Hannibal 3x02

Ist Hannibal (Mads Mikkelsen) ein Gott für die Menschen, in deren Leben er tritt? Dieser Frage geht Will Graham (Hugh Dancy) in der Episode Primavera nach - innerhalb und außerhalb seines mind palace. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir Zuschauer nur schwer bestimmen können, welche Szenen Wills sprudelnder, mittlerweile außer Kontrolle geratener Imagination entspringen und welche nicht.
What if no one died?
Die großartige NBC-Serie Hannibal hat stets mit dem Stilmittel Surrealismus gearbeitet. In dieser neuen Episode der dritten Staffel treiben Bryan Fuller, sein Koautor Jeff Vlaming und Regisseur Vincenzo Natali dieses Prinzip nun auf die Spitze. Sie schaffen es sogar, die lächerlichsten Wendungen wie annehmbare Handlungsentwicklungen aussehen zu lassen. Hier können sie die Früchte ernten, die sie in den ersten beiden Staffeln mit viel Geduld gesät haben.
Weil sie „Hannibal“ von Anfang an als lange traumhafte Sequenz angelegt haben, würden wir ihnen nun sogar abnehmen, dass Abigail Hobbs (Kacey Rohl) überlebt hat, obwohl ihr in Mizumono die Kehle durchgeschnitten worden war. Um nach der Will-freien Auftaktepisode wieder vollends in dessen abstruse Gedankenwelt eintauchen zu können, liefern uns Fuller und Konsorten zu Beginn dieser Episode eine Rückblende zu den turbulenten Ereignissen im letzten Staffelfinale.
Wir bekommen noch einmal den Dialog vorgesetzt, den die beiden Antagonisten darin geführt haben, während Hannibal mit einem Jagdmesser in Wills Innereien herumwühlte. Ihre Unterhaltung dient als öffnende Klammer für das Ende dieser Episode, in dem sich die schicksalhaft Verbundenen in der Gruft einer italienischen Kirche zumindest stimmlich wiederbegegnen. Will spricht dabei den Satz aus, den sich Hannibal so unbedingt von ihm wünscht: „I forgive you.“ Er weiß, dass das der einzige Weg ist, um überhaupt wieder in eine Position zu kommen, Hannibal gefährlich werden zu können - sollte dies überhaupt möglich sein.
Wie bei Bedelia (Gillian Anderson) - die in dieser Episode keinen Auftritt bekommt - können wir uns bei Will nicht wirklich sicher sein, auf welcher Seite er spielt. Wird er nun abermals versuchen, Hannibal in eine Falle zu locken? Oder ist er der Faszination dieses Übermenschen - dieses Gottes? - nun vollends verfallen? Seine Aussagen gegenüber der eingebildeten Abigail und seinem neuen Wegbegleiter, dem florentinischen Kommissar Rinaldo Pazzi (Fortunato Cerlino aus Gomorrha) lassen jedenfalls keine Rückschlüsse auf eventuelle neue oder alte Loyalitäten zu.
He wanted us to live
Die Begegnung mit Pazzi liefert Will ein Argument dafür, die Jagd auf Hannibal einfach aufzugeben. Ansonsten wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er genauso endet wie sein Ebenbild bei der Mordkommission von Florenz. Der jagt seit 20 Jahren hinter Hannibal her, ohne auch nur einmal in die Nähe einer Verhaftung gekommen zu sein. Gleichzeitig ermöglicht diese Begegnung einen Einblick in die Anfangsjahre von Hannibal als Serienmörder und Künstler seines Fachs. Wie alle guten Künstler hat er nämlich zu Beginn seiner Karriere andere große Künstler kopiert, auf diese Weise sein ganz eigenes Handwerk erlernt, um später den eigenen Stil zu kreieren.

