Hannibal 3x09

Hannibal 3x09

In ...And the Woman Clothed with the Sun bringen sich neue und alte Figuren fĂŒr ein erwartbar blutiges Serienfinale in Stellung. Wir erhalten Klarheit ĂŒber vergangene Ereignisse und das Seelenleben des bisweilen bemitleidenswerten, viel öfter aber furchteinflĂ¶ĂŸenden Bösewichts.

Francis Dolarhyde (Richard Armitage) wird von seiner dĂŒsteren Vergangenheit heimgesucht. / (c) NBC
Francis Dolarhyde (Richard Armitage) wird von seiner dĂŒsteren Vergangenheit heimgesucht. / (c) NBC

Wenn man die Figurenkonstellation der leider bald zu Ende gehenden NBC-Horrorserie Hannibal einmal ganz nĂŒchtern betrachtet, mĂŒsste man beinahe sĂ€mtlichen Charakteren eigentlich lauthals zurufen, dass sie sich so schnell wie möglich voneinander lösen und nie wieder einander nĂ€hern sollen. Wie am Ende der Episode, eigentlich aber schon zwischendurch, offenbar wird, sind all diese Menschen Gift fĂŒreinander. Und trotzdem suchen sie immer wieder die gegenseitige NĂ€he, was wiederum die morbide Faszination an dieser Serie befeuert.

All that's left is honesty

Jack Crawford (Laurence Fishburne) betritt als Letzter die mythischen Hallen des Mannes, der selbst im Hochsicherheitstrakt eine stÀndige Bedrohung darstellt und fast alle seine Gegenspieler (oder Wegbegleiter) erschaudern lÀsst. Der FBI-Ermittler lÀsst den Psychopaten wissen, dass er es war, der seine Nachricht zu Will (Hugh Dancy) durchgelassen hat. Die RÀson dahinter ist ganz einfach: Seit dem Auftauchen des neuen Serienmörders braucht Jack seinen fÀhigsten ehemaligen Profiler, um das neue Monster zu fassen.

Jack ist dabei durchaus bewusst, was er dem psychischen Wrack Will aufbĂŒrdet - abhalten lĂ€sst er sich davon aber nicht. Abstruserweise fĂ€llt Hannibal (Mads Mikkelsen) die Rolle des BeschĂŒtzers zu, wie er es zu Beginn der Episode gegenĂŒber Will auch ankĂŒndigt: „We still help our families when we can. You are family, Will.“ Auch gegenĂŒber Alana Bloom (Caroline Dhavernas) spielt Hannibal den Schutzbeauftragten: „Nothing is his fault.“ Die taffe Alana weiß mittlerweile aber auch bestens, wie man selbst am effektivsten austeilt: „I know what you're afraid of. It's not pain or solitude, it's indignity.

Folgerichtig droht sie, Hannibals verbliebene Zeit (also seine Lebenszeit) so unwĂŒrdig wie möglich zu gestalten. So unerschrocken sie gegenĂŒber dem Kannibalen auftritt, so viel Respekt offeriert sie ihm, wenn er sie nicht hören kann. GegenĂŒber Will lĂ€sst sie ihre BefĂŒrchtungen anklingen, wĂ€hrend sie beilĂ€ufig von ihrer Kleinfamilie mit Margot Verger erzĂ€hlt. Ihre Rolle hat eine beachtliche Wandlung in dieser dritten Staffel durchgemacht. Wenngleich sie noch nicht die rhetorische Gravitas ihres Kollegen Chilton erreicht haben mag, so erwĂ€chst sie doch zu einer wĂŒrdigen Spielerin in diesem mehrteiligen Psychoduell.

Bevor sich Hannibal der Suche nach dem selbstdeklarierten Great Red Dragon widmet, bekommen wir AufklĂ€rung ĂŒber den Hergang der beiden Morde an Abigail Hobbs (Kacey Rohl) - des gefĂ€lschten und des echten. Sie ist genauso unter seinen Bann geraten wie beinahe sĂ€mtliche andere Figuren dieser Welt an irgendeinem Punkt ihrer gemeinsamen Zeit. Bei den Vorbereitungen auf ihren vorgetĂ€uschten Tod lĂ€sst er sie in all seiner perfiden MonstrositĂ€t wissen, wie er sie zu töten gedenkt.

Are you ready to die?

Er unterzieht sie sogar einer Art Schocktherapie, indem er ihr die Leiche ihres Vaters Jacob (Vladimir Jon Cubrt), der sie einst mit einem Kehlenschnitt zu töten gedachte, gegenĂŒbersetzt. Sie soll nun ebendiesen Schnitt bei ihm anbringen, was sie nach kurzer Bedenkzeit auch tut. Aus dem Hals der kaum verfallenen Leiche quillt folglich kein dickes Blut, sondern nur trĂŒbes Sickerwasser. Und das Schicksal von Abigail Hobbs wĂ€re nicht vollendet brutal, wenn sie nicht genau so umgekommen wĂ€re, wie von Hannibal prophezeit, wie von ihrem eigenen Vater versucht.

