Hannibal 3x12

Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn man während einer beliebigen TV-Episode anfängt, über Fehler in der Plotkonstruktion nachzudenken, statt sich von dem Ablaufenden vereinnahmen zu lassen. Bei Hannibal und mir war das bisher nie der Fall - bis zu dieser Episode. Die Handlung kriecht in The Number of the Beast is 666 so langsam auf das Serienfinale zu, dass ausreichend Zeit bleibt, sich über logische Inkonsequenzen Gedanken zu machen. Die Episode endet wie so viele vor ihr: Der selbsternannte „Great Red Dragon“ (Richard Armitage) verkündet seine angenommene Identität vor einem weiteren Opfer.
The child of a nightmare
Diesem Opfer - Reba (Rutina Wesley) - kommt hier eine zentrale Rolle zu, an der sich ein Teil meiner Kritik festmachen lässt. Nachdem sich Dolarhyde in der letzten Episode von ihr getrennt hat (um sie vor ihm selbst zu schützen), taucht sie nun an seiner Türschwelle auf, just als er sich gerade der Verstümmelung von Frederick Chilton (Raul Esparza) widmen will. Diese Szene scheint nur in die Geschichte geschrieben worden zu sein, damit Will (Hugh Dancy) und Jack (Laurence Fishburne) am Ende der Episode den entscheidenden Hinweis bekommen können. Außerdem hätte die blinde Reba, deren erhöhte Sinneswahrnehmung bereits hinreichend etabliert wurde, doch merken müssen, dass sich eine dritte Person im Raum befindet.
Und warum lässt Francis sie überhaupt zu sich ins Haus? Auch das passiert nur, weil es vom Drehbuch so vorgesehen ist. In die gleiche Kategorie gehört auch die Frage, wie zur Hölle Chilton den Feuerstuhl überlebt haben soll. Muss es nicht Dolarhydes höchste Priorität sein, den Tod des ruhmsüchtigen Psychologen sicherzustellen - damit genau das nicht passiert, was am Ende der Episode passiert? Entführt er deswegen Reba am Ende der Episode? Weil sie zu viel weiß? Bei aller visueller Opulenz verdirbt es doch merklich das Sehvergnügen, wenn so viele Fragen aufgeworfen werden.
Überdies ist meine Faszination am Red Dragon längst erschöpft. Ich habe schon vor drei Episoden verstanden, dass er sich nicht als Mörder, sondern als Künstler sieht, der seine Opfer nicht tötet, sondern sie verwandelt. Sowohl die langwierigen Sequenzen mit Chilton und Reba sind somit obsolet. Ich kann hier nur meine Kritik aus den letzten Episoden wiederholen, weil ja tatsächlich nichts Neues passiert: Dolarhyde ist als Charakter nicht ausgereift genug, um irgendwelche Sympathien für ihn zu empfinden. Furchteinflößend ist er sowieso schon lange nicht mehr - eher ein armes, bemitleidenswertes, geistesgestörtes Würstchen. Die Szene, in der er den eigenen Schreibtisch erklimmt, um auf Chilton zuzuklettern, ist indes tatsächlich unheimlich.
Je mehr die Tooth Fairy in meinem Ansehen sinkt, desto absurder wird die Ehrfurcht, die sämtliche Figuren der Serie - ausgenommen Hannibal (Mads Mikkelsen) - vor ihm haben. Während Dolarhyde in seinen Szenen der Grenze zum Trash nicht nur nahekommt, sondern sie auch überschreitet, besprechen wahlweise Will und Bedelia (Gillian Anderson) oder Alana (Caroline Dhavernas) und Jack mit bierernster Mine, wie diesem Serienkiller auf psychologischer Ebene beizukommen sei.
You owe me awe
Das Geschwafel zwischen Bedelia und Will ist nur noch eine Parodie der früheren Unterredungen zwischen Will und Hannibal. Der Erkenntnisgewinn bleibt minimal. Ich habe mich währenddessen nur noch gefragt, warum Will eigentlich gerade diese Person als seine Therapeutin ausgesucht hat, die doch so eindeutig nicht daran interessiert ist, ihm weiterzuhelfen, sondern viel eher ihre morbide Faszination für seine Verwicklung mit Hannibal auslebt. Statt mit Bedelia, die ihren dramaturgischen Nutzen längst überlebt hat, psychotherapeutischen Nonsens auszutauschen, würde Will besser wieder seine Pendeltechnik zum Einsatz bringen. Aber dann hätte die Geschichte wohl schon vor einigen Episoden zu ihrem natürlichen Ende gefunden.
So wird künstlich in die Länge gezogen, was schon längst keine interessante Story mehr ist. Gespickt ist das von gleich vier Autoren - Jeff Vlaming, Angela Lamanna, Bryan Fuller und Steve Lightfoot - ersonnene Konvolut mit abstrusen Nachlässigkeiten wie der Tatsache, dass die Post an Hannibal nicht geöffnet wird, bevor man sie ihm überreicht. Und das nur, damit man diese winzige Szene einbauen kann, in der er eine Lippe Chiltons verspeist. Wir sollen dadurch wohl daran erinnert werden, dass Hannibal einst ein furchteinflößender Kannibale war. Das Einzige, an was ich dabei denken musste, war jedoch die Gewissheit, dass der Red Dragon niemals solchen Horror verbreiten wird wie unser aller liebster Menschenfresser.
Es ist ein bisschen traurig, dass dieser einstmals herausragenden Serie auf der Zielgeraden so bemerkenswert rasant die Luft ausgeht. In früheren Episoden konnte die bedeutungsschwangere Ernsthaftigkeit der meisten Figuren durch Hannibals fröhlich-charmante Fassade aufgefangen werden. Seit der aber hinter schusssicherem Glas festsitzt, ist das Format völlig blutleer. Die immer noch wunderschönen Einstellungen wirken derzeit wie im Museum ausgestellt. Sie sind nicht mehr lebendig, können keine mitreißende Geschichte erzählen. Das ist schade, kann aber die Erinnerung an zweieinhalb hervorragende Staffeln nur milde trüben.
Die Review zum Serienfinale in der nächsten Woche übernimmt mein geschätzter Kollege Mario, da ich im Urlaub weile. Allen "Hannibal"-Fans wünsche ich ein tolles, blutiges Finale!
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 23. August 2015(Hannibal 3x12)
Schauspieler in der Episode Hannibal 3x12
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