Hannibal 3x04

Hannibal 3x04

Hausputz im Hause Hannibal: Während sich der Titelkannibale in der Episode Aperitivo rarmacht, wird seinen Opfern die Bühne überlassen. Dabei kehren wir unseren Blick auch in die Vergangenheit und zurück nach Minnesota, wo endlich das Schicksal der übrigen Charaktere geklärt wird.

Joe Anderson als neuer Mason Verger / (c) NBC
Joe Anderson als neuer Mason Verger / (c) NBC

Nach drei Episoden, die vornehmlich in Italien stattfanden, führt Aperitivo uns zurück nach Minnesota und zurück in die Zeit direkt nach den Ereignissen von Mizumono. Hier wird von Bryan Fuller Hausputz betrieben und wir erfahren endlich, wie die Figuren wieder auf dem Spielbrett landeten und wie es einige nach Italien verschlug. Dabei wird das Schicksal weiterer Charaktere der ersten beiden Staffeln geklärt, während die Titelfigur fast vollkommen abwesend ist. Dies gereicht der Episode jedoch nicht zum Nachteil. Sie gehört den Opfern und schwelgt zugunsten von zahlreichen Charaktermomenten weniger in surrealer Bildkomposition - was gegebenenfalls durch den Regisseurwechsel (von Vincenzo Natali zu Marc Jobst) zu erklären ist und der Episode in diesem Fall sehr guttut.

You show me your's, I'll show you mine

In der den Opening Credits vorausgehenden Szene treffen zwei Überlebende der Naturgewalt, die Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) ist, aufeinander. Mason Verger (unter all dem Make-up neu besetzt mit Joe Anderson) und Frederic Chilton (Raúl Esparza). Der Totgeglaubte wurde in der zweiten Staffel von Miriam Lass (Anna Chlumsky) erschossen, überlebte den Anschlag jedoch. Beinahe möchte man sich fragen, inwiefern es Hannibal gar möglich war, Lass zu programmieren und auch sein Überleben mit der in Bezug auf Will erwähnten chirurgischen Präzision zu planen.

Verger zieht die Dienste des Psychologen in Betracht - seine wahren Intentionen werden aber sofort durchschaut. Schließlich bietet er nicht umsonst eine Million Dollar für Hinweise bezüglich seines Peinigers. Sinnt Chilton aber selbst nach Rache? Als Vertrauenszeichen zwischen zwei im Vorhaben Vereinten vollziehen sie voreinander Narbenstriptease, doch wie es scheint, ist der Wunsch nach der eigenen, ganz persönlichen Vergeltung zu groß, um eine Allianz zu formen.

Dr. Chilton (Raúl Esparza) ohne kosmetisches Make-up © NBC
Dr. Chilton (Raúl Esparza) ohne kosmetisches Make-up © NBC

Wir kehren an Wills (Hugh Dancy) Krankenbett zurück, wo Abigails Geist (Kacey Rohl) ihn beim Besuch von Chilton abermals heimsucht. Eines wird durch beide Szenen absolut klar: Der Direktor des Baltimore State Hospitals, der einst teilweise als comic relief-Charakter durchging, ist nach seinem Quasitod ein transformierter Mann. Eloquent und überlegt gibt er sich und ist nun auf der Suche nach einem Verbündeten beziehungsweise einem Freund, wie er es nennt. Doch Will schlägt auch diese Freundschaft aus. „The optimist believes we live in the best of all possible worlds, the pessimist fears this is true. This is your best possible world“, gibt er dem Patienten nach der Abfuhr noch zu überdenken.

Einige Zeit nach Wills Genesung sucht Jack Crawford (Laurence Fishburne) ihn in seinem Heim in Minnesota auf. Seit dem blutigen Staffelfinale hat Will nichts von sich hören lassen - und das aus gutem Grund. Ein Geständnis liegt ihm auf den Lippen, das Jack vielleicht lieber nicht gehört hätte: Will hat Hannibal per Anruf vor seiner Ankunft gewarnt. Weil er sein Freund war, weil er ihm Helfen wollte und ultimativ, weil er insgeheim anstelle von Bedelia du Maurier (Gillian Anderson) neben ihm im Flieger nach Europa sitzen wollte. Bedeutungsschwanger vorausgeschickt wird dem Dialog eine Dinnertraumsequenz, in welcher Hannibal und Will gemeinsam auf Jack losgehen. In einem nicht allzu entfernten Paralleluniversum mag dies sogar geschehen sein, wie wir uns leicht vorstellen können.

We could all use a little group therapy

Dr. Chiltons Krankenbesuchrunde ist noch nicht vorüber und so öffnet sich der Vorhang für eine weitere Überlebende - das letzte ungewisse Schicksal: Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas). Ihr Sturz aus dem Fenster hat ihr zwar einen Großteil ihrer Knochen gebrochen, wodurch sie vorerst sämtliche Mobilität verloren hat, aber sie ist am Leben und bei vollem Verstand. Auch für sie ist Chilton ein offenes Buch mit einem traurigen Blumenstrauß in der Hand und verbittert bringt sie sogar einen Scherz darüber, dass sie endlich den Begriff „Defenstration“ in Smalltalk unterbringen kann, über die am Ende der Episode blutrot geschminkten Lippen. Ein späteres Treffen zwischen ihr und Alana am Schauplatz des Staffelfinalmassakers verläuft kühl, denn bereits zu diesem Zeitpunkt bevorzugt Will die Gesellschaft der toten Abigail, die er über seinen Gedankenpalast heraufbeschwört.

Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas) macht die Bekanntschaft von Mason Verger (Joe Anderson). © NBC
Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas) macht die Bekanntschaft von Mason Verger (Joe Anderson). © NBC

Eine fruchtbarere, wenn auch gefährliche Verbindung kommt schließlich zwischen Mason Verger und Alana Bloom zustande, während der Entstellte weiterhin Therapeuten zur Probe kommen lässt. Dabei darf erfreulicherweise auch Mangaauge Katharine Isabelle erneut als Margo Verger auftreten. Die Dialogzeilen, in welchen Verger beteuert, durch seine Erfahrung religiöse Erlösung gefunden zu haben, stammen aus der Vorlage „Hannibal“ und richteten sich ursprünglich an die in der NBC-Version abwesende Clarice Starling.

Wer von der Neubesetzung der Figur enttäuscht war, wird sich spätestens ab dieser Szene zurücklehnen können. Anderson liefert seinen Text mit absolutem Gusto ab und erinnert mit seiner Performance beinahe an Heath Ledgers bedrohlichen Joker. Impulsiv wechselt er zwischen verbalen Anzüglichkeiten und biblischer Ausdrucksweise hin und her und rezitiert sogar Dschingis Khan mit seinem Ausspruch, den Arnold Schwarzenegger als Conan der Barbar popularisiert hatte.

You can cut out what's killing you

Das letzte Wiedersehen mit Bella Crawford - ein letzter gelungener Auftritt von Gina Torres - ist erwartungsgemäß herzzerschmetternd. Nach Jacks Kampf mit Hannibal findet sich das Ehepaar gemeinsam an der Schwelle zum Tod im Krankenhaus wieder - wissend, dass es nur für einen von ihnen einen Weg zurück gibt. Bella habe keine Furcht vor dem Tod, nur vor Ungewissheiten auf ihrem Weg ins Jenseits. So wird im Folgenden zwar ambivalent gehalten, ob Jack seiner Frau lediglich ihre Medizin verabreicht, oder ihr die letzte Gnade erweist, doch die Hinweise deuten doch recht deutlich in Richtung der zweiten Option. Nicht weniger schmerzhaft fällt das Nachbeben ihres Todes aus, wenn Laurence Fishburne eine fantastische Performance als trauernder Ehemann darbietet, die auf die beste Weise als Beispiel für den Begriff „Understatement“ stehen kann. Hannibals Kondolenznachricht nimmt er in seinem Zustand sogar auf, als hätte er sie erwartet.

Nach all den vertrauten Gesichtern, mit denen uns in Aperitivo ein teilweise überraschendes Wiedersehen beschert wurde, betritt in den letzten Minuten der Episode ein neuer Spieler die Bühne, wenn sich Glenn Fleshler (wer erkennt ihn noch aus True Detective?) als Dr. Cordell Doemling zeigt. Der Arzt und Vertraute Vergers wird damit beauftragt, die lebendige Verspeisung Lecters vorzubereiten, in die nun auch Dr. Bloom involviert ist, welche bei der Fahndung behilflich ist. Werden es am Ende Hannibals feiner Geschmack und seine Gourmet-Gewohnheiten sein, die ihn verraten? Im Cliffhanger von Secondo kündigte Hannibal an, Will verspeisen zu wollen beziehungsweise zu müssen. Masons Plan wird nun zum Spiegelbild. Ein Gang um zu vergeben - ein Gang um zu vergelten.

Ein weiterer Sprung in die Vergangenheit dient wohl eher der „Gore“-Quote - die Serie hat schließlich einen Ruf zu verlieren - und so werden wir Zeugen der Operation, die Verger direkt nach seinem kleinen Gesichtssnack über sich ergehen lassen musste. Passend zur ulkig unterlegen Musik endet diese Szene auf einer ebenso witzigen Note, wenn Mason hinterher in den Spiegel blickt: „Good as new!

Abschied von Bella Crawford (Gina Torres) © NBC
Abschied von Bella Crawford (Gina Torres) © NBC

Abschließend verabschieden wir Will aus Minnesota, nachdem die ebenfalls auf der dunklen Seite angekommene Alana Jack auf resolute Weise versichert, Will wisse, was er zu tun habe und ihm die Gretchenfrage stellt, ob er sich seiner Position im anstehenden Ablauf der Dinge bewusst sei.

Grandiose Episoden wie diese machen die diese Woche verkündete Nachricht über die Absetzung der Serie umso bedauernswerter. Das vertraute Setting in den USA lässt alte Hannibal-Gefühle aufkommen und vermittelt den Eindruck, nun richtig in der dritten Staffel angekommen zu sein. So darf es beim nächsten Mal gerne weitergehen, wenn uns die Handlung zurück nach Italien führt und Hannibal nicht länger nur der Jäger, sondern - viel stärker als durch die polizeilichen Ermittlungen zuvor - auch der Gejagte ist.

Trailer zur „Hannibal“-Episode 3x05: „Contorno“:

Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 26. Juni 2015

Hannibal 3x04 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 4
(Hannibal 3x04)
Deutscher Titel der Episode
Narben
Titel der Episode im Original
Aperitivo
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 25. Juni 2015 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 26. September 2015
Autoren
Nick Antosca, Bryan Fuller, Steve Lightfoot
Regisseur
Marc Jobst

Schauspieler in der Episode Hannibal 3x04

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