Hannibal 3x08

Deutlicher als in The Great Red Dragon kann man eine Übergangsepisode kaum kennzeichnen. Schon der Titel signalisiert einen Umbruch: die Abkehr von der bisherigen Namensgebungstradition. Es gibt einen Zeitsprung, einen neuen Bösewicht und die Rückkehr manch verloren geglaubter Nebenfiguren. Die beiden Hauptcharaktere finden sich indes in neuen Umständen wieder. Der eine, Hannibal (Mads Mikkelsen), sitzt hinter Gittern, während der andere, Will (Hugh Dancy), versucht, sich ein neues, weniger ereignisreiches Leben aufzubauen.
It's dark on the other side, and madness is waiting
Man könnte nun glauben, dass eine solche Episode nicht die emotionale Tragweite früherer Folgen entwickeln kann. Weil aber in den bisherigen 33 Episoden so eine hervorragende Aufbauarbeit geleistet wurde (vor allem hinsichtlich der Beziehung zwischen Hannibal und Will), dürfen Bryan Fuller und Konsorten (in diesem Fall seine Koautoren Steve Lightfoot und Nick Antosca sowie Regisseur Neil Marshall) mit beiden Händen die dramaturgischen Früchte ernten. Sie tun das mit völliger Hingabe zum Visuellen wie zum Narrativen. Alles, was an Hannibal bislang gut war, wird hier unter die Lupe gelegt und vielfach vergrößert.
Es gibt kaum eine Szene, die nicht vor erzählerischer Kreativität und bildlicher Pracht strotzen würde. Die Geschichte wird entweder höchst dramatisch, beklemmend spannend oder wunderbar witzig vorangetrieben. Keine einzige der gut 40 Minuten Laufzeit ist langweilig. Dieses Urteil mag für Buch- und/oder Filmkenner variieren. Da ich von beidem unberührt bin, konnte ich mich hier vollständig verlieren. Das beginnt bei der Eingangsmontage, die wortlos die origin story des „Red Dragon“ Francis Dolarhyde (Richard Armitage) erzählt, der zu seiner Unbill von der Presse später als „Tooth Fairy“ erniedrigt werden wird.
Und das endet mit der prickelnden Szene, in der sich Hannibal und Will zum ersten Mal nach drei Jahren wieder gegenüberstehen. Hinter Panzerglas, aber in seinem mind palace, begrüßt Hannibal seinen Seelenverwandten ganz nüchtern: „Hello, Will.“ In diesem Moment lief ein wohliger Schauer über mich. Das Beste daran: Es war nicht die einzige Szene in dieser Episode, die eine solche Reaktion auslöste. Wir können nun wohl endgültig festhalten, dass das Kreativteam wieder die richtige Balance zwischen prätentiösem Arthousefernsehen und packendem Noir-Thriller gefunden hat.
Weil die Zahnfee im Bundesstaat New York ihr Unwesen treibt - was vor allem daraus besteht, bei Vollmond ganze Familien abzuschlachten -, versammeln sich die Kräfte, die das verhindern sollen, in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung. Alana Bloom (Caroline Dhavernas) dient dabei als Expositionstrompete, um uns darüber aufzuklären, warum Hannibal nicht die Todesstrafe droht. Er habe sich jeglicher psychologischer Klassifikation entzogen, sei aber trotzdem als geisteskrank diagnostiziert worden.
If I go, I'll be different when I come back
Hannibal ist darüber milde irritiert, hält sich angesichts der drohenden Giftspritze mit Protesten aber vornehm zurück. So unbewegt seine Mimik gegenüber Alana bleibt, so wenig kann er seine Gefühle gegenüber Frederick Chilton (Raul Esparza) verbergen. Dem gelingt es beim gemeinsamen Genuss des italienischen Nachtischs Sanguinaccio Dolce („The blood was from a cow, only in a derogatory sense“), Hannibals verletzten Stolz herauszukitzeln, wobei er gleichzeitig einen Metakommentar über die Serie selbst anbringt: „You'll always have niche appeal.“
Die Zahnfee treffe mit ihren Taten hingegen einen viel empfindlicheren Nerv: „Kills whole families, and in their homes. Strikes at the very core of the American dream.“ Das sitzt, und ist vielleicht auch ein Grund, warum sich Hannibal zur Kooperation mit Will bereiterklärt. Gegenüber Alana Bloom eröffnet der in dieser Episode herausragende Chilton: „We detected a trace of competitve vanity.“ Das ist jetzt vielleicht nicht die bahnbrechendste Erkenntnis über Hannibals Seelenleben, aber doch eine wichtige.
