Hannibal 3x03

Hannibal 3x03

Die Horrorserie Hannibal bringt in Secondo eine altbekannte Figur zurück und führt eine vielversprechende neue ein. Die Handlung ist zweigeteilt und beschäftigt sich sehenswert mit den uralten Menschheits- und Monsterfragen nach Schuld und Sühne, Verrat und Vergebung.

Chiyo (Tao Okamoto) ist ein guter Neuzugang für „Hannibal“. / (c) NBC
Chiyo (Tao Okamoto) ist ein guter Neuzugang für „Hannibal“. / (c) NBC

Was wir derzeit in der dritten Staffel von Hannibal zu sehen bekommen, dürfte die sowieso schon überschaubare Zuschauerschaft spalten. Die einen halten Bryan Fullers traumähnliche Herangehensweise für avantgardistisches Filmemachen, die anderen können seinen langen Slow-Motion-Einstellungen nur wenig abgewinnen. Ich finde mich irgendwo dazwischen wieder. Einerseits brauche ich nicht in jeder Episode mehrere Makroeinstellungen von Schnecken, die sich mal vorwärts, mal rückwärts fortbewegen. Andererseits kann ich wertschätzen, was Fuller versucht: uns eine ganz eigene Welt zu eröffnen.

You're drawing them to you, aren't you?

In dieser Welt muss nicht jeder Handlungsbogen und jede Charaktermotivation vollkommen nachvollziehbar sein. Wenn es so wäre, könnte sich Hannibal (Mads Mikkelsen) nicht so frei in Italien bewegen und unter den wachsamen Augen mehrerer Strafverfolger weiterhin sein Unwesen treiben. Eine stringente Handlung und logische Charakterzeichnungen sind für mich eigentlich zwei der wichtigsten Merkmale einer guten Dramaserie - und trotzdem schafft es dieses Format, mich wöchentlich zu begeistern.

In Secondo hat sich diese Begeisterung erst spät eingestellt. Die Annäherung von Will Graham (Hugh Dancy) an Hannibals heimatliches Anwesen in Litauen geht unendlich langsam vonstatten, ist gespickt mit zahlreichen Szenen, in denen Will grimmig schaut und durch - hinreißend inszenierte - nebelverhangene Waldlandschaften spaziert. Überdies funktionieren für mich die Zwiegespräche mit Hannibal, die wohl Wills (Tag-)Träumen entspringen, nicht so richtig. Es ist ja schön, dass Hannibal einen mind palace hat - ich fände es jedoch interessanter, wenn Will auf herkömmlichere Weise in die Vergangenheit seines Freundfeindes eindringen würde.

Der pay off dieses langwierigen Exkurses nach Litauen entschädigt dann aber für all die Zeitlupenaufnahmen von Kriechtieren. Will schließt sich darin mit Chiyo (Tao Okamoto) zusammen. Sie ist die einzige Bewohnerin des riesigen Anwesens und steht unter einem ähnlichen Bann wie Will. Hannibal hat ihr einst eingeimpft, dass der Gefangene, den sie in einem Kellerverlies unter menschenunwürdigen Umständen festhält, der Mörder seiner Schwester Mischa ist. Sie steckt nun dort fest, weil sie nicht werden will, was ihr Hannibal prophezeit hat - eine Mörderin.

Um diesen Bann zu brechen, ergreift Will brachiale Maßnahmen. Er lässt den Gefangenen frei - wohl wissend, dass er zurückkehren und Chiyo angreifen wird. Sie sieht sich also dazu gezwungen, unter Notwehr zur Mörderin zu werden. Will weiß genau, dass das die einzige Möglichkeit ist, sie von diesem Ort wegzulocken. Außerdem weiß er, dass sie ihm auf der Jagd nach Hannibal eine schlagkräftige Partnerin sein kann.

All sorrows can be borne if you put them in a story

Die Einführung dieser neuen Figur ist ein gelungener dramaturgischer Schachzug. Sie ist mysteriös genug, um sofort interessant zu sein und Wills einsame Ausflüge in Gedanken- und Traumwelten ansprechend zu komplementieren. Warum er aber die Leiche des Gefangenen schließlich zu einem „hannibalesken“ Tableau verarbeitet, wollte sich mir nicht so ganz erschließen. Vielleicht haben unsere Leser ja eine Interpretation dafür?