Konkret nahm sich Hannibal damals einen Ausschnitt des Werks „Primavera“ des Renaissance-Malers Sandro Botticelli vor, um es mit Leichen nachzustellen. Die darauf abgebildeten Figuren sind die Nymphe Chloris und der Windgott Zephyr, die gemeinsam die Ankunft des Frühlings symbolisieren - ganz so, wie das nachgestellte Leichenkunstwerk durch Hannibal dessen Frühling als Serienmörder ankündigt. Im Mythos heiraten Zephyr und Chloris schließlich - eine Allegorie, die auch auf Hannibal als Menschenfänger angewendet werden kann, als Halbgott, der es schafft, selbst die renitentesten Kandidaten in sein Gefolge zu locken.
Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären, die von Will und Abigail - und später auch Pazzi - ausgreifend diskutiert wird. Für Gott sei laut Will „Eleganz wichtiger als Leiden“, er mische sich nicht in Menschenleben ein, weil dies zu wenig elegant sei. Abigail fragt daraufhin zu Recht: „You're talking about God or Hannibal?“ Die Frage bleibt unbeantwortet. Derzeit deutet aber alles darauf hin, dass Will seinen vermeintlichen Strippenzieher als eine Art Gott betrachtet, der es scheinbar mühelos schafft, die Leben beliebiger Menschen zu manipulieren. Er (Hannibal, Gott) muss gar nicht praktisch in deren Existenz eingreifen, denn er kann ihr Schicksal bestimmen. Wie Gott das macht, wissen wir nicht. Hannibal erreicht es durch mentale Manipulation.
Das verleitet Will zu dem Gedanken, dass „alles, was passieren kann, auch passieren wird“. Abigail wirft danach ein, dass dies ultimativ bedeute, dass es kein Richtig und kein Falsch geben könne, da ihre Handlungen schließlich vorherbestimmt seien - durch Hannibal. Diese Lesart würde im Umkehrschluss bedeuten, dass es für Will gar keine andere Möglichkeit gäbe, als zu Hannibal zurückzukehren.
You are already dead, aren't you?
Schließlich ist es das, was sich Hannibal sehnsüchtig wünscht, was Abel Gideon in der letzten Episode so richtig angemerkt hatte. Deswegen macht er Will auch dieses furchteinflößende Geschenk, das sich in dessen Vorstellungen zu etwas noch viel Furchteinflößenderem entwickelt. Aus dem aus Menschenteilen gefertigten Herz entfaltet sich plötzlich eine Kreuzung aus Mensch und Elch, der kopflos auf Will zustakst. Für manch Kollegen aus Übersee war dies das bisher furchterregendste Horrortableau der gesamten Serie, womit ich nicht übereinstimme.
Es gab in Hannibal schon weitaus schlimmere Horrorschöpfungen aus den Köpfen von Bryan Fuller und Co (einige davon haben wir Serienjunkies kürzlich zusammengefasst). Primavera bestätigt indes den Eindruck aus dem Staffelauftakt, dass Fuller und sein Regisseur Natali geradezu vernarrt sind in extravagante visuelle Spielereien. Bei aller Liebe für in Zeitlupe fallende Wassertropfen und rauschende Blutbäche sollte darauf geachtet werden, sich nicht zu sehr darin zu verlieren.
Fuller nennt seine Serie selbst schon prätentios. Reine Selbsterkenntnis gewährt aber noch lange keinen Freifahrtschein für erzählerische Redundanz - und ist schon gar kein Garant für eine gute Geschichte. Der Plot schleicht in dieser Episode nur millimeterweise voran, was momentan noch funktioniert, weil wir uns in einer neuen Umgebung befinden. In den nächsten Episoden würde ich es aber begrüßen, wenn eine oder mehrere Zeitlupenaufnahmen für einen zügigeren Handlungsfortschritt geopfert werden würden.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 12. Juni 2015Hannibal 3x02 Trailer
(Hannibal 3x02)
Schauspieler in der Episode Hannibal 3x02
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