Hannibal 3x06

In der Episode Dolce treffen die schicksalhaft miteinander verbundenen Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) und Will Graham (Hugh Dancy) zum ersten Mal in der dritten Staffel aufeinander. Die hervorragende Dynamik zwischen den beiden schafft es denn auch, die weiterhin bestehenden Plotprobleme zu ĂŒbertĂŒnchen. AuĂerdem kombiniert die NBC-Horrorserie hier ihren distinguierten visuellen Stil mit einem erhöhten ErzĂ€hltempo, was die bisherigen Episoden ja geflissentlich ignorierten.
It's all starting to blur
Die Folge findet eine gute Balance zwischen dem kĂŒnstlerischen Anspruch der Serie und dem Verlangen von uns Zuschauern nach mehr VorwĂ€rtsdrang. Im Review zu Contorno hatte ich noch gemutmaĂt, dass Will nur deswegen von Chiyo (Tao Okamoto) aus dem Zug gestoĂen worden war, um seine Ankunft in Florenz zu verzögern. Mit dieser EinschĂ€tzung lag ich falsch. Will gelangt beachtlich schnell aus dem osteuropĂ€ischen Nirgendwo nach Italien.
Er taucht schon am nĂ€chsten Morgen dort auf, um den Abtransport von Pazzis Leiche zu begutachten. Dabei trifft er auf Jack Crawford (Laurence Fishburne), der eine ErklĂ€rung dafĂŒr bereithĂ€lt, Hannibal am Vorabend nicht getötet zu haben: „Maybe I need you to.“ Im Kontext dieses spezifischen Serienuniversums mag eine solche ErklĂ€rung legitim sein, schlieĂlich schert sich âHannibalâ nicht um Genrekonventionen. Trozdem werden wir durch den Austausch zwischen Jack und Will an die Logiklöcher erinnert, die die letzte Episode hinterlieĂ.
Weil das Zusammenspiel zwischen Fishburne, Dancy und Mikkelsen aber so explosiv und die visuelle Umsetzung so wunderschön ist, können wir darĂŒber hinwegsehen. Bevor sich Will und Hannibal zum ersten Mal seit langer Zeit wieder treffen, verabschiedet sich Bedelia (Gillian Anderson) von ihrem Scheinehemann: „You may make a meal of me yet, Hannibal. But not today.“ Auch Anderson genieĂt es sichtlich, Teil dieser abgefahrenen Serie zu sein. Der Plan ihrer Figur ist es jedenfalls, sich ein drogeninduziertes Alibi zu verschaffen. Das Ende der Episode lĂ€sst jedoch offen, ob das auch funktioniert.
In Baltimore bekommen wir indes einen Einblick in die grauenerregenden SeelenabgrĂŒnde des Mason Verger (Joe Anderson). ZunĂ€chst serviert ihm sein Arzt, Koch und persönlicher MenschenjĂ€ger Dr. Cordell Doemling (Glenn Fleshler) eine Schweineschwanzzubereitung, die ihm schon einmal einen Vorgeschmack auf das Verspeisen eines menschlichen Fingers geben soll: „Finger food, huh?“ Mason schmeckt das Gericht nicht, woraufhin sich Doemling dazu bemĂŒĂigt sieht, einen anderen Vorschlag zu machen: „We could Peking duck him.“
This isn't meat. This is man.
Dieser Vorschlag erregt Masons Interesse, weshalb er sogleich die Anstrengungen verstĂ€rken lĂ€sst, Hannibal ausfindig zu machen. Als er und seine Mitstreiter vom Mord an Rinaldo Pazzi erfahren, gibt Alana Bloom (Caroline Dhavernas) einen wertvollen, wenn auch naheliegenden Tipp: „Better buy another cop, better buy the whole department.“ SpĂ€ter wird sie gegenĂŒber Masons Schwester Margot (Katharine Isabelle) zugeben, dass ihr Spiel reine Maskerade ist. Sobald sich Hannibal in Masons Gefangenschaft befinde, wolle sie beide an das FBI ausliefern.
