Hannibal 3x10

Hannibal 3x10

Erst ganz am Ende nimmt die Episode ...And the Woman Clothed in Sun richtig Fahrt auf, bevor sie uns mit einem großartigen Cliffhanger entlässt. Davor ergehen sich neue und alte Figuren in langen philosophischen Exkursen über die Natur des menschlichen Bösen.

Tooth of the Tiger - vielleicht auch interessant für die „Fairy“? / (c) NBC
Tooth of the Tiger - vielleicht auch interessant für die „Fairy“? / (c) NBC

Nun sind es nur noch drei Episoden, bis sich die avantgardistische Horrorserie Hannibal wohl für immer verabschiedet. Die Aussichten auf Rettung waren zuvor schon schlecht - nun, da aber sowohl Showrunner als auch Hauptdarsteller neue Engagements haben, können wir uns getrost vom letzten Strohhalm verabschieden. Selbst die Aussicht auf einen abschließenden Film ist nicht besonders gut. Ob sich dieses Gefühl der Finalität bei Bryan Fuller schon breitgemacht hatte, als er das Drehbuch für diese neue Episode entwarf, darf indes bezweifelt werden.

You dared to care

Hätte Fuller gewusst, dass ...And the Woman Clothed in Sun mit Sicherheit die viertletzte Episode dieser visuell überwältigenden Serie wäre, hätte er sie eventuell etwas actionreicher gestaltet. So müssen wir uns bis zum Ende der Episode gedulden, bis endlich etwas Aufregung aufkommt. Diese Leerstelle ist vor allem auf die weitgehende Absenz der titelgebenden Hauptfigur zurückzuführen. Hannibal (Mads Mikkelsen) kann weiterhin größtenteils nur reagieren, seine Psychospielchen sind weniger effektiv, wenn er sie hinter einer massiven Glaswand betreiben muss.

Einmal gelingt es ihm trotzdem, das Überwachungssystem zu überlisten - wenn dafür auch nicht besonders viel Geschick, dafür aber eine gehörige Portion suspension of disbelief seitens uns Zuschauer notwendig ist. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass einer der gefährlichsten lebenden Serienmörder so einfach einen beliebigen Telefonanruf durchführen kann. Zum Anruf seines Jüngers Francis Dolarhyde (Richard Armitage) am Ende der letzten Episode bekommen wir indes Aufklärung, wobei auch hier die Überlistungstechniken nicht gerade die raffiniertesten sind.

Sehenswert sind sie allemal, denn auch Dolarhyde aka „The Great Red Dragon“ kann sich beliebig Zugang zum eigenen mind palace verschaffen. Dort sieht er das genaue Gegenteil von seinem Bild in der Presse, die Idealvorstellung seiner Selbstwahrnehmung - sich selbst als roter Drache aus dem Gemälde von William Blake. Die Szene ist visuell überzeugend umgesetzt, entspringt aber einer etwas fragwürdigen Motivation des Vollmondmörders. Ebenso wichtig wie die Anerkennung der Öffentlichkeit ist ihm offensichtlich die Anerkennung durch sein Idol: „I want to be recognized by you.

Francis Dolarhyde (Richard Armitage) aus der leicht verzerrten Eigenperspektive © NBC
Francis Dolarhyde (Richard Armitage) aus der leicht verzerrten Eigenperspektive © NBC

Dadurch blättert der Glanz seines furchteinflößenden Lacks. Die Sucht nach öffentlicher Aufmerksamkeit schiebt ihn in die nicht gerade angstverbreitende Ecke des mit Selbstzweifeln belasteten und von Selbstmitleid geplagten Problemkinds. Warum er dort hockt, war zwar schon zuvor klar, schließlich hat er wegen seiner Hasenscharte und dem damit einhergehenden Sprachfehler schwere Selbstwertkomplexe.

Extreme acts of cruelty require a high level of empathy

Der Eindruck wird aber verstärkt, indem er diesen Wunsch nach Anerkennung auch noch ausspricht - Armitage ist ein so guter Schauspieler, er hätte diese Gefühle sicherlich auch wortlos über Mimik und Gestik transportieren können. Hinzu kommt, dass Zuschauer ohne Buch- und Filmwissen (zu denen ich gehöre) mit Ausnahme einer kurzen Rückblende immer noch keine Erklärung für seine abnormalen Verhaltensweisen bekommen haben. Nun muss ich nicht unbedingt eine Episode mit der origin story dieses neuen Bösewichts verbringen, vielleicht wäre aber wenigstens ein kurzer Ausflug in seine Vergangenheit effektiver gewesen, als ihn die eigenen Komplexe aussprechen zu lassen.

