Hannibal 3x05

Die jüngste Hannibal-Episode mit dem Titel Contorno lässt mich zerrissener zurück als Inspektor Pazzi (Fortunato Cerlino), dessen Innereien aus dem Fenster von Hannibals Residenz baumeln. Einerseits war dies eine ereignisreiche Episode, die das Bild von der prätentiösen, hyperstilisierten Serie geraderückt, das sie selbst in den ersten Episoden dieser dritten Staffel etablierte. Andererseits gibt es mehrere Vorgänge, die für verstärktes Stirnrunzeln sorgen.
All the elements of epiphany were present
Diese kleine obskure Serie war nie eine, die sich um Logik und Nachvollziehbarkeit scherte. Schon als Hannibal (Mads Mikkelsen) noch in Baltimore wütete, war es kaum glaubhaft, wie er seine raffinierten Tableaus alleine in kürzester Zeit hätte bewerkstelligen können. Da sich das Autorenteam um Bryan Fuller aber stets bemühte, diese Ungereimtheiten nicht allzu eklatant ausfallen zu lassen, konnte man darüber leicht hinwegsehen - natürlich auch, weil die grandiosen Darbietungen und die wunderschöne visuelle Umsetzung für manch fehlerhafte Plotkonstruktion entschädigten.
Nun ist die Serie aber an einen Punkt gekommen, an dem es nicht mehr nachvollziehbar ist, Hannibal so sorglos in Freiheit leben zu lassen. In Amerika ist er längst ein gesuchter Mann, auch bei Interpol gibt es einen Fahndungsaufruf. Außerdem hat Mason Verger (Joe Anderson) ein millionenschweres Kopfgeld ausgesetzt, das sich in Windeseile bis zu Rinaldo Pazzi herumgesprochen hat, der daraufhin beschließt, sich mit dem Monster persönlich anzulegen statt ihn einfach an die Behörden auszuliefern.
Sein Sinneswandel wird durch die Aussicht auf plötzlichen Reichtum nachvollziehbar, Hannibals Sorglosigkeit verliert dadurch aber weiter an Glaubwürdigkeit. Wenn schon Pazzi die Kopfgeldauslobung kennt, dann dürfte sie sich auch schnell an Andere herumgesprochen haben, die ein Interesse an der Ergreifung Hannibals haben. Wenn es Fuller und Konsorten jetzt schon so schwer fällt, die Geschichte ihrer Hauptfigur halbwegs logisch auszuformen, dann wäre es vielleicht doch keine allzu große Hiobsbotschaft, würde die Serie nach drei Staffeln zu ihrem Ende finden. Das wird laut der jüngsten Meldung immer wahrscheinlicher.
Die Probleme der Episode machen indes nicht bei Hannibals Erzählstrang Halt. Auch die überraschende Wendung im Handlungsbogen von Will Graham (Hugh Dancy) - so spektakulär sie auch ist - scheint nur dem Zweck zu dienen, dessen Ankunft in Florenz zu verzögern. Ich begrüße weiterhin die Einführung der neuen Figur Chiyo (Tao Okamoto), finde aber schade, dass sie eine solch plötzliche Kehrtwende vollzieht und gegen Will arbeitet, was durch die kurzen philosophischen Wortwechsel der beiden nicht ausreichend vorbereitet wurde.
Violence is what you understand
All diese Kritikpunkte sind keine Nebensächlichkeiten - und trotzdem hatte ich mit dieser Episode einen Heidenspaß. Die Ankunft von Jack Crawford (Laurence Fishburne) in Florenz bringt frischen Wind in die Serie. Nach drei Episoden zum Staffelauftakt, die allesamt die Grenzen des dramaturgisch Nachvollziehbaren ausloteten, steht nun wieder ein stringenterer Handlungsfortschritt im Vordergrund.
Jack verstreut zunächst die Asche seiner verstorbenen Ehefrau im Arno und wirft seinen Ehering gleich hinterher. Bryan Fuller hätte nicht den Ruf, den er derzeit genießt, wenn er aus dieser kleinen, bedeutungsstarken Szene nicht ein visuelles Spektakel machen würde. Der in Zeitlupe im Wasser eintauchende Ring hat mir besser gefallen als die vielen Slowmos von Schnecken, in die diese Staffel so unabdingbar verliebt ist. Die Schneckenmetapher zieht sich seit Beginn der Staffel zäh wie der Schleim, den die kleinen Kriechtiere hinterlassen, durch die Serie.
