal durchgespielt.

Regisseur Michael Rymer gelingt es exzellent, die genaue Geographie der Bedrohung darzustellen. Wir Zuschauer wissen in jedem Moment, wo sich die verfeindeten Parteien befinden. Mittlerweile nehmen wir die hinreißende visuelle Umsetzung dieser Serie ja beinahe schon als gegeben hin - hier muss dafür aber noch einmal ein gesondertes Lob ausgesprochen werden. Leider kann diese tolle Actionsequenz allein - während der ich beinahe das Atmen vergaß - nicht den großen Rest der Episode aufwerten.

How's the wife?

Das Ende hingegen ist vielversprechend. Darin läutet Hannibal sein endgame ein. Zuvor sind ihm Jack und Alana auf die Schliche gekommen. Sie wissen, dass er mit Dolarhyde kommuniziert und fordern ihn auf, seinen Jünger so lange am Telefon zu halten, bis der Ort des Telefonanrufs lokalisiert werden kann. Hannibal folgt dieser Aufforderung, spricht am Ende aber eine Warnung an Dolarhyde aus, die unmissverständlicher kaum sein könnte. Um die Konfrontation zwischen Francis und Will - sein Design - nicht zu gefährden, nimmt er gar den Verlust sämtlicher Annehmlichkeiten in seiner Zelle in Kauf, was uns den ikonischen Anblick von Hannibal mit Gesichtsmaske auf dem Sackkarren beschert.

Dann geht er dazu über, Will ebenso zu manipulieren wie den Red Dragon: „Two souls, alas, are dwelling in my breast, and one is trying to forsake the other.“ Dolarhyde habe seine Opfer nicht getötet, er habe sie verändert. Zu diesem Schluss kommt Will mit Hilfe seiner Nemesis selbst, die anschließende Frage kann indes nur er beantworten: „Don't you crave change, Will?

Die Zwiegespräche zwischen Hannibal und Will gehörten schon immer zu den stärksten Elementen der Serie. Sie funktionieren auch hier noch sehr gut, wobei ich besonders schätze, dass Fuller die Ausführungen seines Titelhelden mit einer feinen Prise Humor garniert. Eine zügigere Vorgehensweise würde Hannibal zu diesem Zeitpunkt aber durchaus helfen, weil der Kannibale in seiner Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt ist und sein dramaturgischer Ersatz nicht über die gleiche uneinnehmbare Aura verfügt. Diese Finalepisoden sind alles andere als schlechtes Fernsehen, jedoch würden sie von einer ordentlichen Portion Brisanz profitieren.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 16. August 2015
Episode
Staffel 3, Episode 11
(Hannibal 3x11)
Deutscher Titel der Episode
Das verlorene Licht
Titel der Episode im Original
...And the Beast from the Sea
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 15. August 2015 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 14. November 2015
Autoren
Steve Lightfoot, Bryan Fuller
Regisseur
Michael Rymer

Schauspieler in der Episode Hannibal 3x11

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