Unterdessen geht das auf philosophisch-psychologischer Ebene ausgefochtene Dauerduell zwischen Bedelia (Gillian Anderson) und Hannibal weiter. Sie ist es auch, die uns eröffnet, dass die Geschichte, mit der der Menschenfresser Chiyo in Litauen festhalten wollte, erfunden ist. Sie weiß genau, dass er seine eigene Schwester ermordet und verspeist hat. Man könnte nun meinen, dass dies Hannibals Ursünde war, das Ereignis, das ihn zu dem Monster machte, das er heute ist. Will sieht das anders: „Mischa doesn't define Hannibal. It doesn't quantify what he does.

Aber was definiert ihn dann? Was war der definierende Moment in seinem Leben, der ihn hat überschnappen lassen? Hannibal selbst hat dafür die denkbar einfachste Erklärung: „Nothing happened to me. I happened.“ Nach eigener Lesart ist er also eine Art Naturgewalt, eine unaufhaltsame, weil nicht einschätzbare Macht. Deswegen lehnt er auch ab, die Schuld für den Mord an Mischa irgendwo anders, als bei sich selbst zu suchen: „Mischa didn't betray me. She influenced me to betray myself but I forgave her that influence.“ Dementsprechend gibt es nur einen Weg, wie Hannibal den Betrug durch Will, den er liebt oder einmal geliebt hat, überwinden kann: „I have to eat him.

Diese markerschütternde Feststellung setzt den düsteren Schlusspunkt einer Episode, die sich mit den urmenschlichen Fragen von Verrat und Vergebung beschäftigt. Das eigentümlich gruselige Zusammenspiel von Bedelia und Hannibal gibt dabei weiterhin Rätsel auf. Auf wessen Seite steht Bedelia? Sie eröffnet Hannibal, dass sie glaubt, er werde bald erwischt. Aber ist das als Warnung zu verstehen? Oder als besonders aufmüpfige Vorhersage?

We can all betray

Die in Antipasto gestreuten Hinweise auf eine mögliche Kooperation zwischen Bedelia und Hannibals Jägern wurden seitdem nicht mehr aufgenommen. Beim gemeinsamen Abendessen mit Dr. Sogliato (Rinaldo Rocco) beendet sie sogar, was Hannibal aus reinem Impuls begonnen hat. Die Szene kann durchaus als comic relief eingeordnet werden, zumindest musste ich schmunzeln, als Hannibal seine Lebensabschnittsgefährtin zur Komplizin ernannte: „Technically, you killed him.

Während solche Szenen also mittlerweile als Verschnaufpause in diesem tiefdunklen Gemälde der Grausamkeit genutzt werden, entfalten andere ihre volle Wirkung furchteinflößender Faszination. Die Szene, in der Hannibal seiner Begleiterin die Haare wäscht und sie dabei quasi beiläufig erwähnt, dass sie über Mischa Bescheid weiß, ist wunderbar gruselig inszeniert. Das Sounddesign ist brillant eingesetzt. Immer, wenn Hannibal durch Bedelias Haare fährt, ertönt das wohlig-schauerliche Knistern des Shampoos.

Über die fantastische visuelle Umsetzung dieser Serie muss nicht viel mehr gesagt werden. Regisseur Vincenzo Natali, der bisher alle drei Episoden der neuen Staffel inszeniert hat, lässt es sich sogar nicht nehmen, die Rückkehr von Jack Crawford (Laurence Fishburne) in die Handlung hinreißend schön auf den Bildschirm zu bringen. In einer Kirche trifft er sich mit seinem Florentiner Kollegen Pazzi (Fortunato Cerlino), um das weitere Vorgehen zu besprechen. Er ist jedoch ausschließlich daran interessiert, Will zu finden. Die Jagd nach Hannibal hat er offensichtlich aufgegeben - vielleicht die beste Entscheidung, die er jemals hätte treffen können.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 19. Juni 2015

Hannibal 3x03 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 3
(Hannibal 3x03)
Deutscher Titel der Episode
Nakama
Titel der Episode im Original
Secondo
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 18. Juni 2015 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 19. September 2015
Autoren
Angelina Burnett, Bryan Fuller, Steve Lightfoot
Regisseur
Vincenzo Natali

Schauspieler in der Episode Hannibal 3x03

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