Als Pazzi zu einem vereinbarten Abendessen mit seiner Ehefrau (Mia Maestro aus The Strain) und Jack nicht auftaucht, weiß Letztgenannter sogleich, wo er zu suchen hat. Er kommt gerade rechtzeitig, um Hannibals jüngstes Tableau bestaunen zu können. Bevor der Kannibale sein Opfer aufschlitzt und mit heraushängenden Innereien drapiert, bewegt er es auf einer Sackkarre umher - genau so, wie Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ transportiert wurde. Jack verliert daraufhin keine Zeit und stürzt sich wie Einer, der nichts mehr zu verlieren hat, in den Kampf mit Hannibal.
Zuvor lässt er es sich aber nicht nehmen, das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden mit den Tönen der Oper La gazza ladra („Die diebische Elster“) von Gioachino Rossini zu unterlegen. Dies gibt dem Kampf, der sehr einseitig geführt wird, eine geradezu groteske Note. Es ist unheimlich befriedigend, mitanzusehen, wie Jack ohne Unterlass auf Hannibal eindrischt und dafür antike Folterinstrumente nutzt, die der Serienmörder zuvor noch selbst restauriert hat. So verletzlich und angreifbar wie in dieser Szene haben wir Hannibal bisher nicht gesehen.
Bowels in or bowels out?
Er scheint am Ende sogar seinen Frieden damit gemacht zu haben, nun gleich getötet zu werden. Unerschrocken und mit trockenem Humor fragt er Jack: „How will you feel when I'm gone?“ Der antwortet daraufhin nur mitleidlos: „Alive.“ Ein vor visueller und emotionaler Stärke berstender Moment wird hernach jedoch leider etwas abgeschwächt, weil Jack plötzlich beschließt, Hannibal doch noch eine Überlebenschance einzuräumen. Er wirft ihn aus genau dem Fenster, aus dem Pazzis Leiche hängt, wohl wissend, dass sich Hannibal so retten kann.
Dann schaut er seinem schwerverletzten und kaum bewegungsfähigen Gegenspieler tatenlos hinterher, statt in den Hof zu stürmen und ihm endgültig den Garaus zu machen. Ich verstehe ja, dass sich die zentrale Figur zu diesem frühen Zeitpunkt niemals aus der Serie verabschieden kann. Gleichzeitig kann ich nicht ignorieren, dass die Figuren wahrscheinlich anders handeln würden, müssten sie nicht einer bestimmten Serienlogik gehorchen, die nichts mit realer Logik zu tun hat. Wir könnten Jacks Tatenlosigkeit dahingehend interpretieren, dass er plötzlich Gefallen an der Jagd gefunden hat, dass er Hannibal am Leben halten will, um ihn weiter verfolgen zu können. Das würde seiner bisherigen Charakterzeichnung aber diametral entgegenlaufen.
Ähnlich verhält es sich bei Alana Bloom (Caroline Dhavernas), die in Rekordgeschwindigkeit die Seiten gewechselt hat und ihre Rachegelüste nun mit Mason Verger teilt. Sicher, sie macht einen kurzen Rückzieher und versucht vergebens, Pazzi zu warnen. Davor hat sie jedoch deutlich anklingen lassen, wo ihre Prioritäten nun liegen. All diese Kritikpunkte sind äußerst valide und lassen befürchten, dass Fuller und Kollegen die Bereitschaft des Zuschauers, manch inkohärenten Handlungssprung mitzumachen, bis zum Äußersten ausreizen wollen. Momentan funktioniert das noch, weil die tollen Actionsequenzen und die weiterhin hinreißende visuelle Umsetzung manchen Logikfehler wettmachen. Hannibal sollte sich aber trotzdem bald auf die Flucht begeben, sonst ist der Bogen des suspension of disbelief schnell überspannt.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 3. Juli 2015Hannibal 3x05 Trailer
(Hannibal 3x05)
Schauspieler in der Episode Hannibal 3x05
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