Der Eingesperrte macht sich sogleich an die Arbeit und erstellt per Zeitungsausschnitt erste Ferndiagnosen über Francis Dolarhyde. Der sammelt indes die gleichen Zeitungsausschnitte und klebt sie in sein Sammelsurium des Grauens ein. Mit verbalem Ausdruck hält er sich jedoch vornehm zurück. Außer ein paar komischen Lauten vor dem eigenen zerbrochenen Spiegelbild lässt er sich nichts entlocken. Buchleser wissen bestimmt, warum er sich so wahnsinnig merkwürdig verhält, ich hingegen tappe momentan noch völlig im Dunkeln. Auch seine Bewegungen wirken bedenklich verzerrt - ich habe darin eine Rückkehr zur Wendigo-Optik erkannt, was in der Szene mit dem Filmprojektor bestätigt wird, in der die Lichtstrahlen wie ein illuminiertes Geweih aussehen.
Das alles dient als schaurige Einführung für die emotional tiefgreifendste Szene der Episode - Wills Rückkehr zu alter Stärke. Gegenüber Jack Crawford (Laurence Fishburne) lässt er noch offen, wie er sich entscheiden wird. Nachdem er aber von seiner neuen Freundin Molly (Nina Arianda) ermutigt wurde, allerspätestens aber, nachdem er den Brief von Hannibal gelesen hat, packt ihn die alte Jagdlust.
Something entirely other
Nachts fährt er zum Tatort und begeht die Zimmer der ermordeten Familienmitglieder. Dort, wo seine Taschenlampe hinleuchtet, sieht er die blutüberströmten Leichen. Es ist ein erstes Zeichen, dass er in seine früheren Transzendenzmuster zurückfallen könnte. Dann bekommen wir - endlich - die Bestätigung: Das Pendel ist zurück! Will rekonstruiert den Tathergang, wobei uns Regisseur Marshall kein blutspritzendes Detail erspart. Der Profiler schlussfolgert, dass die Zahnfee die Leichen präpariert und bewegt haben muss, bevor er sie wieder zu ihren ursprünglichen Sterbeorten zurücklegte. Abschließend raunt Will grandios verschwörerisch: „I have to touch her. This is my design.“
Die gesamte Sequenz ist großartig geschrieben, gespielt und inszeniert. War Will in der ersten Hälfte dieser abschließenden dritten Staffel noch ein hilfloses Mäuschen, das von Kater Hannibal nach Belieben schikaniert werden konnte, findet er hier wieder in seine angestammte Rolle zurück. Es war bisweilen problematisch, Will so phlegmatisch zu sehen wie in den vergangenen Episoden, weil Hannibal dadurch eine zu große Dominanz entwickelte. Die Serie war aber immer ein Zusammenspiel, ein Duell zwischen diesen beiden Hauptfiguren. Es ist gut, dass sie nun wieder zu diesem Schema zurückkehrt.
Als Krönung gibt es eine ordentliche Portion Humor obendrauf. Die Rückkehr der Gerichtsmediziner Price (Scott Thompson) und Zeller (Aaron Abrams) macht sich sofort bezahlt, spätestens aber als Jack einen der beiden mit todernster Mine belobigt: „Jimmy, you're the light of my life.“ Dessen Arbeit führt zu einer sehr einfachen Erkenntnis über den roten Drachen: „He bites. A lot.“ Auch die Serienkillerserie Hannibal hat ihren Biss wiedergefunden.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 26. Juli 2015Hannibal 3x08 Trailer
(Hannibal 3x08)
Schauspieler in der Episode Hannibal 3x08
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