Die beiden Frauen haben sich da gerade gegenseitige Befriedigung verschafft, was von Regisseur Vicenzo Natali aufregend und hinreiĂend zugleich inszeniert wird. Er geht dabei bis zum Ă€uĂersten Rand der Grenze des bei einem Network Erlaubten. In mehreren kaleidoskopischen Einstellungen bekommen wir nur nackte Haut von Armen und Beinen zu sehen, die durch die halluzinatorische Bildaufteilung aber zu eindeutigen vaginalen Formen verschmelzen. Man kann sich bildlich vorstellen, wie Produzenten und Regisseur in der Schnittkammer sitzen und sich ins FĂ€ustchen lachen.
Bei dieser Szene machen die visuellen Eskapaden aber noch lange nicht Halt. Dank der schusskrĂ€ftigen UnterstĂŒtzung von Chiyo („She's always looking out for me.“) gerĂ€t unser liebster Profiler als Will-fĂ€hriges Opfer (sorry, der musste sein) in die HĂ€nde seines Mentors und Gegenspielers. ZunĂ€chst verarztet Hannibal die Schusswunde, dann betĂ€ubt er Will jedoch - natĂŒrlich nicht, ohne vorher noch einen bedeutungsschwangeren Austausch mit ihm zu fĂŒhren: „You and I have begun to blur.“
Das ist keine ĂŒberragend neue Erkenntnis. SpĂ€testens seit Wills kunstvoller Verzierung der Leiche von Chiyos Kellergefangenem wissen wir, wie sehr Hannibal auf ihn abgefĂ€rbt hat. Auch Will selbst weiĂ das: „We're conjoined. I'm curious whether either of us can survive separation.“ Hannibal ist sich angesichts der folgenden Szenen wohl schon sehr sicher. Nachdem es ihm dank Chiyo auch gelungen ist, Jack in sein Versteck zu locken, lĂ€sst er ihn dabei zuschauen, wie er sich an Will zu schaffen macht. Sein Vorhaben: Das Gehirn seines einstigen ProtĂ©gĂ©s verspeisen.
He's under the table
So weit kommt es jedoch nicht, denn in der nĂ€chsten Szene kommt Will mit halb aufgeschnittenem SchĂ€del ĂŒber Kopf hĂ€ngend in einem KĂŒhltransporter fĂŒr geschlachtete Schweine zu sich. Neben ihm hĂ€ngt Hannibal. Als sich die TĂŒr öffnet, erscheint die entstellte Fratze von Mason Verger, was die meisten Zuschauer angesichts der Schweine wohl schon wussten. Ich kenne die Romanvorlagen nicht, aber dieser groĂe Handlungssprung kommt mir angesichts des bisher langsamen ErzĂ€hltempos ungewöhnlich vor.
Wir erfahren nĂ€mlich nicht, wie Verger so schnell Zugriff auf Will und Hannibal bekommen konnte. Tappte Jack Crawford absichtlich in die Falle? Oder waren es die Informationen von Bedelia, die den (eventuell korrupten) italienischen Polizisten in die Wohnung von Professor Sogliato fĂŒhrte? Oder spielt Chiyo ein doppelt perfides Spiel und hat Will davor gerettet, von Hannibal verspeist zu werden? Wir können darĂŒber momentan nur spekulieren, die unscharfe LoyalitĂ€tslage verspricht aber ein spannendes ErzĂ€hlkonstrukt fĂŒr die ausstehenden Episoden.
Dank des wunderbaren Zusammenspiels zwischen den Hauptfiguren und der einmal mehr grandios fantasievollen visuellen Umsetzung schafft es Hannibal in Dolce, seine dramaturgischen Ungereimtheiten zu ĂŒberpinseln. Vor wenigen Tagen verkĂŒndete Showrunner Bryan Fuller, dass sowohl Netflix als auch Amazon ein Angebot zur Serienrettung abgelehnt hätten, was eine solche in immer weitere Ferne rĂŒckt. Hinzu kommt, dass Fuller schon an seinem nĂ€chsten Projekt, American Gods, arbeitet und gar nicht klar wĂ€re, ob er ĂŒberhaupt zu âHannibalâ zurĂŒckkehren könnte. Die Zeichen auf VerlĂ€ngerung stehen also schlecht, die Zeichen auf einen fulminanten Abschluss dieser möglicherweise letzten Staffel dafĂŒr umso besser.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 10. Juli 2015Hannibal 3x06 Trailer
(Hannibal 3x06)
Schauspieler in der Episode Hannibal 3x06
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