Nun, da er sich also dieser lĂ€stigen Episode der eigenen Vergangenheit entledigen konnte, hat Hannibal wieder ausreichend KapazitĂ€ten frei, um Will an den AusflĂŒgen in seinen mind palace teilhaben zu lassen - beziehungsweise Will, der ja auch ĂŒber einen eigenen solchen Palast verfĂŒgt, dorthin einzuladen. Gemeinsam dringen sie in die Psyche der Tooth Fairy vor, wobei auch hier wieder der Fokus auf dem Sozialverbund Familie liegt: „He needs a family to escape what's inside him.“ All diese Szenen sind von Regisseur John Dahl in gewohnter Hannibal-Manier hinreißend inszeniert, in beinahe jeder Einstellung wartet bei genauer Betrachtung ein besonderer visueller Leckerbissen.

Will ist sich seiner Pflichten und Begabungen bewusst, muss aber gleichzeitig anerkennen, wie viel lieber er jetzt bei seiner neuen Freundin Molly (Nina Arianda) wĂ€re. Stattdessen liegt er einsam auf seinem Bett und wird von nĂ€chtlichen AlbtrĂ€umen heimgesucht, in denen das Blut auf seinem Körper beinahe so schwarz ist wie von Hannibal vorhergesehen: „Have you ever seen blood in the moonlight? It appears quite black.“ Seine langsam auseinanderfallende, mĂŒhsam aufgerichtete Fassade beginnt sogar bildlich zu zerbröckeln - ein weiterer inszenatorischer Höhepunkt der Episode.

Seinem GemĂŒtszustand ist es denn auch nicht zutrĂ€glich, als Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) wieder auftaucht, um die erneute Kooperation zwischen ihm und Hannibal fĂŒr ihr kriminologisches Schmierblatt aufzuarbeiten. Dabei hat sie vielleicht gar nicht so Unrecht, wenn sie ihm eine Zusammenarbeit anbietet: „If you were smart, you'd use me. All psychopaths are narcissists.“ So sehr das auch stimmen mag, so nachtragend ist Will wegen ihrer Berichterstattung ĂŒber seine Italienreise: „You called us 'murder husbands'.“ Ein bisschen schmunzeln musste ich da schon.

What are you becoming?

Schließlich hören wir mehr als nur GrunzgerĂ€usche aus dem Mund des massiv geistesgeplagten Francis Dolarhyde (Richard Armitage). Er hĂ€uft in ...And the Woman Clothed with the Sun keine neuen Leichenberge an, sondern begnĂŒgt sich damit, die WĂ€rme seiner blinden Kollegin Reba (Rutina Wesley aus True Blood) zu suchen. Diese und eine Szene, in der wir einen kurzen Einblick in seine (auf den ersten Blick sehr dĂŒster aussehende) Kindheit bekommen, erlauben ein zaghaftes Vordringen in die geschundene Seele des roten Drachen.

Die minimale AufklĂ€rung ĂŒber die Ursachen seines gequĂ€lten Daseins raubt kein einziges StĂŒck seiner Bedrohlichkeit - im Gegenteil, sie wird dadurch eher noch unheimlicher. Beim Date mit Reba glaubt man als Zuschauer in jedem Augenblick, dass er nun sofort losschlagen und dem nĂ€chsten wehrlosen Opfer Spiegelscherben in die Augen stecken könnte. FĂŒrs Erste belĂ€sst Francis es aber mit einem bedrohlichen Anruf an Hannibal, in dem er erstmals ausspricht, als was er sich selbst sieht.

Hannibal ist darĂŒber höchstens milde irritiert. Sein zufrieden-ĂŒberhebliches LĂ€cheln signalisiert eher Bereitschaft fĂŒr und Lust auf neue Psychospielchen. Neben einer gehörigen Portion befriedigter Eitelkeit beschert ihm dieser Anruf auch die Gewissheit, weiter Teil von Wills Familie zu sein - so sehr der das auch abstreiten mag. Diese Figuren sind hoffnungslos miteinander verbandelt - und bleiben das hoffentlich noch bis zum Ende dieser hervorragenden Staffel.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 2. August 2015
Episode
Staffel 3, Episode 9
(Hannibal 3x09)
Deutscher Titel der Episode
Roter Drache
Titel der Episode im Original
...And the Woman Clothed with the Sun
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 1. August 2015 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 31. Oktober 2015
Autoren
Jeff Vlaming, Helen Shang, Bryan Fuller, Steve Lightfoot
Regisseur
John Dahl

Schauspieler in der Episode Hannibal 3x09

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