Stattdessen bekommen wir mehrere Szenen mit Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson), die bisher keinem nachvollziehbaren dramaturgischen Sinn folgen. Natürlich verfolgt Will Graham (Hugh Dancy) mit seinen Besuchen bei ihr ein offensichtliches Ziel. Er will aus der Unterredung mit ihr Informationen ziehen, die er bei Hannibal einsetzen kann, um so näher an die neue Zielperson zu rücken. Am Ende bekommt er ebenjene Informationen aber nicht dank dieser Befragungen, sondern durch die eigene Ermittlungsarbeit.

Selbst Hannibal hat zum chinesischen Symbol, das von Francis hinterlassen und von Will gefunden wurde, nichts hinzuzufügen, was der Profiler nicht selbst anhand einer kurzen Recherche hätte herausfinden können. Die Spur führt zum Gemälde des „Great Red Dragon“ von William Blake, das im Brooklyn Museum aufbewahrt wird. Dass Will die „Tooth Fairy“ schließlich zu Gesicht bekommt, ist aber nur zu einem Bruchteil seiner Ermittlungsgabe und vielmehr dem Zufall geschuldet.

Reba (Rutina Wesley) in Francis%26#039; Traumvorstellung © NBC
Reba (Rutina Wesley) in Francis%26#039; Traumvorstellung © NBC

Warum sich Fuller und Koautor Don Mancini dazu entschlossen haben, diese narrative Abkürzung zu nehmen, bleibt ihr Geheimnis. Ich habe bereits mehrfach vernommen, dass sich diese letzten Episoden sehr nahe an der Buchvorlage entlanghangeln, weswegen das zufällige Aufeinandertreffen eventuell einer ähnlichen Begegnung im Roman geschuldet ist. Trotzdem hätte ich lieber noch einmal das schwingende Gedankenpendel von Will gesehen, statt Bedelias ermüdenden Erläuterungen über die inhärent gewalttätige menschliche Natur beizuwohnen.

A primal rejection of weakness

Dabei wird sogar eine neue Figur eingeführt, die zur übrigen Handlung gar keine Verbindung hat - und das nur, um Bedelias philosophischen Ausführungen mehr Nachdruck zu verleihen: „The next time you consider helping someone, you might consider crushing them instead. It could save you a great deal of trouble.“ Trotz dieser Aussage gegenüber Will versucht sie, ihren Patienten mit einem beherzten Griff in die Luftröhre zu retten - ohne Erfolg. Anderson ist eine hervorragende Schauspielerin, in diesem Handlungsbogen übertreibt es Fuller aber für meinen Geschmack mit seinem Hang zum Bedeutungsschwangeren.

Besser funktioniert da schon die Darstellung der zart blühenden Romanze zwischen Francis und seiner Kollegin Reba (Rutina Wesley). Er macht sie zu seiner persönlichen „Woman Clothed in Sun“ - ein Anblick, den uns Regisseur Guillermo Navarro visuell versüßt. Auch der Ausflug in den Zoo zum narkotisierten Tiger ist hyperstylisch und sehr ansehnlich umgesetzt. Die Belohnung für Francis lässt nicht lange auf sich warten. Noch in der Liebesnacht mit Reba wird er aber von Albträumen geplagt, die ihm am Morgen glaubhaft suggerieren, dass er seine Liebhaberin umgebracht haben könnte.

Weil Francis schließlich beim einmaligen Verzehr seiner Leibspeise gestört wird, bekommt Will dessen furchteinflößende Kraft zu spüren. Wie ein Spielzeug hebt er ihn vom Boden auf und lässt ihn unsanft fallen. Mit diesem Monster ist nicht zu spaßen - auch wenn dank Überwachungskameras im Museum nun eigentlich jeder sein Gesicht kennen müsste. Vielleicht schauen Fuller und Konsorten darüber ja in den nächsten Episoden müde lächelnd hinweg. So oder so - auch angesichts dieser kurzen Atempause können wir uns auf explosive Finalepisoden freuen.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 10. August 2015
Episode
Staffel 3, Episode 10
(Hannibal 3x10)
Deutscher Titel der Episode
Hinter dem Schleier
Titel der Episode im Original
...And the Woman Clothed in Sun
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 8. August 2015 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 7. November 2015
Autoren
Don Mancini, Bryan Fuller
Regisseur
Guillermo Navarro

Schauspieler in der Episode Hannibal 3x10

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